An der Heimkehrstraße

Friedland Vier Millionen Menschen haben seit 1945 das Grenzdurchgangslager Friedland passiert. Sie nannten es das Tor zur Freiheit und sie hatten alle einen Traum

Heute probt er das neue Leben in ­ganzen Sätzen.

– Versuchen Sie Brötchen aus Kartoffelmehl. Sechs Stück für einen Euro zehn.

– Sie nehmen lieber Brot?

– Dann nehmen Sie Brot aus Kartoffelmehl. Nur zwei Euro 20 Cent. Sonst noch etwas? – Nein danke. Das ist alles.

Er hatte einen Traum. Zwei Tage und zwei Nächte lang rumpelte der Bus gen Westen. ­Andrej saß mit halb geschlossenen Lidern in der verbrauchten Atemluft, sein Rücken rebellierte gegen die schlechte Federung, seine Füße schienen zu wachsen in den Schuhen. Manchmal stolperte er mit schlafschweren Beinen hinaus, um sich zu erleichtern.

In Russland waren es Latrinen, in Weißrussland Schüsseln aus Porzellan, als der Bus die Grenze zu Polen passiert hatte, entdeckte Andrej eine Rolle Papier. Er wusste sich auf dem richtigen Weg.

Er hatte einen Traum. Er hatte ihn gehütet wie ein Familienerbstück, wie einen ungeschliffenen Stein, den sein Vater Heinzi eines Tages von seiner Hand in die Hand des Sohnes wandern ließ: Germanija. Deutschland.

Grenzdurchgangslager Friedland: Mutter Deutschland begrüßt ihre Kinder. Sie sind spät heimgekommen. Sie lösen den Anspruch ein, den das Grundgesetz ihnen sechzig Jahre lang reserviert hat. Sie sind deutsche Volkszugehörige. Sie heißen Waldemar oder Gregor. Sie heißen Irina und nennen sich jetzt Irene. Sie tragen die Sprache der Ahnen, die vor mehr als zweihundert Jahren in das Reich der Zarin zogen, wie Rost auf der Zunge.

Die Begrüßung ist herzlich. Mutter Deutschland spendiert sechs Monate lang freie Kost und Logis, frisches Bettzeug, sechshundert Stunden Unterricht in deutscher Sprache. Sie lehrt ihre Kinder das Laufen in der fremden Heimat: Was ist ein Girokonto, warum liebt der Deutsche seinen Verein, wie wählt er?

Sie sitzen in kleinen Gruppen um die weiß furnierten Tische. Es ist eine verkehrte Welt, die Lehrerin ist jung, sie bewegt sich leicht wie im Tanz, ihre Stimme singt ein endloses, fröhliches Lied: Guten Tag – bitteschön – ich brauche ein Kilo Äpfel – tut mir leid – wir haben nur Bananen – was kostet ein Kilo? Ihre Schüler sind meist älter, sie sitzen da wie Laienschauspieler, die für eine Premiere proben: den Ernst des Lebens. „Was sein Kassenbon?“, murmeln Vater Heinzi und Mutter Ljuba im Duett. „Tschek“, flüstert Andrej. Aufheben für Reklamationen, singt die Lehrerin vor dem Waldgrün der Tafel. Was sein Reklamation? Was für ein Land, spricht der Chor der Schüler, in dem man schadhafte Schuhe reklamieren kann.

Hinter dem Rücken der Schüler ist die Wand mit Karteikarten tapeziert. Sie sind die Visitenkarten der Schüler. Andrej schreibt:

Wir wohnen jetzt in Friedland. Wir lernen Deutsch. Meine Eltern leben auch in Friedland. Andrejs Frau schreibt: Ich heiße Olga. Ich komme aus Russland, Belgorod. Ich bin 34 Jahre alt. Mein Mann heißt Andreas (38). Ich habe zwei Kinder, einen Sohn Nikita (12) und eine Tochter Anna (10). Ich backe gerne und spiele Schach. Ich liebe meine Familie.

Sie leben jetzt in Friedland, Haus 41, im komfortablen Zustand eines Gastes: ein Ehebett, ein Stockbett für die Kinder, ein Tisch mit vier Stühlen, ein Schränkchen. Sie betreten das mit Linoleum ausgelegte Zimmer wie einen Andachtsraum. Besser als jedes Zimmer in einem russischen Sanatorium, sagt Andrej. Am ersten Abend legten sie ihre frisch geduschten Körper in den falschen Jasmingeruch ihrer Betten, den Traum vom eigenen Häuschen legten sie unter das Kopfkissen.

Am Nachmittag sitzen Andrej und Olga, Andreas, Nikita und Anna am leuchtend roten Resopaltisch, klappen ihre Deutschbücher auf und studieren die Mysterien der Pluralbildung: ein Apfel – viele Äpfel, eine Tomate – viele Tomaten, ein Brötchen – viele Brötchen.

