And the fighter still remains

Die Freiheit des Eklektizismus Paul Simon, der subtile Rebell, wird 60

Künstler, die einen 35 Jahre lang mit der gleichen Intensität bezaubern, sind selten. Paul Simon faszinierte mich, als ich zwölf war, mit Sounds of Silence, wühlte mich mit 22 durch Fifty Ways to Leave Your Lover auf, überraschte mich mit Graceland in meinen Dreißigern und begeisterte mich in meinen Vierzigern mit Capeman.

Zwischen 1971 und 1975 gab es in Istanbul, wo ich aufwuchs, eine kleine verschworene Simon-Gemeinde. Man spielte auf der Gitarre ihre Lieder nach, diskutierte über die Texte und versuchte ihre Botschaft zu entschlüsseln. Die Lyrik war mysteriös und deshalb interessant. Liebeskummer zu haben, ohne ihn durch Songs des Duos zu begleiten, war fast verpönt. Auch wenn wir nicht alles verstanden, fühlten wir uns mental und emotional privilegiert. Zwar lernten wir erst viel später, wer Lenny Bruce, Frank Lloyd Wright oder Emily Dickinson waren - was uns an Simon anzog, waren nicht nur die geheimnisvollen Namen, die in ihren Texten vorkamen, sondern auch die gesellschaftlichen Ereignisse, die autobiografischen Elemente, und nicht zuletzt die Andeutungen auf ihr Verhältnis untereinander.

Paul Simon und Art Garfunkel lernten sich kennen, als sie zehn Jahre alt waren. Beide gehörten der jüdischen Mittelklasse im New Yorker Stadtteil Queens an, wohnten in der selben Straße, besuchten die selbe Grundschule. Als Art Garfunkel, der am 5. November ebenfalls 60 Jahre alt wird, in der dritten Klasse einmal in der Schule sang, wurde Paul Simon von einer Faszination ergriffen, die ihn sein Leben lang nicht mehr los lassen sollte. Die beiden wurden unzertrennlich. Dass sie später perfekt aufeinander abgestimmt singen konnten, lag nicht nur an ihrer Freundschaft, sondern auch an den beharrlichen Übungen dieser Teenager-Jahre.

Mit 14 Jahren versuchten sie bereits vergeblich, ihre Kompositionen an große Plattenfirmen zu verkaufen. Unter dem Künstlernamen Tom Jerry landeten sie 1957 ihren ersten Hit Hey Schoolgirl, der es in der Billboard Hitliste immerhin auf den 59. Platz schaffte. Das erste Album entstand dann 1964 unter ihrem richtigen Namen. Das war ein ungewöhnliches Coming out: Eingeschüchtert durch die antisemitische Stimmung nach dem zweiten Weltkrieg legten sich Künstler damals bevorzugt angloamerikanische Namen zu. Doch Simon Garfunkel hatten nur wenig Verständnis für Robert Zimmermann, der sich Bob Dylan nannte; sie beschlossen, ihre Herkunft nicht zu verleugnen.

Berühmt wurden sie in der Zeit der Protest-Songs. Das legendäre Sounds of Silence-Album entstand 1966 zwar dementsprechend unter dem Einfluss der Folk-Musik, aber die Affinität der beiden zu Rock´n´roll, Soul, den Everly Brothers und Elvis war noch deutlich herauszuhören. Diese Mischung war ihre Besonderheit; ihre Lieder besaßen weder die Ironie eines Bob Dylan, noch die Klage- oder Kampftöne einer Joan Baez. Simon Garfunkel blieben politisch subtil und verzichteten auf plakatives Fäusteschwingen. Sounds of Silence belegte 125 Wochen lang die Hitliste.

1967 bat Regisseur Mike Nichols Paul Simon darum, für die Reifeprüfung den Soundtrack zu schreiben. Nach anfänglichen Bedenken gegen den Roman und den damals noch unbekannten Hauptdarsteller Dustin Hoffmann nahm er den Job an. Simons Musik, zuvorderst der Song Mrs. Robinson, sollte ganz wesentlich zum Erfolg des Films beitragen. Kurz nach Veröffentlichung ihres nächsten Albums Bookends gelang Simon Garfunkel ein einmaliger Rekord: Ihre Alben belegten am 15. Juni 1968 die ersten drei Plätze der Hitliste.

Die letzte gemeinsame Platte des Duos sollte 1970 das Album Bridge over Troubled Water werden, das zugleich den Höhepunkt ihrer Karriere markiert. Es enthält das großartige Lied Boxer, in dem Geschichtenerzähler Paul Simon ein weiteres Mal seine Hauptfigur, den naiven, einsamen Großstadtausreißer leiden und hoffen lässt. Der eigentliche Erfolg des Albums basierte jedoch auf der Virtuosität des Songs Bridge over Troubled Water. Das Album wurde zum erstenmal in der Popgeschichte gleichzeitig die Nr. 1 in den USA und in England.

