Andacht der Reuelosen

Pfingsttreffen der Veteranen In Mittenwald feiert sich alljährlich eine Truppe der Wehrmacht, die im Zweiten Weltkrieg Massaker begangen und Judentransporte durchgeführt hat

Der oberbayerische Marktflecken Mittenwald, inmitten grandioser Gebirgslandschaft auf 913 Metern Meereshöhe gelegen, ist ein international anerkanntes Zentrum des Zupfinstrumentenbaus. Und die Schüler der 1858 gegründeten Geigenbauschule, der einzigen in Deutschland, kommen aus vielen verschiedenen Ländern. Im Mai 2005 wird nach vier Jahren wieder ein Geigenbauwettbewerb mit Teilnehmern aus aller Welt veranstaltet, die »Olympiade der Streichinstrumente«, wie der Wettstreit auf der Mittenwalder Homepage angepriesen wird. Die Geigenbauer sind indes nicht die einzigen Gäste, die Mitte Mai ins Werdenfelser Land reisen. Denn es werden auch einige Hundert Demonstranten erwartet, die gegen das traditionelle Pfingsttreffen der Gebirgstruppe am 15. Mai mobilisieren.

Eine Woche nach dem 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus werden die Gebirgsjäger auf dem oberhalb der Marktgemeinde gelegenen Hohen Brendten wieder ihre Fahnen in Anschlag bringen, das Musikkorps wird schmissige Stücke intonieren und die Militärgeistlichen werden unter dem monumentalen Ehrenmal salbungsvolle Ansprachen halten. Der 5.200 Mitglieder starke Kameradenkreis der Gebirgstruppe lädt zum 48. Pfingsttreffen und will der Verstorbenen und Vermissten gedenken.

Lange Jahre waren die Gebirgsjäger, darunter Veteranen von Wehrmacht und SS sowie aktive und ehemalige Soldaten der Bundeswehr, bei ihrer Feier weitgehend unter sich geblieben. Seit ein paar Jahren ist das nun anders. Auch in diesem Jahr mobilisieren die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) sowie die Gruppe Angreifbare Traditionspflege erneut in Mittenwald. Sie fordern: »Es muss Schluss sein mit Feierlichkeiten, bei denen Täter zu Opfern umgelogen werden!«

Wie es um das Selbstverständnis der Gebirgsjäger bestellt ist, mögen folgende Sätze des einstigen Wehrmachtsgenerals Hubert Lanz illustrieren: »Also steht er vor uns: kraftvoll und hart, wortkarg und zäh, mit kantigem Gesicht, selbst ein Stück Fels – der Kämpfer der Berge. (…) Gut ausgebildet, an Härte und Opfer gewöhnt, geht der Gebirgsjäger in den Krieg, der das ›Edelweiß zum Schrecken der Feinde‹ werden läßt. Höchste Leistungen zeichnen seinen Weg.« Zu diesen »Leistungen« zählte Lanz offenbar die Gräuel deutscher Gebirgsjäger auf der griechischen Insel Kephallonia. Unter seinem Befehl erschossen die Landser 1943 über 4.000 gefangene italienische Soldaten. Lanz sollte später wehrpolitscher Sprecher der FDP werden.

Das Massaker von Kephallonia ist – wie zahlreiche andere, an denen Wehrmachts- Gebirgsjäger beteiligt waren – bis heute nicht gesühnt. Dies könnte sich freilich ändern. »Die Ermittlungen sind im Gange, werden aber noch eine Zeit lang dauern«, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München I. Wie Staatsanwalt Joachim Riedel von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg betont, seien in Sachen Kephallonia in Deutschland »flächendeckend Ermittlungsaufträge erteilt worden«. Doch die Nachforschungen ziehen sich mittlerweile schon einige Jahre hin. Auch unter der Zivilbevölkerung haben die Gebirgsjäger seinerzeit Massaker angerichtet wie zum Beispiel im nordgriechischen Kommeno. Nach Recherchen des Arbeitskreises Angreifbare Traditionspflege war die Elitetruppe der Wehrmacht im März und April 1944 auch an der Deportation von 1.700 Athener Juden nach Auschwitz-Birkenau und Dachau beteiligt.

