An der Brache hält ein Bus

Baustellenkultur Ein Land, das ein Museum ist und nichts davon wissen will: Beobachtungen in der albanischen Kunstszene

Wie ein ewiger Mittag brütet die leere Hitze über dem Skanderbeg-Platz. Plötzlich prescht eine Horde Autos heran, glänzende Limousinen und klapprige Minitransporter, auf der Ladefläche klammern sich Kinder fest. Die Fahrzeuge legen sich in die Kurve, es gibt keine Spuren auf der Fahrbahn, aber die Autoströme fließen ineinander, als gäbe es eine geheime Choreografie. Und der Busfahrer, der ständig auf die Hupe drückt und dazu rhythmisch Verwünschungen und Flüche ausstößt, vollzieht ein Ritual, mit dem er den Verkehr in Schach hält. Schnurgerade führt der Boulevard der Märtyrer auf die Universität zu, auf deren Dach nicht mehr der Name des Ex-Diktators Enver Hoxha prangt, sondern eine gigantische Mobilfunkantenne.

Tirana ist hell, mit weiten Plätzen, viel Himmel und großen alten Bäumen, die nach Süden aussehen, nach Mittelmeer. Auch wenn man die Karte von Europa im Kopf hat, dieses Land ist nicht darauf verortet. Das Sky-Café rotiert wie eine Raumkapsel hoch über der Stadt, in der Ferne ist die Adria zu sehen und die Frachter, die den Hafen von Durres Richtung Apulien verlassen. Unten zieht die Kulisse Tiranas vorbei: Überall windige Hochhäuser, vor zehn Jahren gebaut und so heruntergekommen, dass sie schon bald wieder abgerissen werden. An den Stahlträgern der Rohbauten baumeln seltsame Objekte: Kuscheltiere, Teddybären, Stoffhasen, und man fragt sich, ob sie damit den Geist der Kindheit und Unschuld anrufen wollen gegen ihr haltloses Bekenntnis zur Zukunft. Wer im Zentrum von Tirana nach historischen Gebäuden sucht, den schauen die Menschen entgeistert an: Wozu, fragen sie, hier sind unsere neuen Gebäude.

Draußen auf dem Boulevard sammeln sich Hitze und Abgase. Die Berge umschließen die Stadt von allen Seiten. Was für eine Erleichterung, wenn das Licht langsam schwindet und es kühler wird, das Pflaster fängt an zu leuchten, in den Lautsprechern am Minarett knistert und rauscht es, dann hebt der Muezzin zu seinem Singsang an. Ein paar Männer kommen gerannt und eilen die Stufen zur Moschee hinauf. Die Straßen füllen sich mit Menschen, Kinder rasen kreischend auf Elektroautos über den Platz. Auch das Mosaik mit den albanischen Helden an der Fassade des Nationalmuseums glänzt jetzt im Licht der Dämmerung, nur den roten Stern hat man daraus entfernt. Ein letzter Repräsentant der alten Ordnung taucht auf und will die Menschen von den Stufen des Museums verjagen, aber keiner schenkt ihm Beachtung. Erst recht nicht, weil jetzt ein besonderes Gefährt auf den Platz einbiegt, hinter der schwarzen Fahrerkabine leuchtet ein gläserner Kasten mit einem Sarg, grell und auffällig als gehöre der Leichenwagen zur aufgekratzten Menge der Flaneure. Als sei er nicht auf dem Weg zum Friedhof, auf dem Orthodoxe, Katholiken und Muslime nebeneinander in ihren Gräbern liegen.

"Albania, a beautiful Nature, a powerful Spirit" steht auf der Postkarte, die das neue Tirana zeigt. Entlang der Lana, dem traurigen Flüsschen in seinem Betonbett, leuchten grellbunte Fassaden, unter denen sich die grauen Wohnblocks aus Stalins Zeiten verstecken. Eines der Häuser hat der Künstler Olafur Eliasson gestaltet, steht im Reiseführer. Wer es genauer wissen will, folgt dem an die Mauer gepinselten Pfeil zum Internetcafé und gelangt in Tiranas eigentliches Zentrum. Eine Parallelstadt, die sich zwischen die Plattenbauten duckt, aus Buden und Verschlägen, Werkstätten, Geschäften, Cafés. Selbst Notare und Anwälte empfangen Klienten in den windigen Gebäuden, in denen die Jugend der Stadt sitzt und online geht. Auf der offiziellen Webseite der Stadt präsentiert der Bürgermeister Edi Rama sein Schönheitsprogramm: "Return to Identity" hat er es genannt. Schade, denkt unsereiner, wenn er im Netz vorher und nachher anklickt. Ein unverschämter Luxus, sich nach dem Verfall und dem Grau zu sehnen. Hier findet man unsere westliche Nostalgie bekloppt, Second-Hand-Klamotten unter aller Würde und alte Häuser werden eben abgerissen.