Und dann trennten sie sich. Angeblich deprimierten Paul Simon auf der letzten Welttournee die standing ovations für Art Garfunkel, wenn dieser Bridge over Troubled Water anstimmte - ein Lied, das Simon zwar für Garfunkel geschrieben hatte, für das nun aber der andere den Erfolg einheimste, während er selbst auf der Bühne abseits stand. Von Garfunkel seinerseits sagt man, dass es ihm lästig wurde, mit leeren Händen dazustehen, während sein Partner auf der Gitarre spielte. Als man sie Jahre später für eine erneute Zusammenarbeit unter Druck setzte, äußerte Paul Simon unverhohlen seinen Unwillen und kündigte an, dass er nur diejenigen Lieder mit seinem Partner singen könnte, die aus dem gemeinsam Erlebten hervorgegangen seien.

Paul Simon begann seine Solo-Karriere mit dem Studium der klassischen Gitarre und der Musik aus verschiedenen Kulturen. Nun konnte er sich endlich die Freiheit des Eklektizismus leisten. Auf seinen Platten bediente er sich jetzt der Elemente aus Reggae, Jazz, Soul und Blues und holte sich dementsprechend hochkarätige Musiker dazu. 1986 ging er nach Südafrika und nahm dort mit einheimischen Musikern sein umstrittenes Graceland-Album auf. 1990 entstand Rhythym of the Saints, auf dem er sich die brasilianische und die westafrikanische Musik vornahm. In beiden Fällen wurde ihm im Anschluss vorgeworfen, er würde die Musiker der Dritten Welt ausnutzen. Besonders die Aufnahmen in Südafrika stellten einen Skandal dar, da sie zu einer Zeit erfolgten, in der eine UN-Resolution wegen des Apartheid-Regimes zum Boykott des Landes aufgerufen hatte. Graceland ist ein Album, auf dem die amerikanische mit der afrikanischen Musik auf geniale Weise verschmilzt, es wurde weltweit ein Bestseller, die Angriffe hörten jedoch nicht auf. Noch auf Simons späterer, von ANC, Mandela und der UNO unterstützten Südafrika-Tournee gab es Bombendrohungen. Von den südafrikanischen Musikern war er in Schutz genommen worden; sie bekräftigten, dass nicht er sie, sondern sie ihn benutzt hätten, um mittels kultureller Kooperation aus ihrer jahrelangen Isolation auszubrechen. Buena Vista Social Club hat erneut gezeigt, dass in der Tat so eine Zusammenarbeit in erster Linie der Promotion der Musik des jeweiligen Landes dient und die anfängliche Intention des als Motor agierenden Künstlers - in diesem Fall Ry Cooder - allmählich in den Hintergrund tritt.

1998 wandte sich Paul Simon der puertoricanischen Musik zu und schrieb das Musical Capeman. Dem Stück beziehungsweise dem Soundtrack lag der wahre Fall des Salvador Agron zugrunde, der 1959 als 16-Jähriger in New York wegen Mordes verurteilt wurde. Noch nie war bis dahin im Staat New York ein Jugendlicher diesen Alters mit dem Tod auf dem elektrischen Stuhl bestraft worden. Agron - genannt Capeman - war das Kind einer armen Immigrantenfamilie und Mitglied einer Gang. Bei einer Auseinandersetzung hatte er zwei unbeteiligte Jugendliche erstochen. Durch die Intervention des damaligen Bürgermeisters Rockefeller und anderer prominenter Bürger der Stadt wurde das Strafmaß in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt. Im Gefängnis wurde Capeman zum Dichter und politischen Aktivisten. Dreißig Jahre später rehabilitierte man ihn - drei Jahre nach seinem Tod.

Simons Musical im Stile der West Side Story sollte der größte Flop der Broadway-Geschichte werden. Es war ihm nicht gelungen, zu vermitteln, was er mit diesem Thema beabsichtigte; die Familienangehörigen der Opfer fühlten sich gekränkt, die Presse behauptete, Simon würde - die Situation der Immigranten hin, Armut her - einen Mörder glorifizieren. Zurück blieb ein wunderschönes Album, in dem Paul Simon den New Yorker Rock´n´Roll der fünfziger Jahre mit puertoricanischer Musik kombiniert.

Die Trennung von Simon and Garfunkel tat im übrigen ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Trotz des Riesenerfolges ihrer Reunion-Welttournee im Jahre 1981 - allein im New Yorker Central Park waren 500.000 zugegen - und des darauffolgenden Drucks der Öffentlichkeit und der Plattenfirmen stand für beide fest, dass Simon Garfunkel ein abgeschlossenes Kapitel war. Dennoch verbindet sie viel: Bodenständigkeit, Perfektionismus, Seriosität (keine Groupies und nur wenig Drogenkonsum), Respekt voreinander und vor ihren Mitarbeitern. Das alles machte Simon and Garfunkel zu Außenseitern der Popwelt.

Paul Simon wird am 13. Oktober 60 Jahre alt.

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00:00 12.10.2001

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