An der Wegscheide

Krisenkonzepte Die Wiederkehr der christlichen Soziallehre, die der katholische Bischof Marx in seinem Buch "Das Kapital" beschwört, bietet Halt, aber keine Lösung in der anstehenden Depression

Es war einmal vor unvorstellbar langer Zeit, da ließ Wolf Biermann seine Oma Meume ausrufen: "Ach Gott, lass´ Du den Kommunismus siegen!" Schon damals ließ sich erkennen, dass zumindest der Kommunismus, den sich Biermanns Oma herbeisehnte, nur noch durch ein Wunder hätte siegen können - in Wahrheit also längst historisch ruiniert war.

Zu dieser Zeit gab es auch noch eine Befreiungstheologie. Deren Vertreter trösteten die Menschen nicht mit Reden von Wundern, die es immer wieder gäbe. Sie suchten vielmehr nach ganz realen Möglichkeiten, jene Macht des Kapitals zu brechen, die ihre Gemeindemitglieder in einer neuen Art von Knechtschaft hielt - obwohl das Christentum in seinen zentralen Botschaften doch die Befreiung aller Menschen verkündet. Nachdem die christlichen Kirchen diese Befreiungsversprechen immer wieder dem Gebot des Gehorsams gegenüber jeglicher Obrigkeit geopfert hatten, wollten die Befreiungstheologen mit dem Gebot der Befreiung Ernst machen - und eigneten sich zu diesem Zwecke durchaus marxistische Einsichten darüber an, wie kapitalistische Verhältnisse als Herrschaftsverhältnisse funktionieren. Die katholische Kirche hat diese theologische Strömung repressiv zerschlagen; in den protestantischen Kirchen ist sie nicht wirklich angekommen.

Seit einigen Jahren ist absehbar, dass die Weltwirtschaft auf eine tiefe Strukturkrise zutreibt, die grundlegende Veränderungen erzwingen wird. Da sind zum einen die dramatischen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft (insbesondere die völlige Überschuldung der USA als der allein führenden Weltmacht) und die Krisen der weltweiten Reproduktionszyklen (von der Klimakatastrophe über die Krise der auf fossilen Energieträgern beruhenden Energiesysteme bis hin zur Trinkwasser- und Hungerkrise). Hinzu kommt eine soziale Polarisierung und Segmentierung in und zwischen den Gesellschaften und eine zunehmende Barbarisierung der Beziehungen zwischen den Menschen (die sichtbar wird durch Gewalt in Konflikten). Angesichts all dieser Entwicklungen ist heute nur eines gewiss: Dass es, so wie es ist, nicht bleiben kann und wird. Und das weiß man eigentlich, seitdem die Blase der New Economy nach dem künstlich verlängerten langen Wirtschaftshoch der Clinton-Ära geplatzt ist.

Anscheinend wird in den etablierten "Amtskirchen" momentan an eine andere Traditionslinie angeknüpft. Eine Linie, die angesichts des Aufstiegs einer potenziell revolutionären Arbeiterbewegung darauf gesetzt hatte, durch eine Kombination von moralischer Aufrüstung und karitativer Nothilfe hinreichend große Teile der aktiven Arbeiterschaft eben von revolutionärer Bewegung fernzuhalten. Artikuliert, flankiert und öffentlich legitimiert wurde diese Strategie von einer katholischen und protestantischen Soziallehre. Im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungen blieb die Kirche damit noch weit hinter den "passiven Revolutionen" zurück, wie sie gleichzeitig mit einigem Erfolg von Napoleon III. und Bismarck praktiziert worden waren. Dort wurde immerhin die paradoxe Devise des Tancredi aus Il Gattopardo von Lampedusa befolgt: "Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern."

In den christlichen Soziallehren des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde dagegen versucht, im Rahmen der bestehenden Verhältnisse und anknüpfend an die traditionelle Verpflichtung der Reichen zu Almosen, die ethische Haltung einzelner Handlungsträger zu verbessern - ohne überhaupt strukturelle Veränderungen in den Blick zu nehmen. In allen großen Krisen seit den 1860er Jahren blieb das eine völlig wirkungslose Option - was daraus folgte, war allein eine (durchaus wohltuende) Entfaltung christlicher sozialer Arbeit im weitesten Sinne, die konkurrierend, aber durchaus auch ergänzend neben die soziale Arbeit trat, wie sie von Einrichtungen der Arbeiterbewegung geleistet wurde.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx knüpft - bei allem geschickten Marketing - mit seiner jüngst veröffentlichten "Streitschrift" Das Kapital doch nur an diese Traditionslinie an. Von der sich heute schon sagen lässt, dass sie in der kommenden großen Krise als irrelevant beiseite geschoben werden wird. Denn mit einer erneuten Kombination von moralischer Aufrüstung und besser organisierten Almosen für die wachsenden Massen der Armen wird man dem ungeheuren Transformationsdruck nicht standhalten können, der sich in den nächsten Monaten (und, wenn ihm nicht nachgegeben wird, in den nächsten Jahren) aufbauen wird. Die Frage wird vielmehr sein, welche Art von Transformationsprojekt sich angesichts der strukturellen Krise durchsetzen wird. Ein Projekt, in dem (wie in der großen Transformation des 20. Jahrhunderts) tatsächlich neue Möglichkeiten dafür geschaffen werden, dass Menschen sich selbst befreien können, also ein Projekt mit einer zumindest potenziell aktiv revolutionären Perspektive. Oder aber ein Projekt der passiven Revolution, also ein Projekt einer Transformation zur Verhinderung von Befreiung.

