An einer kurzen Lunte

Puppenspiele in New York In Salman Rushdies achtem Roman packt einen Professor ständig die "Wut"

Wut ist der Schlüssel, ihn bekommt man durch jeden Zoll und jede Gepäckkontrolle". Mit dieser Erklärung für den Terroranschlag vom 11.September 2001 erntete die indische Schriftstellerin Arundhati Roy vergangenen Winter einen Sturm der Empörung. Auf dem Höhepunkt der Solidaritätsbekundungen mit Amerika und den geschockten New Yorkern hatte die Autorin des Erfolgsromans Der Gott der kleinen Dinge die Chuzpe besessen, die Enttäuschung der Dritten Welt über die amerikanische Doppelmoral Diktatur und Unrecht gegenüber in die Debatte um den neuen Terrorismus zu werfen.

Glaubt man Roys indischem Landsmann Salman Rushdie, nistet die zerstörerische Wut längst im Herzen des gegnerischen Imperiums. Der Autor der Mitternachtskinder und der Satanischen Verse hat die Amerikaner samt ihrem Eingreifen in Afghanistan in einem Spiegel-Interview kürzlich noch einmal verteidigt. Doch das Sittengemälde, das Rushdie in seinem achten Roman von seiner neuen Heimat New York liefert, ist keineswegs apologetisch ausgefallen. Die Stadt, in die Malik Solanka, ein 55 Jahre alter, indischstämmiger Professor für Ideengeschichte aus dem englischen Cambridge von einem Tag auf den anderen übersiedelt, ist die übliche Metapher zwischen Verheißung und Verderben, die man aus New-York-Romanen kennt. Solanka ist ein gleich alter Wiedergänger seines Schöpfers. Wie Rushdie stammt er auch noch aus Bombay und verlässt Frau und Kind. Rushdies Roman ist so unverhohlen autobiographisch, dass es dem Leser bald aufstößt. Wieder einmal variiert der weltbekannte Autor seine lebenslange künstlerische Obsession mit Exil, Metamorphose und Identitätswechsel. Man meint, das Opfer der Wut des radikalen Islamisten selbst sprechen zu hören, wenn er seinen Protagonisten von der "Macht der Flucht" sprechen lässt.

Mehr als einmal brandmarkt dieser sensible, unzufriedene Held das Land des Neuanfangs und der Neuerfindung als das neue Rom. "Amerika beleidigt den Rest des Planeten", denkt sich der Spaziergänger im cremefarbenen Leinenanzug und Panamahut" bei seinen Streifzügen durch die Stadt. Doch Solanka kämpft mit einer faulen polnischen Putzfrau. Er plaudert mit einem antisemitischen jüdischen Klempner. Amerika ist keineswegs der monolithische Block auf der Gegenseite. Sondern das höchst fragile Bild der Immigrantennation.

Es ist das Wahljahr vor dem Übergang von Clinton zu Bush. In der Boomtown der New Economy brodeln das Geld und der Hass. Nicht nur Solanka wird oft von einer unerklärlichen Wut erfasst. So dass er am Ende glaubt, er selbst sei der Serienkiller von Manhattan, der nachts in Disney-Kostümen reiche junge Frauen der Upper-Class ermordet und skalpiert. "Die ganze Stadt wird der Islam von jüdischen Luden wie dich befreien" schreit auch der indische Taxifahrer, der Solanka eines Tages die Tenth Avenue entlang fährt, in einem plötzlichen Wutausbruch einem Fußgänger hinterher und wünscht ihm den "siegreichen Dschihad" an den Hals. "Die ganze Welt", sagt sich Solanka eines Tages, "hing an einer kurzen Lunte." Als Vorahnung des clash of civilizations ist Rushdies wenige Tage vor den New Yorker Terroranschlägen veröffentlichtes Buch noch am überzeugendtsen.

