An schlechtem Deutsch ist nie etwas gescheitert

Im Gespräch Kanak Attak kritisiert an der derzeitigen Integrationsdebatte, dass sie eine Spaltung in gute und schlechte ImmigrantInnen vollziehen will

Kanak Attak ist ein bundesweiter migrationspolitischer Zusammenschluss, der dem alltäglichen Rassismus in Politik und Gesellschaft offensiv entgegentritt und rassistische Zuschreibungen mit ihren politischen, sozialen und rechtlichen Folgen angreift. Das Bündnis kritisiert eine mehrheitsdeutsche Gesellschaft, die sich weigert, die faktische Migration wahrzunehmen.

FREITAG: Was unterscheidet die vor vier Jahren geführte Debatte über "Leitkultur" von der jetzigen, in der "Integration" eine vorherrschende Rolle spielt?
KANAK ATTAK: Integration ist der Begriff, der es ermöglicht hat, über die Einwanderungsgesellschaft zu reden. Zwar kann von Assimilation bis Verfassungspatriotismus alles mit Integration gemeint sein, aber der Begriff ist das Etikett, auf das die Politik sich verständigt hat. Das Sprechen über Integration erlaubt eine Unterscheidung zwischen den Deutschen und den so genannten Ausländern. Nun kann so getan werden, als seien Rechte einzig in der Gesetzgebung verankert, gehörten den Deutschen und seien etwas, dem MigrantInnen sich anzupassen haben. Wenn zum Beispiel von der CDU gefordert wird, AusländerInnen müssten einen Eid auf die Verfassung schwören, wird Recht als ein Objekt entworfen, dem man sich unterwerfen muss.

Ihr arbeitet seit 2002 mit den Slogans "No integración" und "Recht auf Legalisierung". Für euch gehören beide Aussagen unweigerlich zusammen. Warum?
Weil es die Forderung nach Rechten ist, die im Reden von der Integration zum Schweigen gebracht wird. Dabei müsste man über bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen sprechen. Und zwar ohne nationalstaatlich verfasste soziale Standards zu verteidigen. Rechte zu fordern, die ich dort habe, wo ich wohne, arbeite und lebe, ist ein massiver Sprengsatz für eine Integrationsforderung, die den sozialen Frieden innerhalb von Staatsgrenzen herstellen will.

Heißt das, ihr seid gegen Integration?
Nein, es heißt, dass das Thema Einwanderung nicht nur über Integrationsdebatten verhandelt werden muss. Wir wollen einer Spaltung entgegen wirken, die durch die Integrationsforderung forciert wird, wenn sie zwischen guten und schlechten ImmigrantInnen unterscheidet.

Momentan wird besonders der mangelnde Integrationswille einer muslimischen "Parallelgesellschaft" kritisiert. Gibt es nicht einen berechtigten Vorbehalt gegen fundamentalistischen Islamismus?
Nehmen wir mal als Beispiel den Streit um das Kopftuch. Das Kopftuch hat ja hochsymbolischen Charakter. Dabei tauchen Schwierigkeiten auf, mit denen man nicht gerechnet hat. So wird zum Beispiel in Baden-Württemberg versucht, ein Einstellungsverbot für Kopftuchträgerinnen im Staatsdienst per Gesetz durchzusetzen. Und nun steht man plötzlich vor der Frage, ob auch die kopfbedeckten Nonnen aus den Schulen verschwinden müssten. Natürlich wird niemals in Frage gestellt, ob die Nonnen integriert sind oder nicht und welches Gedankengut sie verbreiten.

Momentan wird so getan, als ob in der Majoritätsgesellschaft alles in Ordnung wäre. Ja, es scheint fast, als ob es eine mehrheitsdeutsche Parallelgesellschaft gibt, die sich weigert zu schauen, mit wem man eigentlich zusammenlebt. Auf einer praktischen Ebene geht es immer wieder darum, wie konkrete Rechte wieder eingeschränkt werden können. Plötzlich muss ein 70-jähriger Mann, der 30 Jahre hier gearbeitet hat, halbjährlich zur Ausländerbehörde, um sich seinen Aufenthalt genehmigen zu lassen. Obwohl es eigentlich darum gehen sollte, zu fragen, ob solch ein Vorgehen legitim ist, wird stattdessen die Gegenfrage gestellt: Kannst du eigentlich Deutsch?

Sind bessere Deutschkenntnisse von MigrantInnen nicht notwendig?
Selbst bei HausarbeiterInnen wird ja gefordert, dass sie Deutsch können. Warum eigentlich? Niemand redet mit einer Hausarbeiterin, während sie putzt. Auch bei unseren Mütter war es nie notwendig, dass sie besser Deutsch sprechen können als es in ihrem Alltag notwendig ist. In der Fabrik, im Restaurant, an all den Orten, an denen sie ihre Knie kaputt gearbeitet haben, ist nie irgendetwas an ihren Deutschkenntnissen gescheitert. Auch ihre sozialen Kontakte nicht. Zu uns haben sie immer gesagt, als wir längst durch den Schulbesuch besser Deutsch als sie sprechen konnten: "Immer wenn es schwierig wird, muss ich es für euch lösen! Obwohl ich kein Deutsch kann. Und ihr redet perfekt, aber was nützt mir das?" So viel zur Perfektion der Sprache. Die MigrantInnen müssen prinzipiell Deutsch lernen, aber ihre Rechte sollen so unsicher wie möglich bleiben. Und zwar deshalb, weil durch eine fehlende Legalisierung immer die Möglichkeit bestehen soll, die Illegalisierten bei Bedarf auch wieder rauszuschmeißen.

Das Gespräch führte Doro Wiese mit den Kanak Attak-Mitgliedern Astrid Kusser, Marcin Michalski und Efthimia Panagiotidis

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00:00 10.12.2004

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