Vangsel Xhami ist Museumsführer mit einer Mission. Albanien ist eine uralte, eigene Kultur, predigt er, und den Kommunismus darf man nicht verteufeln. Das erste Stockwerk des Nationalmuseums widmet sich dem Märtyrerkampf der Hoxha-Brigaden gegen die deutsche Wehrmacht. Hier hängt auch das Foto, das Vangsels Vater an der Seite von Enver Hoxha zeigt, "ein wunderschöner Mann", der Diktator, ein Frauenschwarm. Vangsel lässt den weiblichen Besuchern Zeit, sich in den Anblick zu vertiefen. Weitere Höhepunkte sind die martialische Skulptur von Hoxhas Tochter Pranvera, Gewehrläufe, die die Form des albanischen Doppelkopfadlers bilden, und das Panoramagemälde mit finsteren Partisanen und verblutenden Germanen mit Stahlhelm. Ein Stockwerk darüber ist es vorbei mit der kommunistischen Heldenverehrung. Ein düsteres Memento Mori für die Opfer von Hoxhas Terrorregime, Lagerpläne, Folterinstrumente und Wände mit endlosen Namenslisten der Ermordeten. Die hinterste Ecke des Raums erinnert an das Ende dieser Epoche. Ein Foto hängt dort, vielleicht das einzige Bild von diesem Land, das man gespeichert hat: Der Frachter Vlora vor dem Auslaufen nach Bari, vom Schiff ist nichts mehr zu erkennen, es ist begraben unter Tausenden Menschen, die versuchen den rettende Dampfer in den Westen zu erklimmen.

Der Pyramidenskandal ist eine Story, die perfekt das westliche Bedürfnis nach albanischen Geschichten zu befriedigen scheint, in denen Chaos und Gewalt herrschen. Ein betrügerisches Geschäft mit Papieren, das die Hälfte der Albaner in den Ruin getrieben hat. Natürlich fragt man gierig danach. Das Chaos kam damals aus dem Norden, aus den Bergen, erzählt Ardi, ein junger Künstler, der aus dem Süden kommt. Der Norden von Albanien, das sind die Barbaren. Erst elf Jahre ist es her, als die Horden in die Städte eingefallen seien und alles verwüsteten.

Der Schock sitzt noch tief, die Bilder müssen sortiert werden und einen Namen bekommen. Ein ganzes Land hat gespielt, gesetzt und verloren. Die Menschen drehten durch, marodierten und plünderten, stürmten die Waffenlager. Totale Anarchie, monatelang, bis 8.000 italienische Polizisten für Ordnung sorgten. Es waren die Menschen aus dem Norden, aus den Bergen, sagen viele andere. Auch ich hab mir damals mit meinen Kumpels eine Knarre geholt, erzählt Ardi, und ein bisschen herumgeballert.

Man trifft hier nicht oft auf einen Künstler. In Albanien hat dieser Beruf noch einen Exotenstatus, sagt Ardi. Künstler? Was machst Du denn mit Kunst, fragen die Leute, Schauspieler oder Maler oder was sonst? Ganz schön schwer, sich nicht einschüchtern zu lassen und zu sagen: Nee, ich mache Fotos oder Videos, und manchmal male ich auch.

Man muss nur in die Nationalgalerie gehen, dann weiß man, was Ardi meint. Auf Bänken und Stühlen dösen die Aufseher und schrecken hoch, wenn ein Besucher sich nähert. Das Museum schläft, und es scheint seit 20 Jahren zu schlafen. Fast alle Räume sind "under Construction" und die Museumswärter versperren, mit einem Mal hellwach, den Weg zu den Abteilungen "Sozialistischer Realismus" und "Kunst nach 1990".

Kunst in Albanien ist wie Brot, sagt Valentina, die junge Galeristin. Aber nicht zum Essen, ein andere Sorte Brot eben, sagt sie, und es klingt fast trotzig. Valentinas Galerie ist in einem der neuen Klötze, die denken, dass sie mondän wirken mit ihren dunkel verspiegelten Fassaden. Sich nach der Adresse zu erkundigen macht keinen Sinn, keiner kennt Straßennamen, auch nach Straßenschildern braucht man gar nicht erst zu suchen. Die Menschen haben dafür den Stadtplan im Kopf und beschreiben den Weg von Gebäude zu Gebäude: Links neben dem Stadion einbiegen, dann rechts von der Philologischen Fakultät. Das ist auch die schönere Art zu beschreiben, wo man wohnt. Man sucht sich einen nahe gelegenen Lieblingsort und situiert sich von ihm ausgehend. Und bevor die Menschen lange den Weg erklären, führen sie einen lieber gleich dorthin.