In einem Essay für die New York Times mahnte der in einer islamischen Familie aufgewachsene Rushdie in der Debatte um den 11.September den Islam, er müsse aus eigener Kraft den Weg zu einer säkularen Moderne finden. Ob die Kulturreligion, die die Zitadelle der freien Welt in seinem neuen Roman anbetet, so viel menschenfreundlicher ist? "Und wenn Kultur der neue Säkularismus der Welt war", räsonniert Rushdies depressiver Held einmal, "dann war ihre neue Religion der Ruhm, und die Industrie - oder besser, die Kirche - der Prominenz würde einer neuen ecclesia sinnvolle Arbeit verschaffen". Zu dieser Kirche gehört Solanka plötzlich selbst, als ihn die von ihm erfundene TV-Serie Braingirl, in der ein weibliches Comic-Wesen Interviews mit historischen Geistesgrößen von Aristoteles bis Wittgenstein führt, zum Medienstar macht. Rushdie findet hier eine bittere Ironie, wie das alte Denken im Fegefeuer des neuen Entertainments auflodert. Und über das Hase- und Igel-Spiel von Realität und Fiktion. Die ermordeten Barbies wollten in Solankas Augen "wie Puppen" sein", die Kopie kopieren. Seine eigenen Puppen verselbstständigen sich plötzlich. Die aufständischen indischstämmigen Fremdarbeiter auf der südpazifischen Insel Lilliput-Blefuscu maskieren sich plötzlich nach dem Vorbild seiner neuen Serie der Marionettenkönige des Akasz Kronos in der Galaxis Galileo-1. Zu deren Erfindung hat ihn eine seiner neuen Freundinnen, Mila Milo, Tochter eines serbischen Nationaldichters aus Ex-Yugoslawien angestiftet. Dabei war er doch schon vor seinem Braingirl aus England geflohen, dem der plötzliche Ruhm zu einem Eigenleben als Kultfigur verholfen hatte!

Beethoven übersetzte die Wut über den verlorenen Groschen in Musik. Die Wut über den verlorenen (Seelen-)Frieden und das Verschwinden der echten Welt zu Literatur zu machen, lohnte - auch wenn es beileibe keine neue Idee ist - jede Anstrengung. Rushdies Sprache ist schnell, phantasievoll und metaphernreich. Hinter jedem Satz schimmert der Autor von weltliterarischem Rang. Doch selbst die erstklassige Übersetzung von Gisela Stege kann nicht verdecken, dass Rushdies Roman als Ganzes scheitert. In der Kette der sich wechselseitig erzeugenden Schöpfer von Agasz Kronos, der von Solanka der von Rushdie gezeugt wurde, mag man einen selbstreferentiellen Zirkelschluss par excellence erkennen. Doch selbst für den Liebhaber postmodernen Patchworks lässt Rushdie seine Erzählstränge allzu unverbunden wuchern. Die abgegriffene Medienkritik steht neben einem Großstadtroman, der kaum aus dem Ghetto der noblen Upper-West-Side herauskommt. Das Drama der bourgeoisen Midlife-Crisis steht neben dem überdrehten Künstlerdrama. Rushdie schreibt so zeitgenössisch, dass man mitunter meint, die New York Times zu lesen. Und plötzlich wacht man in einem Science-Fiction von Isaac Asimov auf. Rushdies Puppenspiele sind so magisch wie eine society-soap. Vielleicht gibt es deswegen noch eine Romanze zwischen Solanka und seiner zweiten neuen Freundin Neela Mahendra. Er folgt der Politaktivistin, die verblüffend Rushdies neuer Freundin Padma ähnelt, nach Lilliput-Blefuscu. Liebe ist der Schlüssel? Amore gegen die Furien der Gewalt, die die Welt in Atem halten? Spätestens da packt einen, was einen packen muss, wenn einer, der so viel kann, sich so verrennt: Wut!

Salman Rushdie: Wut. (Fury, New York, Random House 2001). Roman. Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler-Verlag, Berlin 2002, 382 S., 20,50

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00:00 12.04.2002

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