Ambivalente Argumente

Intersexualität Das Für und Wider eines operativen Eingriffs bei Intersexualität ist schwer abzuwägen

Siebenhundertundzwölf Seiten umfasst die Krankenakte, die Michel Reiter am Ende des Films den Flammen übergibt. Drei Aktenordner voll mit Blättern, auf denen Ärzte 22 Jahre lang penibel die Stationen seiner verordneten Leidensgeschichte vermerkt haben. Gesprochen wurde zu Hause nie darüber, was ihn von anderen Kindern unterschied. "Ich wusste nur, dass etwas falsch mit mir war. So total verkehrt, dass man mir so weh tun musste", sagt Reiter zu Beginn von Oliver Tolmeins und Bertrams Rotermunds Film Das verordnete Geschlecht.

In der Tat klingt das, was an Reiter verbrochen wurde, wie ein Alptraum: Weil die Ärzte sein Geschlecht nach der Geburt nicht eindeutig einer der beiden Kategorien männlich/weiblich zuordnen konnten, griffen sie zum Skalpell. Was ihnen für eine Klitoris zu groß und einen Penis zu klein schien, wurde abgeschnitten und eine künstliche Vagina geformt, die Reiter selbst als "nerval totes Gewebe" bezeichnet. Um zu verhindern, dass sie sich schloss, musste sie jahrelang künstlich gedehnt werden. Hormongaben und regelmäßige Begutachtungen sollten zusätzlich sicherstellen, dass das Mädchen Birgit sich altersgemäß entwickelte. Bis Reiter irgendwann alle medizinischen Maßnahmen ablehnte. "Es gibt ein Wissen darum, dass ich diesen Körper, selbst wenn ich es wollte, nie wieder so herstellen lassen könnte, wie er mal gewesen wäre, hätten sie nichts gemacht. Und es gibt heute eine Akzeptanz, wie mein Körper ausschaut. Es gibt aber kein positives Körpergefühl", beschreibt er das Ergebnis der jahrelangen Torturen im Film.

Die ideologische Rückendeckung für Eingriffe dieser Art lieferten Mitte der fünfziger Jahre Sexualwissenschaftler wie John Money. Nicht die Natur, sondern allein die Umwelt, bestimme die geschlechtliche Identität eines Kindes, befand der in den USA lehrende Neuseeländer und riet dazu, betroffene Kinder möglichst schon vor dem zweiten Lebensjahr operieren. Nur mit einem "normalen", also unauffälligen Genital könnten sie die gewünschte eindeutige Gender-Identität entwickeln und frei von Stigmatisierungen aufwachsen, so seine Theorie. Doch in der Praxis, so kritisieren VertreterInnen der Intersexuellenbewegung, sehen die Ergebnisse oft anders aus.

Uneinheitlich sind allerdings die Forderungen, die sich daraus ergeben - auch unter den Betroffenen selbst: Sind vor allem eine genauere Zuweisung des "richtigen" Geschlechts, bessere psycho-soziale Betreuung und schonendere Operationsverfahren nötig oder soll generell auf alle Eingriffe an intersexuell geborenen Kindern verzichtet werden, die nicht lebensnotwendig sind? Und was muss sich zuerst verändern: die medizinische Praxis, Eindeutigkeit herzustellen, wo keine ist, oder die Gesellschaft, die jedes Ausscheren aus der zweigeschlechtlichen Norm als Abweichung sanktioniert?

Für die Ärztin Anette Grüters ist die Entscheidung klar. "Ich kann nicht ein Kind ohne festgelegte Geschlechtsrolle in eine Gesellschaft loslassen, die dafür nicht bereit ist", betonte sie auf einem Fachgespräch auf Einladung der grünen Bundestagsfraktion. Die Diskriminierungen und Verunsicherungen, die ein Kind in dieser Gesellschaft mit einem intersexuellen Genital erleiden müssten, seien so gravierend, dass sie als Ärztin die Pflicht habe, ihre PatientInnen davor zu schützen.

Doch dass Operationen alleine nicht der richtige Weg sein können, weiß auch sie. Gemeinsam mit dem Psychotherapeuten Knut Werner-Rosen hat Grüters deshalb am Berliner Virchow-Klinkum ein Modell aufgebaut, das die Eltern intersexuell geborener Kinder unterstützen soll. Denn nur Eltern, die sich mit den Ängsten und Bedrohungen auseinandergesetzt haben, die eine solche Abweichung von der symbolischen Ordnung für ihre eigene Identität bedeutet, so Werner-Rosen, könnten eine qualifizierte Entscheidung für oder gegen eine Operation treffen. Dabei geht es ihm um eine höhere Lebensqualität für die Betroffenen, aber auch um eine gesellschaftliche Veränderung. Seine These: Familien mit intersexuellen Kindern, in denen nicht Ängste, Tabus und Traumata regieren, stellen die notwendige Bedingung dafür dar, dass die Gesellschaft Abweichungen von der geschlechtlichen Norm verkraften kann.

Informationen zum Film von Tolmein/Rotermund unter www.das-verordnete-geschlecht.de

Zur politischen Diskussion der Inter- und Transsexualität hat eine Arbeitsgruppe der Heinrich Böll Stiftung kürzlich folgendes Buch herausgegeben: polymorph (Hrsg.), (K)ein Geschlecht oder viele? Transgender in politischer Perspektive. Querverlag GmbH, Berlin 2002

00:00 25.10.2002

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