Es wird elementar darum gehen, allen Menschen das schon von Robbespierre postulierte revolutionäre Recht auf Existenz zu garantieren - und die Verhältnisse so einzurichten, dass es wirklich gewährleistet werden kann. Nur so lässt sich der Kreislauf von Unterdrückung, Konkurrenz und Gewalttätigkeit durchbrechen, in dem seit den 1980er Jahren Gesellschaften wie Staaten stecken (einschließlich des Zerfalls von Staaten in einer Dynamik des permanenten Bürgerkriegs). Die vom neoliberalen Mainstream gepflegte Hoffnung, dass die Märkte das von sich aus leisten werden, sobald sie nur hinreichend von politischen Vorgaben befreit sind, ist mit dem Platzen der ökonomischen Blase der Sache nach erledigt. Und die Hoffnung der Neo-Cons, das ließe sich durch eine Politik des rücksichtslosen Einsatzes der militärischen Überlegenheit der USA unter Kontrolle halten, ist mit der Niederlage der Republikaner ebenfalls hinfällig geworden.

Es gibt gute Gründe dafür zu sagen, dass ein bloßer Antikapitalismus heute nicht mehr ausreichend bestimmt ist, um im Sinne einer emanzipatorischen Politik zu funktionieren. Eine klare Orientierung hin auf die Befreiung von Herrschaft ist in der Tat unbedingt nötig. Der Antikapitalismus rechtsextremer Strömungen ermöglicht in diesem Punkt kein Zusammengehen und keine Bündnispolitik. Es wäre aber noch schlimmer, selber nicht mehr von der unsere Gesellschaft beherrschenden Produktionsweise zu reden (beziehungsweise vom "Kapitalismus" als einem Begriff, der unterschiedlich konkrete Gesellschaften abstrakt zusammenfasst). Genau das versucht der katholische Marx, der sich für die Frage nach Strukturreformen einfach nicht zu interessieren vermag - so sehr ist er immer noch in den scheinbar stabilen Tatsachen verhaftet, die ihm (vor dem offenen Ausbruch der gegenwärtigen Krise) den Blick getrübt hatten.

Brauchen wir nicht jetzt vor allem öffentliche Banken (wie schon 1971, zu Beginn der Krise des Bretton-Woods-Systems, von europäischer Seite zunächst als Alternative zum deregulierten Privatbankensystems vorgeschlagen)? Brauchen wir nicht gelenkte Formen der Wirtschaftsentwicklung, um die ökologische Krise überhaupt noch rechtzeitig bewältigen zu können? Und brauchen wir nicht vor allem neue Formen demokratischer Einbeziehung und Beteiligung, damit die notwendigen einschneidenden Maßnahmen gerecht und fair konzipiert und umgesetzt werden können? Wirft all das nicht auch die Frage auf, wie wir Menschen überhaupt unser Wirtschaften und unseren "Stoffwechsel" mit der Natur organisieren können - und damit unvermeidlich auch die Frage nach der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise?

Sicherlich haben wir im 20. Jahrhundert erfahren müssen, dass ein bestimmter Typus von Staatssozialismus keine nachhaltige Alternative sein kann. Aber wir müssen uns auch der Frage stellen, ob wir uns als Menschheit weiterhin die Herrschaft einer Produktionsweise leisten können, die derart verheerende Krisen hervorbringt wie die gerade eingetretene - globalisiert und keineswegs bloß lokal.

Das ist heute keine abstrakte theoretische Überlegung mehr. Das wird ganz praktisch auf die politische Tagesordnung kommen. Spätestens dann, wenn die Frage aufkommt, woher die gigantischen Geldmittel zu beschaffen seien, die erforderlich sein werden, um noch rechtzeitig gegen immer noch ungelöste globale Probleme anzugehen, die neben dem drohenden Finanzcrash und einer schon beginnenden großen Depression heute das menschliche Leben auf diesem Planeten bedrohen. Dann wird es nötig sein, den Marktradikalismus der letzten Jahrzehnte zu überwinden und über nationalstaatliche Grenzen hinweg in großem Maßstab politisch wirksam zu handeln. Und die Militarisierung in Frage zu stellen, die wachsende Teile staatlicher Handlungsfähigkeit ausmacht und enorme Mittel bindet. Die große Wegscheide des 21. Jahrhunderts - in der Theorie komplexer Systeme als Bifurkation bezeichnet - beginnt sich abzuzeichnen. Ihr wird niemand ausweichen können. Die Zeit für eine moralische Aufhübschung des Bestehenden jedenfalls ist vorbei.

Frieder Otto Wolf, geboren 1943 in Kiel, lebt als Philosoph in Berlin. Von 1994 bis 99 war er Europaparlamentarier der Grünen. Seit 1993 ist er Koordinator des Thematischen Netzwerkes "Sustainability Strategy" an der Freien Universität Berlin.

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00:00 20.11.2008

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