An Händen und Füßen gefesselt

INDONESIEN West-Papua teilt das Schicksal Osttimors

Indonesien ist während der ersten 100 Tage der Amtszeit des neuen Präsidenten Abdurrahman Wahid nicht zur Ruhe gekommen. Gerade hat eine Untersuchungskommission der Regierung festgestellt, der einstige Armee-Chef - General Wiranto - sei für die Gräueltaten mitverantwortlich, die nach der Unabhängigkeitsabstimmung in Osttimor begangen wurden. Der Ex-General ist im neuen Kabinett nach wie vor Minister und führt das Ressort für Sicherheit und politische Angelegenheiten. Wohl auch ein Grund dafür, dass die Armee nach wie vor in vielen Teilen des gewaltigen Archipels nahezu ungehindert den Ton angeben kann und dabei eine Spur aus Mord und Verwüstung hinterlässt: Nicht zuletzt in der östlichsten Provinz - Irian Jaya. In den über drei Jahrzehnten unter indonesischer Herrschaft wurden hier mehr Menschen umgebracht als in Ost-Timor.

Der Schatten des kleinen Flugzeugs gleitet über das glitzernde Meer. Ich bin auf dem Weg von Jayapura, der Hauptstadt Irian Jayas, nach Sarmi, einem kleinen Gemeinwesen an der Nordküste. Auf der einen Seite dehnt sich die Weite des Pazifik. Immer wieder bleibt der Blick an kleinen palmenbewachsenen Inseln hängen. Wie zufällig ins Meer gestreut liegen sie da. Manche sind bewohnt, andere nicht. Auf der anderen Seite streckt sich der Regenwald, undurchdringlich, ohne Straßen, unberührt und auch wieder nicht. Dieser Regenwald ist Spender des Tropenholzes, das in unseren Katalogen und Geschäften als Material für stabile Allwettermöbel angeboten wird.

Zuweilen tauchen Löcher im Dschungel auf, grosse gerodete Flächen mit schachbrettartig angelegten Siedlungen - den sogenannten Transmigrationszonen, die von der indonesischen Regierung für Siedler aus den überbevölkerten Regionen des Archipels zur Verfügung gestellt wurden. Die heile Welt aus Palmen, Strand und Urwald wirkt nicht mehr so heil. Die Transmigrationspolitik droht, die Papuas - die Ur-Einwohner Irian Jayas - zur Minderheit im eigenen Land zu degradieren. Bislang sind über 400.000 Menschen nach Irian Jaya umgesiedelt worden - zwischenzeitlich ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Die Transmigranten erhalten nicht nur Land, sie werden von der Zentralregierung wirtschaftlich protegiert, dominieren das Geschäftsleben, sorgen für eine soziale und ethnische Hierarchie auf Irian Jaya. Wenn es nicht überspitzt klingen würde, ließe sich mit vollem Recht von einer indonesischen Spielart der Apartheid reden.

Für die Organisation Freies Papua (OPM) wäre das zweifellos eine akzeptable Beschreibung der Lage. Seit 31 Jahren - seit der Einverleibung durch Indonesien 1969 - kämpft sie für die Rückkehr zur Unabhängigkeit. Für die OPM heißt denn das Land auch weiter West-Papua - nicht Irian Jaya, ein Name, der auf den einstigen Präsidenten Suharto zurückgeht.

So sind mir schon während des kurzen Fluges von Jayapura nach Sarmi drei formelhafte Sätze sinnfällig geworden, die diesen Flecken Erde und das Leben seiner Menschen ausmachen: Der Raubbau an den natürlichen Reichtümern schreitet fort, das Wüten des indonesischen Militärs dauert an, der Freiheitswille der Papuas ist ungebrochen.

Als ich am Rollfeld in Sarmi von Mitarbeitern der Kirche mit dem Auto abgeholt werde, ahne ich nicht, dass die Kirche dort überhaupt kein Fahrzeug besitzt und wie es von Geschäftsleuten mieten muss, die keine Papuas sind. "Du kannst leicht sehen, wo bei uns die Siedler aus Java oder Sulawesi leben", erklärt der Pfarrer. "Es sind die einzigen, die Steinhäuser bewohnen."

