Amthors Antithese

Porträt Erik von Malottki will einen berüchtigten CDU-Mann schlagen und für die SPD in den Bundestag einziehen
Amthors Antithese
Er hat Plakate mit einer Entschuldigung für Hartz IV drucken lassen, will die SPD zur Anti-Korruptions-Partei machen. Olaf Scholz würde Malottki zum Kanzler wählen

Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Einen Kaffee bietet Erik von Malottki an, „vielleicht ein Stück Kuchen dazu?“. Der August vor der Bundestagswahl, Hafenflohmarkt in Ueckermünde. Ein Genosse Malottkis organisiert den Flohmarkt mit, ein Platz in bester Lage für den Stand ist dem Kandidaten der SPD sicher. Hier will Erik von Malottki, 35, das Bundestagsdirektmandat erringen, und hier wird fündig, wer in diesem Wahlkampf nach Inhalten sucht. Als auf einem der gemütlichen Sessel am Stand eine Pflegerin von den schlechten Arbeitsbedingungen berichtet, glühen Malottkis Augen.

Niemand lamentiert bei Kaffee und Kuchen über Lebensläufe, es geht um Energiepreise, Arbeitsbedingungen in der Pflege, das Fehlen von Tarifbindung sowie Personal – und um die Glaubwürdigkeit von Politikern. Weswegen in den Gesprächen nicht selten der Name des Mannes fällt, der den hiesigen Wahlkreis 16 – Mecklenburgische Seenplatte I, Vorpommern, Greifswald II – 2017 gewonnen hat, als jüngster aller Erststimmen-Sieger: Philipp Amthor, inzwischen 28 Jahre alt, CDU, früher auch: Augustus Intelligence.

Gefühlt hat Amthor in den vergangenen vier Jahren mehr Skandale verursacht als mancher Abgeordneter in einem Leben. Jüngst berichtete der Spiegel über ein Treffen Amthors mit dem Cheflobbyisten der Tiktok Germany GmbH, eine anschließende Förderung der Onlineplattform für das vom CDU-Mann unterstützte Usedomer Musikfestival sowie Sponsoringpläne zugunsten der Jungen Union, deren Bundesschatzmeister Amthor ist. Erik von Malottki sagt: „Das bestätigt nur die Vorurteile, dass Abgeordnete im Bundestag sich nicht um die Bürger kümmern und Politik käuflich ist. Am Ende ist der Schaden für die Demokratie immens.“ Er selbst hat mit anderen SPD-Bundestagskandidat*innen eine Selbstverpflichtung unterschrieben, im Bundestag keine Nebenjobs anzunehmen. Die SPD, sagt Malottki, soll die Antikorruptions-Partei werden, kritisch sieht er die fehlende Distanz seiner Partei zu Lobbyisten und Bankern, wie sie etwa Treffen zwischen Olaf Scholz und Christian Olearius von der tief in den Cum-Ex-Skandal verwickelten Warburg-Bank dokumentieren.

Zum Kanzler würde er Scholz trotzdem wählen, weil er der sozialste der drei Kanzlerkandidat*innen sei. Malottki gilt in der SPD als Linker, sieht sich in der Tradition von Bernie Sanders als „pragmatic progressive“, der trockene Gremienarbeit nicht scheut, etwa Haushaltspläne studiert, um zu prüfen, ob soziale Projekte genug Unterstützung erhalten. Malottki hat Plakate drucken lassen, auf denen er sich persönlich für die Rolle der SPD bei Hartz IV entschuldigt. Er hofft auf eine selbstbewusste nächste SPD-Bundestagsfraktion mit einer dort stark vertretenen Parteilinken, die Olaf Scholz klar widerspricht und ihn kritisiert, wenn er vom sozialen Kurs abweicht. Erneut Juniorpartner der Union zu werden, etwa in einer Kenia- oder in einer Deutschland-Koalition, wäre Malottki ein Graus.

1986 noch in der DDR geboren, wuchs der Sohn eines Försters in der Nähe von Schwerin in einem Dorf mit sechs Häusern auf. Sein ganzes Leben hat Malottki Mecklenburg-Vorpommern kaum verlassen, „nur einmal für ein Auslandsjahr war ich in Australien“, lacht er. Nach seiner Rückkehr von dort begann er an der Universität Greifswald Geschichte und Politikwissenschaften zu studieren. Erst an der Uni merkt er, wie Politik Veränderung bewirken kann – etwas, das er nach seinem Eintritt in die SPD mit 18 bei Ortsvereinssitzungen oder Treffen der Jusos vermisst hatte. In Greifswald gründet er mit anderen die Hochschulgruppe der Jusos, zieht ins Studierendenparlament ein, stellt Anträge, kämpft für die Freiheit studentischer Medien, organisiert Demos und verfolgt 2013 vergeblich Angela Merkel, um ihr Unterschriften für eine Petition des Bündnisses „Bildung braucht Priorität“ zu überreichen. Als die Bundesregierung dann doch Millionen für die Hochschulen zur Verfügung stellt, erlebt er das auch als Erfolg des Drucks der eigenen politischen Arbeit.

Im Kreistag Vorpommern-Greifswald und in der Bürgerschaft sitzt er seit 2014, wurde gewählt trotz eines ungünstigen Listenplatzes, als Kommunalpolitiker erkennen ihn auch die meisten beim Flohmarkt in Ueckermünde. 2018 heuert er als hauptberuflicher Referent für Jugendhilfe, Sozialarbeit und Organisationspolitik bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) an, verantwortet etwa Tarifverhandlungen. Malottki war außerdem Initiator eines Bürgerbegehrens zur Verbesserung des Personalschlüssels in Kitas im Landkreis Vorpommern-Greifswald.

Bildungspolitik ist sein Steckenpferd, er sieht die Aussage Annalena Baerbocks, Geld sei genug da, aber nur falsch im System verteilt, kritisch. Vielmehr müssten der Bildungsetat verdoppelt werden, Förderprogramme ohne Eigenanteile von Kommunen aufgelegt, mehr Personal an den Schulen für kleinere Klassen eingestellt und mehr Kompetenzen auf den Bund übertragen werden, auch um die Konkurrenz der Länder im Kampf um Lehrkräfte zu beenden.

Nach dem Ueckermünder Hafenflohmarkt ist Malottki noch beim Brückenfest der Usedomer Eisenbahnfreunde zu Gast, wo sie seit Jahren für die Wiederbelebung einer Eisenbahnbrücke kämpfen. Der Vorsitzende begrüßt den SPD-Mann. Schönwetterauftritte seien nicht sein Ding. „Ich will in den Bundestag, aber nicht um jeden Preis“, sagt er. „Verstellen werde ich mich nicht. Das merken die Leute dann.“

Jenny Günter moderiert und produziert den Politik-Podcast Einmischen!

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