An die Ecken denken

Europa Das erfolgreiche Format Kulturhauptstadt ist längst in den Händen der Tourismusindustrie. Nehmen wir es ihr endlich weg
An die Ecken denken
Jakub Hadravas Geisterskulpturen in Luková bei Pilsen

Foto: Matej Divizna/Getty Images

Als Athen vor genau 30 Jahren als erste europäische Kulturstadt ernannt wurde, war der Kontinent politisch gespalten und der Erfolg alles andere als sicher. Beherrscht von den beiden als Supermächte bezeichneten Staaten USA und Sowjetunion, drohte er das Schlachtfeld der Zukunft zu werden. Initiiert wurde das Projekt von der Kulturministerin Melina Mercouri, die als Schauspielerin und Sängerin berühmt geworden, war. Es war die Zeit, als Bücher wie Peter Benders Das Ende des ideologischen Zeitalters. Die Europäisierung Europas erschienen.

Von der Europäischen Gemeinschaft, wie damals die EU hieß, sollte ab 1985 jedes Jahr eine andere Stadt Mittel bekommen, um ihre Eigenart in der Vielfalt des Kontinents zu präsentieren. Es gehört zur untergründigen Geschichte, dass 1985 – in dem Jahr kam auch Michail Gorbatschow an die Macht – solche Ereignisse und Bewegungen an verschiedenen europäischen Orten parallel und teilweise unkoordiniert stattfanden. Eine Selbstermächtigung Europas begann. Klopfzeichen am Eisernen Vorhang.

30 Jahre später: Aus Bewerbern in Ost und West werden jedes Jahr zwei ausgewählt, die sich seit 1999 als Kulturhauptstädte Europas präsentieren können. Zwar ist der Kontinent politisch geeint wie noch nie, aber an den Rändern bilden sich „Frontiers“, wie man sie in ähnlicher Weise aus der nordamerikanischen Geschichte kennt: Endet der Kontinent im Kaukasus? Wie hält man es mit Russland und der Türkei? Muss Nordafrika miteinbezogen werden in die europäische res publica, um das europäische Gründungsgewässer Mittelmeer wiederzugewinnen als Kultur- und Handelsraum (und es nicht weiter zum afrikanischen Totenmeer mutiert)? Europäische Intellektuelle forderten Letztgenanntes immer schon: von Hannah Arendt, die darin eine Neuordnung des Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg sah, bis zu Claus Leggewie, der die Zukunft im Süden sieht und 2012 in einem Buch dafür plädiert, über eine Mittelmeerunion Europa wiederzubeleben.

Das Format Kulturhauptstadt Europas ist mittlerweile zu stark der Tourismusindustrie überlassen worden, die die Dreckecken lieber verdecken will. Das ist zwar verständlich, denn Städte, die im Schatten der Metropolen stehen, wie das ungarische Pécs oder das slowakische Košice, brauchen Besucher, aber die Kosten dieser Entwicklung sind nicht unerheblich.

Pilsen und Mons 2015

Schlimm, wie 2010 im ungarischen Pécs die Roma-Feindlichkeit heruntergespielt wurde, obwohl ein Jahr zuvor eine Mordserie das Land heimsuchte, die Parallelen zu den NSU-Morden aufweist. Geheimdienste hielten Erkenntnisse zurück, Ermittler suchten zu spät im rechtsradikalen Milieu. Zwar sind die Täter mittlerweile gefasst, und im Film Just the Wind von Benedek Fliegauf ist der Stoff so eindrücklich gestaltet, dass der Streifen dafür bei der Berlinale 2012 den zweitwichtigsten Preis, den der Großen Jury, erhielt. Aber die Ausgrenzung der Roma bleibt akut und wird durch die Freizügigkeit innerhalb der EU europäisiert.

Man konnte es im slowakischen Košice wie im französischen Marseille, den beiden Kulturhauptstädten 2013, erleben, doch bekanntlich auch hierzulande gewahren. Unweit meiner Berliner Wohngegend entstand eine winzige Roma-Siedlung, im Supermarkt aber hörte ich schon, wie sich Ängste vor dem „Zigeunerpack“ halblaut artikulierten. Freilich, ein Stadtteil wie Lunik 9 von Košice, ein Slum zwischen Budapest und Krakau, bleibt bis auf Weiteres auf Osteuropa beschränkt. Die dortigen Verheerungen im letzten Vierteljahrhundert zeigen aber auch kulturelle Unterschiede, die man nicht einfach ausgleichen kann.

Wie steht es nun um Pilsen, das neben dem belgischen Mons Kulturhauptstadt Europas 2015 ist? Es fällt einem sofort der weite Marktplatz mit der eindrucksvollen St.-Bartholomäus-Kathedrale auf. Die Stadt war während der Hussitenkriege zuerst eine Hochburg der Kirchenerneuerer, entwickelte sich dann aber zu einem Hort des Katholizismus. Während des Dreißigjährigen Kriegs weilte Wallenstein in einer so entscheidenden Phase seines Lebens hier, dass Schillers Trilogie zum großen Teil in Pilsen spielt. Die übergroße Synagoge im maurischen Stil stammt aus dem 19. Jahrhundert und zeugt vom Reichtum und Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinde; dass sie heute nicht mehr genügend Mitglieder hat (120), die sie füllen kann, offenbart das größte Verbrechen in Mitteleuropa. Heute dient der Protzbau vor allem als Konzerthalle.