Der Krieg war aus

Das Grenzdurchgangslager Friedland liegt an der Heimkehrerstraße: Nun danket alle Gott. Sangen sie. Das war 1945, der Krieg war aus, sie kehrten heim: Flüchtlinge, Vertriebene, Soldaten. Frauen mit dem Kernseifenduft der Wohltätigkeit halfen ihnen aus den Lumpen. Frauen mit gestärkten weißen Schürzen führten ihnen den Löffel mit heißer Suppe zum Mund. Nun danket alle Gott. Sie schliefen auf dem mit Heidekraut bedeckten Boden der geweißten Viehställe.

Ein ehemaliges Versuchsgut der Universität Göttingen – jetzt nannten sie es Tor zur Freiheit. Mehr als vier Millionen Menschen gingen durch dieses Tor: Aussiedler aus Polen, Flüchtlinge aus Ungarn, Vietnamesen ohne Schuhe, in Decken gehüllt, Tamilen, Albaner, jüdische Emigranten aus dem russischen Imperium, das es nicht mehr gab. An einem Märztag 2009 kamen die ersten Iraker, sie kehrten als Christen heim. Der Bus fuhr durch ein Spalier aus jubelnden Menschen: Hausverwaltern, Technikern, Köchen, Küchenhilfen, Seelsorgern ... Die Russen applaudierten, sobald der erste Iraker hinter der spiegelnden Scheibe die Hand zum Gruß hob, die Köche reichten Fladenbrot und kochten Reisgerichte. Drei Jahre sind die Flüchtlinge aus dem Irak als Gäste in einem Land, in dem man lieber Kartoffeln isst als Reis und die Männer im Sommer ihre behaarten Beine zeigen.

Nun danket alle Gott

Nun danket alle Gott: Lutheraner, Baptisten, Katholiken, die ihr das Wort vernehmt nach chaldäischem, armenischem, assyrischem Ritus. Die Lagerkapelle ist eine Holzbaracke, geweiht vor sechzig Jahren. Aus Brandschutzgründen ist von Weihrauchgebrauch abzusehen. Der evangelische Lagerpfarrer seufzt. Steht nicht geschrieben: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Aber die Kindlein, die da kommen aus den Weiten hinter dem Ural, machen es dem Pfarrer nicht leicht. Sie sind Mennoniten, Extremisten des Glaubens: Das einfache Wort macht sie nicht satt. Wieder steht die schwere Gestalt einer Mennonitin an der Türschwelle des Pfarrbüros, aufrecht steht sie mit mütterlicher Brust, umweht vom Duft der Autorität einer Volkskommissarin in Sachen Liturgie. Ihr ungeschminkter Mund fordert die zweifache Ration für den Hunger der Seele: zwei Predigten, Gottesdienste von der Länge eines Sit-ins. Der Pfarrer fächelt den Protest hinaus durch die geöffnete Tür. Man soll das Wort Gottes, spricht der Pfarrer, nicht inflationär gebrauchen.

Um sechs ruft vis-à-vis die Glocke von St. Norbert die irakischen Katholiken zur Andacht. Eine Greisin lässt die Last ihrer Jahre auf die schmerzenden Knie sinken. Ihr Haar ist ein Kranz aus frisch gefallenen Blütenblättern, ihr Murmelgebet füllt die Leere der hinteren Stuhlreihen. Abendlicht bricht sich im Glas der Mosaikfenster und rieselt als bunter Staub auf die Schultern der Gläubigen. Rechts stehen braungebrannte kleine Männer, manche tragen einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd, das sie gerettet haben auf ihrer übereilten Flucht aus Bagdad, aus Mosul. Links stehen die Frauen. Die Farbe ihres Lippenstifts ist dunkler als das Ziegelrot der Wände. Die Gesichter der Frauen schweigen vom Unglück. Sie wurden verjagt aus einer komfortablen Mittelstandsexistenz und flüchteten in den Staub von Lagern, in Syrien, in Jordanien.

Sie kamen aus der Finsternis ans Licht, sagt der Diakon. Er eilt mit schweren Schritten, weit ausholenden Armschwüngen durch den Mittelgang, als teilte er das Meer. Er ist mit dem Regionalzug aus Göttingen gekommen, ein Syrer armenischer Abstammung. Der Diakon beherrscht das Aramäische, die Sprache Jesu, die Sprache der Liturgie.

