Amerikanischer Träumer

Maske Eine kanadische Monographie über Randy Newman

Die Jahre, da die Rockmusik pauschal als rebellisch, als Alternativkultur gelten konnte, liegen weit zurück. Der Rock und was sich von ihm ableitet, ist längst im Mainstream angelangt. Er repräsentiert das Zentrum der verbreiteten Musikkultur und heute orientiert sich eher, wozu er einst eine kämpferische Alternative anbot, nämlich die so genannte "Klassik", an den Selbstdarstellungs- und Vermarktungsmechanismen des Rock als umgekehrt. Das Klassik- Radio ist dafür nur ein extremes und besonders abschreckendes Beispiel. Die Gestaltung der CD-Hüllen ließe sich als weiteres Symptom für diese Entwicklung interpretieren.

Innerhalb des Rock gab es aber immer schon eine Alternative zum Hauptstrom, der die Rundfunkprogramme und die Hitlisten, die Klatschspalten und die Kassen füllt. Es gab immer schon Musiker, deren Bedeutung, immer schon Musik, deren Qualität in einem eklatanten Missverhältnis zu ihrer Bekanntheit stand. Randy Newman ist einer von ihnen. Zwar hat er eine beachtliche und treue Fangemeinde, die ihn verehrt, von ihm schwärmt, ihn für den Größten hält, aber dass der wirklich populär wäre, lässt sich nicht behaupten. Wenn überhaupt etwas, dann fällt den meisten Befragten zu ihm nur die läppische Geschichte vom Protest Kleinwüchsiger gegen seinen Song Short People ein, die gleichwohl etwas aussagt über eine Besonderheit von Newmans Werk: Es ist ironisch oder satirisch und das verleitet nicht nur zu Missverständnissen, auf deren Primitivität, die Verwechslung von Autor und Figur bzw. Rolle, hinzuweisen allerdings allmählich langweilt, es ist auch in der Rockmusik nicht alltäglich.

Schon in seinem Auftreten unterscheidet sich Randy Newman vom üblichen Rockmusiker. Bei seinen seltenen Konzerten setzt er sich ans Klavier, schaut kaum ins Publikum, singt einen Song nach dem anderen, fast schüchtern, ohne die geringste Anstrengung, gestisch oder mimisch etwas anzubieten, was mit dem Begriff "Show" zu charakterisieren wäre. Text und Musik - und diese zudem ohne die raffinierten Orchesterarrangements, die er auf den meisten Schallplattenaufnahmen hinzufügt -, das ist alles, was bei Randy Newmans Live-Auftritten zählt. Im Erscheinungsbild ist er einem französischen Chanteur oder einem Sänger wie Paolo Conte weitaus näher als dem amerikanischen Verständnis von Entertainment. Man könnte ihn mit Woody Allen vergleichen: So sehr beide in der Wirklichkeit der USA verwurzelt sind, so sehr sie ihre Stoffe aus dieser beziehen, wirken sie doch auf erstaunliche Weise eher europäisch als amerikanisch.

So dürfte es kein Zufall sein, dass eine umfangreiche und seriöse Monographie über Randy Newman, die für Newman-Fans unverzichtbar scheint, nicht in den USA, sondern in Kanada erschienen ist. Kanada grenzt zwar an die USA und bekommt dessen Einflüsse notgedrungen noch stärker zu spüren als Europa, aber dennoch oder gerade deshalb orientieren sich Künstler und Intellektuelle in Kanada gerne an der "Alten Welt". Man denke nur an die kanadische Filmproduktion. Atom Egoyan oder Denys Arcand stehen dem europäischen Autorenfilm gewiss weitaus näher als Hollywood.

Der Autor Kevin Courrier rechnet Randy Newman - zusammen mit Frank Zappa, über den er auch ein Buch geschrieben hat, und mit Kinky Friedman - zu den Schöpfern von "Comedy Music", einem Begriff, der im Deutschen kein Pendant hat und auch schwer zu übersetzen ist, zumal wenn man bei Comedy an die idiotischen Blödelsendungen des Fernsehens denkt. Doch dieser einleitende Versuch einer Gattungsbestimmung wird nicht weiter verfolgt.

Courrier beschäftigt sich dafür mit so heterogenen Aspekten wie der unverwechselbaren Stimme Randy Newmans und dem Problem des "unzuverlässigen Erzählers", einer Kategorie der Literaturwissenschaft, die in Newmans Songs eine zentrale Rolle spielt, wie der jüdischen Tradition, in die sich Newman partiell einordnen lässt, und seiner Filmmusik, wie den zahlreichen Coverversionen von Newman-Songs und versteckten Anspielungen einzelner Texte. Als Leitmotiv zieht sich das Wort "Maske" durch das ganze Buch. Das scheint plausibel bei einem Songwriter, der vor allem durch seine Rollenlieder bekannt wurde. Andererseits ist der Begriff der "Maske" so multifunktional, so universell, dass er schon fast nichts mehr aussagt. Ödön von Horváth hat ihn ebenso bemüht wie Elias Canetti, und eben erst hat Peter von Matt die "Verkleidung", die der "Maske" eng verwandt ist, zum konstitutiven Merkmal der Intrige ernannt.

Natürlich enthält die Arbeit einen Haufen biographischer Details, die zu rekapitulieren den Rahmen einer Rezension sprengen würde. Manchen Lesern mögen sie allzu ausführlich erscheinen, aber sie gewähren einen Einblick in den amerikanischen Kulturbetrieb, der über den eigentlichen Gegenstand, über Randy Newman eben, hinausgeht. Gerade am Beispiel dieses untypischen Künstlers werden viele typische Züge der ihn umgebenden Realität sichtbar. Ausgerechnet im Zusammenhang mit dem unmissverständlichen Song Political Science bringt Courrier Bush und den Irak-Krieg ins Spiel, um einen kleinen Kratzfuß vor den USA zu machen. Das erweist sich als überflüssig wie ein Kropf. Der vorletzte Satz aber in Kevin Courriers Buch über Randy Newman lautet: "Ein amerikanischer Träumer zu sein, daran erinnern uns seine Songs kontinuierlich, bedeutet zu lernen, wie man mit den unlösbaren Wahrheiten dessen leben soll, was diese Träume bedeuten." Eindeutiger könnte es auch das Delphische Orakel nicht formulieren.

Kevin Courrier: Randy Newman´s American Dreams. ECW Press, Toronto 2005,
348 S., $ 18.95 U.S., $ 22.95 CDN


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00:00 08.09.2006

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