An George Washington und Ho Chi Minh denken

Was Amerika längst wissen müsste Der Irak kann nur von einem Mann regiert werden, der mit der Autorität eines siegreich bestandenen Kampfes in die politische Arena tritt

Noch steht die "Koalition der Willigen" im Irak mehrheitlich zu den USA. Ob dass auch für alle osteuropäischen Staaten gilt, die Soldaten entsandt haben, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Zumindest sind Forderungen nach einem Truppenabzug in Ungarn und Polen kein Tabu mehr. Auch nicht unter Politikern und Diplomaten aus den USA selbst.

Präsident Bush versprach dem irakischen Volk und der internationalen Gemeinschaft, dass unser militärischer Sieg aus dem Irak einen friedlichen, demokratischen Staat, ein Modell für seine Nachbarn und eine Bastion gegen den Terrorismus machen werde. Das war unser Kriegsziel, aber mit unserem Sieg haben wir es nicht erreicht. Die Widerstandsbewegung hat unsere Soldaten und unsere privaten Auftragnehmer als feindliche Besatzer erkannt und festgenagelt.

Wenn unsere Truppen das Land verlassen, wird es einen Bürgerkrieg unter Dutzenden rivalisierender Fraktionen geben. Wenn unsere Truppen bleiben - vermutlich in doppelter Zahl, um die Gewalt zu unterdrücken - wird diese überwältigende Präsenz jede künftige irakische Regierung als illegitim erscheinen und scheitern lassen. Deshalb müssen wir uns überlegen, welche Alternativen zum Sieg es geben könnte. Wir sollten uns vor allem klarmachen, dass letzten Endes ein in sich zerrissener Irak nur von einem Mann zusammen gehalten werden kann, der - wie schon George Washington in Amerika oder Ho Chi Minh in Vietnam - mit der Autorität eines siegreich bestandenen Kampfes in die politische Arena tritt.

Es sollte uns doch zu denken geben, mit welcher Leichtigkeit ein junger islamischer Kleriker wie Muqtada al-Sadr die Sunniten und Schiiten gegen die US-Präsenz vereint. Er verfügt über mehr Rückhalt unter den Irakern als ein Mann wie Achmed Chalabi, jener in Washington und London bisher wohlgelittene Exilpolitiker, den auch der "siegreiche" Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nicht in ein Führungsamt bringen konnte. (**)

Einen wirklichen Befreier des Irak kann es nur geben, wenn sich das US-Militär zurückzieht. Wir müssen daher den fähigen irakischen Patrioten finden, dem wir Akzeptanz verschaffen, indem wir uns ihm beugen. Nur so können wir seine Konkurrenten schwächen, die uns in einer künftigen irakischen Regierung nicht willkommen sind.

Sicher wird es bei einer solchen Taktik Verluste und Chaos geben, auch wenn wir unseren Rückzug noch so brillant orchestrieren. Aber die überwältigende Mehrheit der Iraker wird sich nur um den Mann scharen, der klar ausspricht, dass er uns aus dem Land werfen will. Danach könnten Wahlen seinen vergleichsweise friedlichen Sieg vollenden.

Ein solcher Mann, unterwegs auf dem weißen Pferd des Triumphes, wäre in der Lage, die Vereinten Nationen nicht als verachtete Ersatzbrigade der Vereinigten Staaten, sondern als geladene Gäste in den Irak zurück zu holen. Die Polizei eines solchen Mannes könnte Recht und Gesetz wiederherstellen und durchsetzen - wir können das nicht.

Sollten ihm Fehler unterlaufen, dürften ihm die Iraker das vergeben, während sie den Amerikanern für deren Vergehen und Irrtümer niemals Absolution erteilen werden.

Wir haben keine andere Wahl, als unsere Schmach herunter zu schlucken. Uns wird höchstens ein Rest an Kontrolle bleiben, sofern wir das Geld geben, das für die dringendsten Funktionen des irakischen Staates notwendig ist. Zehn Milliarden Dollar pro Jahr für einen solchen Zweck auszugeben - das würde weit mehr gegen den Terrorismus ausrichten als die militärische Besatzung, die fünf Mal soviel kostet.

Selbst der beste Halliburton-Angestellte (US-Konzern mit starker Präsenz im Irak, die Red.) ist zehnmal teuer als der korrupteste Iraker. Demokratie und Menschenrechte werden vielleicht erst in einer Generation zu verwirklichen sein, aber unsere Niederlage könnte einen misstrauischen und fatalistischen Nahen Osten davon überzeugen, dass ein Wandel zum Besseren möglich ist. Zugegeben, die Kurden werden sich jeder Schwächung ihres Verbündeten USA widersetzen. Unser Abschiedsgeschenk für sie sollte deshalb eine verbindliche innerirakische Südgrenze für eine autonome Kurdenregion sein. Der Preis dafür hieße: Kooperation mit der Türkei, damit Ankara sowohl eine neue irakische Zentralregierung als auch die Rechte arabischer und turkmenischer Minderheiten anerkennt.

Wir wurden einst in Vietnam besiegt, aber die Dominosteine sind nicht gefallen, wie uns das prophezeit wurde. Wir sind Führer der westlichen Welt geblieben - trauriger, aber auch weiser. Die Ignoranz und die Gigantomanie, die uns in den Irak gebracht haben, sind weit gefährlicher für die Sicherheit und den Wohlstand der USA als eine symbolische militärische Niederlage, die uns aus diesem Land wieder hinausführt.

(*) Der Autor arbeitete als Diplomat für die US-Botschaften in Tel Aviv, Athen und Jerewan. Im Februar 2003 quittierte er den diplomatischen Dienst aus Protest gegen die Außenpolitik der Bush-Administration / s. auch The Guardian vom 14. 5. 2004 und Freitag vom 7. 3. 2003

(**) Bis März 2003 einer der führenden Exilpolitiker, in Jordanien wegen Wirtschaftsvergehen verurteilt. Bisher Mitglied des Provisorischen Regierungsrates, zur Zeit wird gegen Chalabi in Bagdad wegen des Verdachts auf Korruption und Spionage ermittelt.


00:00 28.05.2004

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