Man kann nicht behaupten, dass die Gegendemonstranten in Mittenwald, wo das Militär als sakrosankt gilt, gern gesehene Gäste wären. Im Gegenteil, massive Anfeindungen sind die Regel. Inzwischen werden in der Marktgemeinde Befürchtungen laut, dass die Proteste das gute Geschäft mit den Touristen nachhaltig schädigen: »Bei dem, was uns wieder bevorsteht, müssen wir jetzt darüber reden, ob wir nicht an der Form der Brendten-Veranstaltung etwas ändern müssen«, fordert der Tourismusdirektor. Rückendeckung bekommt er von Bürgermeister Hermann Salminger: »Auch der Kameradenkreis muss Verständnis haben, dass wir für den Ort handeln müssen und es so nicht weiter geht.«

Der Tourismusdirektor schreibt in einem offenen Brief sogar von Gästen, die meinten, »dass Mittenwald durch und durch mit Nazis und Verbrechern besetzt sei« und ganz bewusst ihren Urlaub absagten. Es wurde bereits über eine zeitliche beziehungsweise örtliche Verlegung der Feier diskutiert, doch wie es aussieht, wird es in diesem Jahr noch keine Änderungen geben.

Manfred Benkel, neuer Präsident des Kameradenkreises, dem auch Ministerpräsident Stoiber angehört, zeigt sich empört über das Verhalten der Kommune: »Ich bin enttäuscht darüber, dass sich die Gemeinde vor Verfassungsfeinden duckt.« Ein Nachgeben würde für die Gebirgsjäger eine Niederlage bedeuten, was für eine Soldaten-Vereinigung selbstredend nicht zur Diskussion steht. Was die Gegner des Treffens wollen, wissen die Kriegskameraden hingegen genau: »Ihr Ziel ist es, unsere wehrhafte Demokratie und deren Traditionen zu schwächen, auszuhöhlen und letztendlich durch ein Regime marxistisch-leninistischer Prägung zu ersetzen.« So steht es in der Gebirgstruppe geschrieben, dem Organ des Traditionsverbandes mit Sitz in München.

Die Gegner des Treffens fordern, dass sich die Gebirgsjäger ihrer Täterschaft erinnern und der Opfer gedenken müssten. Die Feier hat in ihren Augen den Charakter einer Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher: »Hier werden Absprachen getroffen für den Fall, dass die Strafverfolgungsbehörden doch noch einmal mit einer Mordanklage an die Tür klopfen. Das alles ist widerlich, und wir wollen, dass das aufhört.« Um ihrer Forderung nach Abschaffung des Treffens Nachdruck zu verleihen, werden die Aktivisten ihre Proteste ausweiten und vom 12. bis 16. Mai Zeitzeugenveranstaltungen, Sternmärsche, Demonstrationen, aber auch eigene Mahn- und Reuegottesdienste sowie ein »Wiederentwaffnungscamp« organisieren. Die Aktionen werden aller Erfahrung nach wieder von einem aberwitzigen Aufgebot an Polizeikräften begleitet werden, inklusive Hubschrauber.

Empört sind die Kritiker auch über die Schützenhilfe der Bundeswehr, die die greisen Veteranen mit Bussen zum Ehrenmal karrt. Der Brendten liegt auf 1.138 Meter Höhe und ist Teil eines Truppenübungsplatzes. Das Grundstück, auf dem das Ehrenmal steht, ist allerdings im Besitz des Kameradenkreises. Böllerschüsse und soldatisches Liedgut hallen während der Feier über das obere Isartal und die Gipfel des Karwendel. Greise Ritterkreuzträger legen Seit an Seit mit aktiven Bundeswehrsoldaten Kränze am Ehrenmal ab, es reisen aber auch Soldaten anderer Nationen nach Mittenwald. Und Neonazis, die auf dem Brendten in den vergangenen Jahren gesichtet wurden.

Neben den Gebirgsjägern wird es im Werdenfelser Land möglicherweise bald eine weitere Gruppierung geben, die sich für die Ehre der Wehrmachtssoldaten ins Zeug legt. Die NPD plant allem Anschein nach, einen Kreisverband Garmisch-Partenkirchen zu gründen. Parteiprominenz war bereits vor Ort: Der Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag, Holger Apfel, stattete der Region Ende 2004 einen Besuch ab. Mit im Schlepptau: Franz Schönhuber und Alfred Mechtersheimer.

Vom Kameradenkreis ist zu hören, man werde weiterhin »kompromisslos für die Ehre der Soldaten der Wehrmacht und der Bundeswehr eintreten«. Und von dieser Haltung will man auch im Jahr 2005 nicht abrücken.


00:00 13.05.2005
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