Es gibt keine festen Haltestellen, an jeder Ecke wird gebaut und mit der Baustelle wandert auch der Haltepunkt. Der Mini-Bus in das Provinzstädtchen Pogradec fährt heute neben dem Fußballstadion ab. "Für den Hund und die Katze nur das Beste" steht auf dem Mercedes-Transporter, ein ausrangiertes deutsches Modell. Drinnen sitzen die Menschen und warten geduldig, bis genügend Fahrgäste zusammen sind, dann fährt der Bus los. In Pogradec könnte man glauben, in der Schweiz zu sein, ein riesiger See umgeben von Bergen, die Lampen der Uferpromenade gehen an und die Abendgesellschaft flaniert. Aber dann tauchen am Ende der Promenade plötzlich Kühe auf, die über den Strand vagabundieren, sie steuern auf die abendlichen Spaziergänger zu, rennen mitten unter die Badegäste. Wie schamlos Stadt und Land hier noch aufeinander prallen, das ruft Bilder auf, alte Schwarzeißfotografien, Erinnerungen an etwas, das man gar nicht mehr gekannt hat. Alles auch hier bald vorbei, ein paar Meter weiter hat ein deutsch-albanisches Entwicklungsprojekt mit perfekt verlegten Pflastersteinen bereits für Ordnung gesorgt. Aber diese klare Struktur tut gut inmitten des ganzen Chaos, dem Unfertigen und Unsortierten drum herum. Etwas das Halt gibt wie Holzbohlen, die über einen morastigen Untergrund führen. Wieder mal eine Frage der Perspektive.

Um zurück nach Tirana zu kommen stellt man sich an die Landstraße und passt ein Mini-Taxi ab. Die Menschen nicken dem neuen Fahrgast zu und rücken zusammen, der Fahrer hat die Musik aufgedreht, eine helle Männerstimme singt klagend, während die Körper auf den kurvigen Straßen hin- und her geworfen werden. Am Rastplatz spielt sich noch eine Szene ab, die einen seltsam berührt: Zwischen den Autos läuft eine Ziege herum, die Bäuerin mit der Herde ist längst weiter gezogen. Eine elegante junge Frau geht in die Hocke und lockt gurrend und meckernd das Tier zu sich heran, um es dann zu seiner Herrin zu scheuchen. Dann richtet sie sich wieder auf, streicht ihr Kostüm glatt und ist wieder der mondäne Großstadtmensch von vorher.

Zurück im heißen staubigen Tirana. Nur ein paar Schritte vom Skanderbeg-Platz entfernt liegt abseits von Moschee, Kirchturm und den Architekturfantasien von Mussolini und Hoxha ein schüchterner kleiner Platz. Kein Schild weist auf seinen Namen hin, er ist nichts weiter als eine Fläche aufgeschütteter Kies, auf der im Kreis schwarze Metallbänke stehen. Ein struppiger Park umgibt ihn, ein vernachlässigtes Fleckchen Erde, mit niedrigen Häuschen aus alter Zeit, die man vergessen hat abzureißen, mit Buden, in denen Friseure und Handwerker ihrem Geschäft nachgehen. Nur auf dem Platz ist jede Form der Geschäftigkeit zum Erliegen gekommen. Auf jeder Bank sitzt ein alter Mann und blickt schweigend in die leere Mitte, als würde dort ein unsichtbares Schauspiel aufgeführt. Vielleicht ist ausgerechnet dieser unspektakuläre Ort der richtige, um dem "powerful Spirit" von Albanien näher zu kommen. Auf einer der Bänke sitzen und warten; ergeben, unbeteiligt wie die alten Männer und all die anderen in den Grünanlagen, die dort stehen oder sitzen oder liegen und warten. Was dabei hilft, ist immer wieder das albanische Wort faleminderit vor sich hin zu sprechen. Klingt nach orientalischem Zauberspruch, heißt aber einfach nur: danke.

My Space 03. Tiranë-Berlin heißt eine bilaterale Ausstellung im Berliner Haus am Lützowplatz, die noch bis 4. Januar 2009 auch albanische Gegenwartskunst zeigt.

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00:00 11.12.2008

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