Die Flüchtlinge sprechen murmelnd die Gebete nach, die Köpfe gesenkt, die Worte fallen in ihre zu Schalen geformten Hände. Sie nehmen vom Blut, das für sie gegeben wurde. Sie nehmen vom Brot. Sie wünschen sich Fahrräder für die Kinder, die das Rote Kreuz versprochen hat. Sie wünschen sich Deutschlehrer, die das Arabische verstehen. Sie wünschen sich eine Fahrt nach Göttingen, wie es die Russen tun. Sie wünschen sich, dass ihnen jemand zeigt, wie man eine Fahrkarte löst. Amen.

James floh mit seiner Mutter aus dem Irak. James wie James Bond, sagt er. Er geht nicht in die Kirche, er will das Wort Gottes nicht hören. Er will keine deutschen Wörter hören, also geht er auch nicht in den Unterricht. Sein Körper ist groß und schlank und zwanzig Jahre alt. Sein Kopf ist der Kopf eines Kindes, das sich schämt, weil es das Alphabet nicht kennt. Seine großen Brüder flohen aus dem Irak nach Griechenland, seine Schwester schleppte ihren Koffer bis nach Schweden. Kein Arm reicht so weit, um das Kind James an die Hand zu nehmen.

Er lehnt am Billardtisch, im Gewitter russischer Rap-Klänge. James Bond übt die Posen der Männlichkeit: enganliegende Jeans, dichtes Terrierhaar, ein Shirt, unter dem die Brustwarzen wie Münzen klemmen. Seine Hände sind Akrobatenhände, der Queue lässt die glänzenden Kugeln tanzen auf dem grünen Filz. James macht der Sozialarbeiterin schöne Augen. Sie trägt eine Latzhose und ist die Königin im Klub Kakadu. „Ti lubisch menja?“ – Liebst du mich? fragt James, denn lieber als Deutsch lernt er Russisch. „Sprich Deutsch“, sagt die Königin, sie geht in die Küche, um Tee zu kochen.

Die kleinen Mädchen lieben James. Lässt er sich einmal herab und setzt sich zu ihnen auf die Couch, kraulen sie ihm den Rücken. Ihre Kinderhände fahren das Rückgrat entlang und zählen die Wirbelkörper, die hart sind wie die Fingerknöchel einer im Zorn geballten Faust. Im Haus 41 klappen Olga und Andrej das Deutschbuch zu. Ein Apfel, viele Äpfel, eine Tomate, viele Tomaten, morgen wieder. Sie drängen hinaus ins Freie, hinter dem Lager liegt terra inkognita, ein Mythenteppich, geknüpft aus den Legenden der Alten.

Ode an die Freude

Kauf mich, schrien die Waren im nahen Edeka-Markt, als Olga und Andrej zum ersten mal durch die Regalstraßen schritten, feierlich wie Staatsgäste, die eine Parade abnehmen. Die Kassiererin schenkte ihnen ein Hallooo, als kämen sie endlich von einer langen Reise zurück. Sie wanderten durch das Dorf, der Frühlingswind wilderte in aufgeräumten Gärten und kämmte die Zweige der Weiden wie das Silberhaar alter Frauen. Andrej studierte die Fachwerkarchitektur: deutsche Eiche, die ein Haus Jahrhunderte trägt. Seine Augen taxierten die Auffahrten zu den Garagen – wie mit Seifenlauge geschrubbt. Er freute sich wie ein kleiner Junge, der das Exemplar eines seltenen Nashornkäfers auf dem in der Sommerhitze glühenden Asphalt erbeutet. Lerchen stiegen himmelwärts und jubilierten ihre Ode an die Freude. Alles gefiel ihm, und er schrieb seinen Freunden in Russland begeistert von den Schätzen, die seine Augen sammelten.

Er wollte seinen Traum auf Echtheit prüfen, wie man mit Backenzähnen auf ein Goldstück beißt.

So fuhr er zum ersten Mal in eine deutsche Stadt, nur wenige Kilometer weit, nach Göttingen. Er schlenderte mit Olga über das akkurat verlegte Pflaster der Fußgängerzone. Seine traumsüchtigen Augen suchten nach hochgewachsenen Menschen mit griesblonden Haaren und Augen, in denen sich der Himmel spiegelte. Aber was er sah, waren Männer mit olivfarbenem Teint und schwarzen Schnauzbärten. Hinter dem Fenster eines Imbisses drehte sich ein abgeschabter Fleischkeil, der Fettgeruch knirschte wie Sand zwischen seinen Zähnen. Zum ersten mal sah Andrej etwas, das ihn irritierte. Dieses Deutschland, das er sah, trug keine blauen Augen.

Andrej betrachtet die schmale Gestalt seines Sohnes. Nikita ist klug, er spielt Theater mit den Kindern des Dorfes, Schach spielt er wie ein junger Kasparov. „Sollte er eines Tages einen Titel holen für Deutschland“, sagt Andrej, „werde ich stolz sein.“

Und um zehn Uhr ist Nachtruhe.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 20.05.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare