An der Brüssler Mauer

Grenzregime Auf dem Weg nach Osten kopiert die EU alte Rezepte zur Abschottung und schmiedet neue Allianzen der Armut

Inzwischen kennt man das. Wenn der Zug Wien - Lviv (Lemberg) knapp vor Ushgorod die slowakisch-ukrainische Grenze passiert, fährt er erst einmal in ein riesiges umzäuntes Gelände ein und Dutzende junge Grenzsoldaten schnaufen der im Schritttempo fahrenden Bahn nach, bis die endlich stehen bleibt. Die jungen Burschen, die hier ihren Dienst tun müssen, sind vom Sinn der peniblen Grenzkontrollen kaum überzeugt und daher umso bestechlicher: Will man vermeiden, dass das gesamte Schlafwagen-Abteil umgekrempelt und jeder Koffer geöffnet wird, reicht ein Griff zur Marlboro-Schachtel. Ein Klischee und doch so wahr: Wer einen westlichen Pass besitzt, wird vom ukrainischen Grenzer treuherzig um einige Zigaretten angepumpt und die Leibesvisitationen entfallen. Dabei schaut der Milizionär meist nervös umher, ob sein Vorgesetzter in der Nähe ist. Nicht aus Angst vor Bestrafung wegen recht überschaubarer Bestechlichkeit, sondern weil er dann teilen müsste.

Während der Grenzkontrollen wird der Zug auf die breiteren Schienen des ehemals sowjetischen Eisenbahnnetzes gesetzt und eine Österreicherin im Nebenabteil, die aus dienstlichen Gründen alle zwei Wochen zwischen Wien und Lviv pendelt, schimpft: "Manchmal vermute ich ja, dass es diese blöde Spurweite nur gibt, damit die Grenzer länger Zeit für ihre Kontrollen haben". Was müssen da erst jene Menschen denken, die aus der Ukraine gen Westen reisen: Dass die europäische Spurweite nur erfunden wurde, damit die EU ihr Grenzregime so richtig auskosten kann?

Bis Ushgorod sind es je nach aktuellem Zustand der Gleise und Laune des Lokführers nur noch ein bis zwei Stunden Fahrt - auch Fahrpläne internationaler Reisezüge verlieren in der Ukraine ihre Gültigkeit. Damit haben sie eine gewisse Ähnlichkeit zu den Preisschildern im Hotel "Karpatia" in Ushgorod. Die "Preistafel" dort ist etwa 40 Jahre alt, hat leichtes Übergewicht und einen viel zu starken Lidschatten: Die Dame an der Rezeption fordert "für Ukrainer pro Nacht sechs Dollar im Doppelzimmer, für GUS-Bürger 13 Dollar und für alle anderen 70". Dass auch in den Zimmern der "anderen" aus der Dusche feuchter Sand und aus den Bettlaken Heerscharen von Kakerlaken kommen, hat auf die Preisgestaltung keinen Einfluss.

Spaß-Sezessionisten im Stammcafé

Arsen Popel, ein junger Germanistik-Student, erklärt das nicht nur mit Raffsucht: "Wisst ihr, in der Ukraine versuchen manchmal die Geschäftsleute, es den reichen Westlern durch solche Unverschämtheiten heimzuzahlen, weil sie selbst nicht zum Westen gehören dürfen." Andere, vor allem junge Intellektuelle, suchen ihr Heil in politischen Träumereien. "Es gibt hier tatsächlich einige Leute, die ernsthaft ihre Zeit damit zubringen, Konzepte für eine Unabhängigkeit Transkarpatiens zu entwickeln. Die glauben, schneller in die EU zu kommen, wenn sie die riesige Ukraine nicht mitschleppen müssen", sagt Ivan Semotjuk, ein Politik-Wissenschaftler aus Lviv während eines Treffens im Stammcafé der Spaß-Sezessionisten. "Ushgorod und Transkarpatien waren immer schon besser entwickelt als der östliche Landesteil. Schließlich gehörten wir in der Zwischenkriegszeit zur Tschechoslowakei, und die galt als einer der entwickeltsten Staaten damals", meint einer der Trennungswilligen.

Seit die westlichen Nachbarstaaten der Ukraine verstärkt in die EU drängen, werden die Bestrebungen der Grenzprovinzen nach regionaler Anbindung an die EU-Beitrittskandidaten Polen und Ungarn stärker. Auch die Provinzgouverneure versuchen verstärkt, Außenpolitik zu betreiben. Unterlegt ist das mit romantischen Anekdoten: "Als ich in meiner Jugend in den Karpaten wanderte und über die Berggipfel der Slowakei blickte, merkte ich, dass dort die Freiheit ist und da wollte ich hin", beginnt etwa der Gouverneur der Provinz Lviv, Juryi Zyma, zu träumen. Kritische Geister in der Stadt Lviv nehmen dem Gouverneur die Träumerei nicht ganz ab: Angeblich soll er eng in den Mädchenschmuggel Richtung Westens verwickelt sein. Ein Reporter, der den Schmusekurs des freiheitsliebenden Gouverneurs mit der lokalen Mafia aufzudecken versuchte, beging wenig später Selbstmord. Angeblich.

Bestechungs-Infos im Internet

Die blühende organisierte Kriminalität in der Ukraine ist auch ein wesentlicher Grund für die Angst der EU-Staaten und die Vorsicht der EU-Beitrittskandidaten, sich gegenüber dem östlichen Nachbarn weiter zu öffnen. Um doch irgendwann einmal in den EU-Club aufgenommen zu werden, spielt die ukrainische Regierung pflichtbewusst mit bei der systematischen Schikanierung der eigenen Bevölkerung: Seit 1999 hat Berlin an Kiew technisches Equipment für schärfere Grenzkontrollen im Wert von 5,6 Millionen DM übergeben.

Das härtere Grenzregime an der neuen "Brüssler Mauer" trifft jedoch vor allem jene, die arm und nicht korrupt sind: "Keiner von uns kann seinen Urlaub im Voraus planen, weil wir einfach kein Visum bekommen und an unserer eigenen Grenze bei der Ausreise unglaublichen Kontrollen unterworfen sind. Die Mafiabosse dagegen besorgen sich einfach Diplomaten-Pässe", klagt etwa der Kiewer Journalist Wolodymyr Pawdiw. Die aktuellen Preise für die Bestechung ukrainischer Beamter in allen möglichen Lebenslagen erfährt man übrigens auf der Homepage der amerikanischen Botschaft in Kiew.

Wie paranoid der Westen auf die "Drängler" aus dem Osten reagiert, zeigte eine makabere Begebenheit Ende vergangenen Jahres als der ungarische Fluss Tisza und mit ihm viele Flüsse im Westen der Ukraine über die Ufer traten. Wochenlang gab es keinerlei Unterstützung durch westliche Staaten. Erst nachdem das Abschiebelager im ukrainischen Mukachevo weggespült worden war, trudelten Hilfsgelder ein. Schließlich, so wurde befürchtet, könnte mit den Wassermassen auch eine Flut von "Illegalen" gen Westen driften.

Reger Betrieb herrscht derzeit auch an der 137 Kilometer langen ukrainisch-ungarischen Grenze. Sie ist zum Lieblingspfad für Schmuggler geworden. Alles was nach Osten soll, oder von dort kommt, wandert hier ungehindert hin und her. Für satte 10.000 Dollar versprechen die Schlepper eine neue Existenz im Westen und liefern das Schlauchboot für die Überquerung des Grenzflusses Tissa gleich mit. Doch allzu oft platzt der Traum von einem besseren Leben dann an der Schengen-Grenze. Die Behörden werden gewiefter bei ihrer Jagd nach Flüchtlingen. Ein seltsamer Kreislauf: Je mehr die einen aufrüsten, desto teurer werden die Passagen in die Ungewissheit - sehr zur Freude der "Reise-Manager".

Russen-Markt am Weichselufer

Ungarns Verdrängungspolitik macht sich auch nach außen hin deutlich bemerkbar, erzählt der in der Ukraine lebende Armenier Rubik Terteryan. Früher hätte er von seinen selbstentworfenen Schuhmodellen ganz gut leben können. Jetzt geht in Richtung Westen gar nichts mehr. Vor wenigen Jahren noch war der Schuster im ungarischen Nyiregyhaza gern gesehener Gast und Händler, doch mit Ungarns EU-Bestrebungen ist auch das vorbei. Nur noch Menschen mit korrekten Papieren und gültigem Visum wollen die Ungarn in die Sommerfrische lassen.

Ein wenig fassungslos sind auch einige Polen über die von der EU verordneten Maßnahmen zur Sicherung der neuen EU-Außengrenzen. Offiziell jedoch gibt man sich konziliant: Zwar wolle Polen die Forderungen der EU erfüllen, aber gleichzeitig dafür sorgen, dass die ukrainisch-polnische Grenze keine Trennlinie zwischen Europa und der Ukraine wird, versicherte Staatspräsident Kwasnieswski unlängst.

Seine Bevölkerung weiß er mit solchen Sprüchen durchaus hinter sich: "Ich brauche den Russenmarkt hier in Warschau. Er ist für mich wirklich die einzige Möglichkeit, billig einzukaufen, seit alles so teuer geworden ist", sagt die Rentnerin Hanna Bleya. Doch der riesige Basar am rechten Weichselufer rund um das Stadion "Dziesieciolecia" wird immer kleiner, je gnadenloser die polnischen Behörden an der Grenze zur Ukraine und zu Weißrussland kontrollieren. Ganz verschwinden dürfte er vorläufig wohl kaum. Hanna Bleya und die Händler vom Russenmarkt brauchen einander zum Überleben. Die Allianz der Armut sucht sich ihren Weg auch über die neue "Brüssler Mauer".

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00:00 15.06.2001

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