Wer die Umgebung erkundet, etwa das reizende Barockstädtchen Manětín, dem fällt auf, wie menschenleer alles wirkt. Manchmal sieht man noch Spuren verlassener Siedlungen. Erhellend wird es, wenn man in Luková die halb zerfallene St.-Georg-Kirche besucht. Auf dem Friedhof findet man zahlreiche Gräber, etwa das des 1887 geborenen und 1923 verstorbenen angeblich unvergessenen Heinrich Beyerl; auf den Kirchenbänken dagegen hocken Geister: weiße Gipsskulpturen, von Laken oder gestickten Decken und Gardinen umhüllt. Damit macht Jakub Hadrava Besucher auf die Vertreibung der Sudetendeutschen aufmerksam.

Ähnlich enthüllte auch die Vorgängerstadt Pilsens, die Hansestadt Riga, ihre spezifische Kultur und das Verhängnis ihrer Geschichte. Das europäische Haus ist auf dem Knochenberg des Zweiten Weltkriegs errichtet.

Grenzfragen

Bekanntester Gegenwartskünstler der Stadt und deren Aushängeschild für das Kulturhauptstadt-Jahr ist Lukáš Houdek. Houdek steht für einen differenzierten Umgang mit der Idee Europa und der Geschichte des Kontinents. Möglicherweise unbewusst hebt er die Vertreibung der Sudetendeutschen, die erst in den vergangenen Jahren eine größere Öffentlichkeit erreichte, auf eine universelle Ebene. Manche seiner Landsleute glauben immer noch, in ihm einen Verräter zu sehen. Was tat er? Es hört sich banal an: Mit Barbie-Puppen und denen ihres männlichen Begleiters Ken stellt er historisch verbürgte Szenen dar. Gerade die geschönten Gestalten mit Gesichtern, die von keinem Gedanken angekränkelt sind, machen die Rachsucht und Raffgier, die Dumpfheit und Kurzsichtigkeit augenfällig. Die Verfremdung macht sie sinnhaft auch für Jugoslawien gestern oder für Syrien heute (siehe „The Art of Killing“ auf houdeklukas.com).

Freilich, Houdeks Kunst bleibt in dem Rahmen, in dem das Format Kulturhauptstadt 1985 entstanden ist und der auch immer noch Neues ins Bild rückt. Erhellend bleibt, wie gerade auch Pilsen osteuropäische Erfahrungen wiedergibt. Die Stadt, westlich von Dresden gelegen, musste in der Zeit des fingierten Sozialismus verdrängen, dass sie 1945 von US-amerikanischen Truppen befreit wurde, heute zeugt davon ein Dankesdenkmal für die amerikanischen Truppen, und sowjetische Panzer rollten auch hier 1968 ein, um einen unabhängigen Weg des Landes zu verhindern. Von einer neuen Angst vor Putins Russland kann man hier nicht nur bei offiziellen Gesprächen hören, sondern auch bei zufälligen in Kneipen vor einem Pilsener Urquell, das die Stadt bekannt machte. Man ist froh, ein Nato-Land zu sein.

Dennoch: Die entscheidenden Probleme Europas sind heute andere. Neben den Grenzfragen, die von der Mitte an die Ränder gerückt sind, wird der Kontinent sozial gespalten, was sich auch in Ausländerfeindlichkeit entlädt. Arme schlagen auf Ärmere ein, vom Abstieg Bedrohte lehnen Zuwanderer, die keine reichen Investoren sind, aus angstgeborenem Hass ab.

In seinem hellsichtigen Buch Arme Roma, Böse Zigeuner. Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt gelangt Norbert Mappes-Niediek zum Fazit, es sei wenig wahrscheinlich, dass die EU überlebt, „wenn ihre reicheren Mitglieder reicher und ihre ärmeren ärmer werden“. Seine Lösung: „Ein Infrastrukturprogramm könnte, solange es noch finanzierbar ist, im Interesse aller wenigstens einen Boden einziehen. Die Roma sind wahrlich nicht die Wurzel der Probleme Europas. Sie können aber der Anstoß der Lösung sein.“

Diese neue Spaltung darzustellen, zu verhandeln, wäre eine Aufgabe, um das erfolgreiche Format Kulturhauptstadt neu zu beleben. Wenn nicht in Pilsen und Mons, weil da das Programm weitgehend steht und lockt, dann 2016 im polnischen Breslau und im spanischen San Sebastián. Wir brauchen europäische Bühnen, wo die großen Fragen der Zeit behandelt werden: Warum gibt es auf dem reichsten Kontinent nicht ein gutes Leben für alle? Und was ist das überhaupt, ein gutes Leben?

Achim Engelberg ist Publizist und Historiker

06:00 18.02.2015

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