An Bord der „MS Freitag“

20 Jahre Freitag Blogger merdeister gratuliert dem Freitag zum zwanzigsten Geburtstag mit einem Stück, das von hoher See erzählt

Bei voller Fahrt das Kommando auf einem Schiff übernehmen, es umbauen, den Motor überholen und dabei weiter Fische fangen? Was Jakob Augstein mit der MS Freitag vorhatte, hörte sich nach einem Abenteuer an. Ich wollte dabei sein und ging an Bord.

In den ersten Tagen ist der Nebel so dicht, dass ich nicht sagen kann, wer an Deck hin und her läuft. Doch trotz schlechtem Wetter ist hier immer etwas los und wo die Reise hingeht, ist schnell klar: „In der Bundeszentrale für aktive Zungenspaltung und regressive Aufarbeitungskompetenz werden täglich bis zu sieben Regalmeter deutsche Geschichte geschreddert und anschließend neu zusammengefügt.“ (kay.kloetzer)

Der Kapitän ist meist nur zu sehen, wenn der Fang im Hafen verkauft wird, oder zu hören, wenn es Durchsagen von der Brücke gibt. Bei Gesprächen an Deck ist er selten anwesend. Er will das Schiff wieder flott machen, doch nicht jedem gefällt der neue Kurs. „Glaubst Du, er meint es ernst?“ Die Nachricht leuchtet im Chatfenster. „Ich weiß nicht. Ich denke schon.“ Enter. Ich überlege kurz. „Doch, er meint es ernst.“ Enter. Diese Aussage stützt sich lediglich auf die wenigen Minuten, die sich Jakob Augstein nach dem Freitag-Salon zu den plaudernden Community-Mitgliedern gesetzt hatte. Ich hatte nicht das Gefühl, als wolle er seinen Garten pflegen, ich spürte ehrliches Interesse.

Auf hoher See halten trotz der großen Netze viele von uns ihre Angeln ins Wasser. Die Fische sind oft klein und werden kritisch begutachtet, manchmal schweigend, manchmal laut. Große Fische werden mit dem Fang der Woche im Hafen verkauft, der Rest an Bord gegessen. Das Meer ist nicht so einsam wie man denkt. Überall sind Schiffe, um den selben Fisch zu fangen wie die MS Freitag. Ich bin froh, wenn ich einen aus dem Wasser bekomme, und wenn mal einer zu groß ist, finden sich immer ein paar Leute, die mit anfassen. Jeder hat eine Aufgabe, wenn auch kaum einer weiß, welche. Wie Schwarmintelligenz funktioniert kann man hier gut beobachten und auch für Schwarmdummheit gibt es Beispiele. Je nach Meinung mehr oder weniger. Es sind Einige gegangen, in den zwei Jahren, die ich an Bord bin. Laut und leise, freiwillig und gezwungen, auf Nimmerwiedersehen und bis bald.

„Aber das Lächeln kommt doch nicht dadurch in die Welt, dass man das fehlende Lächeln in der Welt beklagt“ (Titta)

Es ist noch immer Platz an Bord, und wenn ich jetzt schreibe, jeder sei willkommen, dann ist das eine Lüge. Wenn jemand zu viel Seemannsgarn erzählt, wird es rau an Bord, manchmal zu rau. Viel Seemannsgarn gibt es auch auf anderen Schiffen, doch die Leute dort haben natürlich keine Ahnung und wenn eines vorbeikommt, lassen wir sie das wissen. Allerdings hat der Kapitän dann manchmal Angst. Denn wenn wir alle brüllend an der Reling stehen, hat das Schiff zu sehr Schlagseite nach links. Doch irgendeiner ruft immer: „So’n Quatsch, da geht noch was!“

Nirgendwo lernt man so viel über das Meer und die Menschen wie auf einem Schiff. Ahoi Freitag!


ist 31 Jahre alt, bloggt seit zwei Jahren beim Freitag und liegt in Aachen vor Anker

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