Amerika

Kehrseite II Der Saal tobte. Wenn Peter Bonnofsky nun die Nerven behielt, dann wäre er Tagessieger und somit Gewinner der vierwöchigen Weltreise im Wert von über ...

Der Saal tobte. Wenn Peter Bonnofsky nun die Nerven behielt, dann wäre er Tagessieger und somit Gewinner der vierwöchigen Weltreise im Wert von über 25.000 Euro. Nur noch die Schlussfrage richtig beantworten. Peter Bonnofsky entschied sich zum Weitermachen. Da bedurfte es keiner Überlegung. Alles oder nichts hieß die Devise. Und er verlangte nach der entscheidenden Tagesfrage.

Das Saallicht wurde ausgeschaltet. Auf Peter Bonnofsky ruhte ein gleißender Scheinwerfer. Er nahm die Kopfhörer. Nicht die geringsten Anzeichen von Nervosität waren zu erkennen. Im Gegenteil, er hatte ein beinahe zufriedenes Lächeln im Gesicht. Was für eine Frage würde er ziehen? Der Showmaster reichte ihm den kleinen Packen Kuverts, den er nun mischen durfte. Wie oft waren in dieser Situation den Kandidaten schon alle Kuverts aus den Händen geglitten. Nicht so bei Peter Bonnofsky. Der Packen war gemischt und wieder zurückgereicht. Jetzt zog er scheinbar gleichgültig eines heraus. Nun waren alle auf die Frage des Tages gespannt. Alles war möglich. In den Umschlägen verbargen sich Fragen, die kein Wissenschaftler ohne Nachschlagewerk hätte beantworten können, ebenso wie Fragen, auf die jedes versetzungsgefährdete Kind der dritten Hauptschule die richtige Antwort wüsste. Das Kuvert war geöffnet. Im Saal war nun kein einziger Laut mehr zu hören. Dreißig Sekunden hatte er Zeit. Die Tagesfrage lautete: In welchem Land steht die Freiheitsstatue?

Man konnte ein leichtes Schmunzeln um Herrn Bonnofskys Mundwinkel kurz aufblitzen sehen, als er die Frage gehört hatte. Peter Bonnofsky schaute kurz auf zu seiner Frau, die in der ersten Reihe saß. Die Uhr tickte.

Es war stets der größte Wunsch von ihm und seiner Frau gewesen, sich die Welt anzusehen oder einfach zu reisen. Sein Bruder Edgar aus Salzgitter hatte dies all die Jahre immer gemacht. Aber sie hatten ja in den vergangenen vierzig Jahren niemals die Möglichkeit und das Geld auch nicht. Das Vereinsheim an der Ostsee, das war ihr Urlaub all die Jahre gewesen, gemeinsam mit den vielen Kollegen und Kolleginnen. Nicht dass es dort nicht auch schön gewesen wäre, aber vierzig Jahre. Doch dies hatte sich nun alles geändert. Zum Glück. Und jetzt hatte er es selbst in der Hand.

Das Ostseebad war den Bonnofskys auch noch wegen einer anderen Sache unlieb geworden. Vor fünf Jahren im August war es dort zu diesem hässlichen Zwischenfall gekommen, den zwar jeder gerne zu vertuschen versuchte, aber ganz vertuschen ließ er sich nun einmal nicht. Zwar wurde offiziell stets darauf beharrt, dass der leckgeschlagene Tanker keine Chemikalien an Bord gehabt hätte, aber in jenem Sommer begann Bertas Nervenkrankheit, und sie war nicht die einzige. Man hatte die Fälle von höchster Instanz untersuchen lassen, das Bad wurde sogar für einen Sommer geschlossen. Und dann war das Untersuchungsergebnis in der Zeitung und den Fernsehnachrichten veröffentlicht worden. Unabhängig voneinander seien die beauftragten Wissenschaftler alle zu dem Ergebnis gekommen, dass keine Kausalität zwischen dem Tankerunglück und den paar wenigen zu diesem Zeitpunkt aufgetretenen Nervenkrankheiten einiger Badegäste bestehe. Das Ostseebad könne somit ab sofort wieder geöffnet werden. Es wurde wieder geöffnet. Zwar war das für die Bonnofskys keine befriedigende Antwort, aber was hätten sie auch gegen diesen Befund unternehmen können. Nein, sie waren eigentlich schon ganz froh, dass Berta sehr rasch ein Rollstuhl zugeteilt werden konnte. Und so hatten sie die letzten Jahre ihren Urlaub in einer kleinen Feriensiedlung im Märkischen bei Caputh verbracht, da es dort auch eine Krankenstation gab.

Aber dies alles war im Augenblick vergessen.

Immer lauter und bedrohlicher wurde jeder weitere Sekundenschlag. Die Anspannung im Saal war fast nicht mehr zu ertragen. Das rhythmische Klatschen der Zuschauer, das kurzzeitig angestimmt wurde, war längst verstummt. Jeder im Saal schien die Antwort zu wissen, doch Peter Bonnofsky sagte keinen Ton. Er sagte nichts. Ja, es schien beinahe, als versuche er nicht einmal, etwas zu antworten. Noch fünf Sekunden. Und da kam auch schon der unerbittliche Gong, der ihm beinahe das Trommelfell zu zerschlagen drohte. Fassungslos, ungläubig, ja fast verzweifelt blickte der gesamte Saal stumm auf Peter Bonnofsky. Die Zeit war abgelaufen.

Es war zu spät. Peter Bonnofsky nahm seine Kopfhörer ab und sagte - aber das hätte ohnehin keiner mehr gehört, da bereits die Musik des Abspanns lief -, leise zu sich selbst: "Amerika."

Claudius Wiedemann wurde 1961 in Augsburg geboren. Er schreibt Theaterstücke und Kurzgeschichten, ist als Journalist tätig und doziert Literatur und Theater an der Fachhochschule Augsburg.


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