In den nächsten Tagen besuchen wir mehrere Gemeinden im Landesinneren und an der Küste. Pisten gibt es nur dort, wo Tropenholz gewonnen wird. In diesen Anfängen einer Infrastruktur offenbart sich der "Nutzen" des Holzeinschlags für die Bevölkerung. Dörfer an der Küste erreicht man indes nur mit einem kleinen Auslegerboot. Treffpunkt ist stets die Kirche - und hier geschieht etwas, das auch meine Begleiter aus Jayapura überrascht: Die Menschen bezeugen öffentlich, was sie durch das indonesische Militär erlitten haben. Uns werden kaum vorstellbare Gräuel geschildert, die Namen von Opfern genannt, Ort und Zeitpunkt der Verbrechen beschrieben, die beteiligten Armee-Einheiten, die Namen und Dienstgrade der Täter erwähnt. Ein alter Mann erzählt, wie ihn die Soldaten an Händen und Füßen gefesselt bis zum Hals eingruben und ihn von morgens bis nachmittags der Sonne überließen, keiner durfte ihm helfen.

In einem andern Dorf wurde Menschen befohlen, sich nackt auszuziehen, bevor Soldaten sie durch das Dorf trieben. Ehepaare sahen sich gezwungen, öffentlich Geschlechtsverkehr auszuüben, während die anderen Dorfbewohner zusehen mussten. Ein Gemeindeältester berichtet, das Militär habe Erschossene zerhackt und dann gekocht. Immer wieder wird von Vergewaltigungen berichtet, die es bis zuletzt gegeben haben soll. Wir erhalten Todeslisten.

Nach den bleiernen Jahrzehnten unter der Suharto-Diktatur haben die Menschen keine Angst mehr zu reden. Sie wissen, nur wenn die Grausamkeiten bekannt werden, gibt es überhaupt eine Chance zur Bestrafung der Täter. Die Kirche nimmt dabei ihre Verantwortung wahr: sie ermutigt, sammelt Daten und veröffentlicht sie. Die Kirche ist als einzige Institution in jedem Dorf präsent und genießt das Vertrauen der Menschen.

John Rumbiak, Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation ELSHAM in Jayapura erinnert sich eines Gespräches mit dem Kommandeur der berüchtigten Sondereinheit Kompassus. Auf die Frage, warum das Militär Zivilisten tötet und Frauen vergewaltigt, bekam er zu hören: "Die Papuas brauchen eine Lektion, damit sie sich wie moderne Menschen betragen. Außerdem sind wir hier, um zu garantieren, dass sich Investoren in West-Papua sicher fühlen."

Nach einem weiteren Flug über die endlosen Regenwälder des Hochlandes bin ich in Timika, einer Stadt an der Südküste West-Papuas, in der die Situation gerade äußerst gespannt ist. Seit einer Woche weht auf dem Gelände einer katholischen Gemeinde die Morgensternflagge - die Fahne des freien West-Papua. Sie zu hissen, galt unter Suharto - im übrigen auch noch unter seinem Nachfolger Habibie - als Hochverrat und wurde mit brutaler Härte geahndet. Noch im Juli 1998 löste das Militär eine friedliche Demonstration auf der benachbarten Insel Biak auf, als die Papua-Flagge aufgezogen wurde. Es gab acht Tote. Kurze Zeit später wurden 32, zum Teil zerstückelte Leichen im Meer gefunden, mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Opfer aus Biak. Die Menschen wissen also, was sie riskieren, wenn sie Flagge zeigen. Sie wagen es dennoch, weil sie es als Schande empfinden, dass ihr Land so lange einer korrupten und selbstherrlichen Diktatur unterworfen blieb - für Südostasien seit Jahrzehnten ein Anachronismus.

Auf dem Platz vor der Kirche, die das Zeichen des Protestes trägt, haben sich Hunderte versammelt. Auch nachts weichen sie nicht von der Stelle und campieren in notdürftig errichteten Zelten. Am Eingang zur Kirche hängen Spruchbänder, "Gerechtigkeit und Selbstbestimmung - das Papuavolk soll gefragt werden, was es will!" Daneben wird die indonesische Verfassung zitiert: "Jedes Volk hat ein Recht auf Freiheit - deshalb soll jede Art der Unterdrückung auf dem Erdball abgeschafft werden ... " Diese Aussage bezog sich vor mehr als einem halben Jahrhundert auf die Kolonialherrschaft der Niederländer - nun sind deren Gegenspieler von einst längst selbst zu Kolonisatoren geworden.

Timika ist auch Symbol für die grassierende Auszehrung des Landes. In den nahegelegenen Bergen baut der US-Konzern Freeport McMoRan seit 1967 Gold, Kupfer und Silber ab. Vom Ertrag der gigantischen Mine (pro Tag werden über 200.000 Tonnen Gestein bewegt) fließt West-Papua kaum etwas zu - lediglich ein Prozent seines Gewinns stellt der Konzern für die Entwicklung der Infrastruktur, für Schul- und Gesundheitseinrichtungen in der Region zur Verfügung. Ein Almosen, das bisher vor allem zu erbitterten Verteilungskämpfen unter den Empfängern geführt hat. Ein Recht auf Mitsprache für die Bevölkerung gab es von Anfang an nicht.

In den Bergen, die heute zum Fördergebiet von Freeport McMoRan gehören, lebte bis zur Erschließung der Erzvorkommen das Volk der Amungme - die Hoffart einer selbstgefälligen Conquista ließ es nicht nur vertreiben, sondern auch einen Teil seiner kulturellen und religiösen Identität verlieren. Die "Erzberge" besitzen für die Amungme eine mythische Bedeutung, sie gelten als Heimat der Ahnen, als Refugium für die Zeit der Krankheit, des Alterns, des Sterbens - während die Ebene ringsherum nach der Überlieferung als verbotenes Land betrachtet wird, in dem nicht leben darf, wer dort nicht leben muss. Doch seit ihrer Aussiedlung sind die Amungme gezwungen, genau dieses Gebiet zu besiedeln. Freeport zerstört durch den Bergbau nicht nur die Seele dieses Volkes, es entzieht ihm auch die Existenzgrundlage, indem Industrieabfälle Boden und Flüsse vergiften, die einst Quell des Lebens waren.

Viele tausend Tonnen Abfall werden täglich in die Wasserläufe geleitet, darunter giftige Rückstände aus der Erzgewinnung. Die Eroberer betreiben eine Landnahme, die ebenso archaisch ist wie sie selbst, sie verheeren eine Region, ohne sie auch nur ansatzweise wieder zu kultivieren. Das hat zu einer absurden Situation geführt: Mitten im üppig wuchernden Regenwald erhebt sich auf einer Fläche von etwa 150 Quadratkilometern eine gigantische Abraumhalde - selbstverständlich als Sperrgebiet durch Kontrollpunkte auf allen umliegenden Straßen gesichert. Unbefugte Augen sollen hier möglichst nichts entdecken - doch lässt sich ein Damm befahren, den Freeport aufgeschüttet hat, um das Umland von der monströsen Deponie abzugrenzen. Von dieser Erhebung aus ist das ganze Ausmaß der Verheerung zu erkennen - eine künstliche Wüste mitten im Urwald, die sich immer weiter in den Dschungel frißt.

Was haben wir mit alldem zu tun? Was mit West-Papua? Die "Männerfreundschaft" zwischen Ex-Kanzler Kohl und Diktator Suharto war nur ein makabres Indiz für handfeste wirtschaftliche Interessen Deutschlands in Indonesien. Angesichts eines Militärregimes, das vor Völkermord im eigenen Land nicht zurückschreckt, ist die andauernde Rüstungskooperation ein besonderer Skandal. Indonesien kann bis heute Kriegsschiffe und Kampfhubschrauber nach deutschen Lizenzen produzieren und einsetzen, um wie in West-Papua den "Zusammenhalt der Nation" zu gewährleisten. - Als ich in Jakarta Asmara Nababan, den Vorsitzenden der nationalen Menschenrechtskommission, frage, ob wir in Deutschland etwas tun können, antwortet er: "Ich bin sicher, Sie können! Es ist die Frage, wie Sie Ihr politisches System sehen. Üben Sie Druck auf Ihre Regierung aus, damit die Menschenrechte wirklich Teil der Politik werden."

Unser Autor ist Pfarrer in der Westfälischen Landeskirche, arbeitet im Gemeindedienst für Mission und Ökumene und war im Rahmen kirchlicher Partnerschaftsarbeit in Indonesien unterwegs.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 43/2021

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