Amerikas radikaler Prophet

Martin Luther King zum 75. Geburtstag Das Kuschelfest für einen Revolutionär

Der afro-amerikanische Bürgerrechtsführer Dr. Martin Luther King wäre am 15. Januar 75 Jahre alt geworden. Die USA begehen den Geburtstag seit 1986 als Nationalfeiertag. Heute - knapp 36 Jahre nach dem tödlichen Attentat auf King - lobt jeder den Friedensnobelpreisträger. Selbst der konservative Justizminister John Ashcroft tritt bei Gedenkfeiern auf. Er hoffe, dass "Bürger unserer großen Nation nicht auf Grund ihrer Hautfarbe bewertet werden, sondern auf Grund ihres Charakters". Der Lobgesang verdeckt den wirklichen King: Den radikalen christlichen Pazifisten, der auch Revolution im Sinn hatte.

Der im Apartheid-Amerika geborene Martin Luther King war "Produkt" einer schon in den vierziger und fünfziger Jahren heranwachsenden afro-amerikanischen Bewegung für das vor allem im Süden verweigerte Recht, wählen zu "dürfen", gegen Rassismus und Rassentrennung. Afro-Amerikaner verbuchten erste Erfolge, als Präsident Harry Truman nach 1945 die Streitkräfte integrierte und sich für Anti-Lynchgesetze stark machte, und als sein Nachfolger Dwight Eisenhower Mitte der fünfziger Jahre bereit war, die höchstrichterlich verordnete Rassenintegration der Schulen durchzusetzen. Apartheid passte nicht in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und erfüllte nicht mehr die wirtschaftlichen "Bedürfnisse" der USA.

Aber aus Sicht der Schwarzen ging alles sehr langsam. Vielerorts im Süden, wo die meisten Afro-Amerikaner leben, kam es zu kleinen und größeren Rebellionen gegen die weiße Herrschaft, etwa den Monate anhaltenden und letztendlich erfolgreichen schwarzen Boykott der städtischen Busse in Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, aus Protest gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln. Als örtlicher Baptistenpastor wurde der damals gerade 27-jährige Martin Luther King Boykott-Koordinator. Weiße Rassisten legten Sprengsätze in vier schwarze Kirchen, Kings Wohnhaus wurde bombardiert, auf ihn selbst geschossen. Doch sein Charisma wie seine auch moralische und politische Klarheit - nach den Grundlagen der Bibel und der US-Verfassung dürfe niemand wegen seiner Hautfarbe diskriminiert werden - fanden Beachtung weit über Montgomery hinaus. Das galt ebenso für Kings Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit, nicht nur als Taktik, sondern als Lebenshaltung.

Konservativen Weißen freilich ging alles zu schnell. Die Bundespolizei FBI zettelte Verleumdungskampagnen an, überwachte den Bürgerrechtler, hörte sein Telefon ab, startete Lauschangriffe und schickte Spitzel und Provokateure in Bürgerrechtsverbände. FBI-Chef J. Edgar Hoover witterte Kommunismus und warnte Präsident Kennedy und dessen Nachfolger Johnson vor wirklichen und vermeintlichen Marxisten in Kings Umfeld. Derartiges kommt bei den offiziösen Gedenkfeiern nicht zur Sprache. Auch die Erinnerungen an King hören gewöhnlich Mitte der sechziger Jahre auf - oft schon mit der "Ich habe einen Traum"-Rede aus dem Jahr 1963.

King habe sich zeit seines Lebens radikalisiert, dokumentiert der Autor Stewart Burns in einer zum 75. Geburtstag erscheinenden neuen Biografie. Der junge Baptistenpastor war einer der ersten Bürgerrechtler, der den Vietnamkrieg verurteilte. Viele Bürgerrechtler sagten nichts, sie wollten es sich nicht mit dem wohlgesonnenen Präsidenten Lyndon B. Johnson verderben. 1967 warnte King, die "Bürgerrechtsära" sei nicht groß genug. Man müsse für umfassende Menschenrechte kämpfen. Jeder habe das Recht auf eine Wohnung und eine gute Schulbildung. King forderte "radikale Strukturveränderungen" zur Umverteilung des Reichtums. Nicht nur Reformen, sondern eine "Revolution der Werte", um die Übel des Rassismus, der Ausbeutung und des Militarismus auszumerzen. Und er prangerte die Arroganz der USA an - die Vereinigten Staaten seien "der größte Verursacher der Gewalt in der Welt", sagte er 1967. Worauf das Wochenmagazin Time kommentierte: Das höre sich doch an wie eine Propagandarede für Radio Hanoi in Nordvietnam.

Trotzdem hat King den Glauben an amerikanische Ideale offenbar nie verloren. "Das Großartige an der amerikanischen Demokratie" sei, dass man das Recht habe, sich politisch für seine Belange einzusetzen.

Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis/Tennessee bei der Vorbereitung auf eine Solidaritätskundgebung für streikende Arbeiter der städtischen Müllabfuhr erschossen. Der Attentäter James Earl Ray sympathisierte allem Anschein nach mit rassistischen Hassgruppen, er verstarb 1998 im Gefängnis.

Nach dem Attentat kam es in Dutzenden Städten zu Ausschreitungen. Ganze Wohnviertel wurden niedergebrannt. Richard Nixon wurde Präsident. Kings "Revolution der Werte" war gescheitert, obwohl die Bürgerrechts- und die Antikriegsbewegung politisch erfolgreich waren. Die Witwe Coretta Scott King und ihre Kinder verwalten heute Kings Erbe, vermarkten seinen Nachlass, selbst für Fernsehwerbespots. Sie achten darauf, dass King als Held aufs Podest gestellt wird, dass seine vielen Frauengeschichten unter den Teppich gekehrt werden. Viele Mitstreiter von damals sind verstorben. Schon in den Monaten vor Kings Tod und erst recht danach zersplitterte die Bewegung: Manchen wurde King zu radikal, anderen in der Black Power-Bewegung war er nicht radikal genug. Mitte der siebziger Jahre dann hatte sich Amerikas Reformbereitschaft erschöpft. Aber gleichzeitig hatten die Vereinigten Staaten ihre außergewöhnliche Fähigkeit unter Beweis gestellt, tiefgreifende Reformen zuzulassen und die Reformer ins amerikanische Projekt zu integrieren. Auf King - den radikalen Propheten - hatte das Land allerdings keine Lust.

00:00 09.01.2004

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