Anders leben

DAS ENDE DER PFLICHT Oskar haut ab

Für ihn war die Bewegung, der er sich nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck« schreibt August Bebel in seinen Erinnerungen Aus meinem Leben über den sozialistischen Emporkömmling und Juristen Jean Baptist von Schweizer. Was wäre gewesen, wenn Bebel im Führungsstreit mit diesem charismatischen Aufschneider und begnadeten Machttaktiker um die Richtung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein jene legendäre Taschenuhr, die sein Nachfolger Willy Brandt wie eine Reliquie verwahrt hatte, einfach aus dem Fenster geworfen, nach Leipzig abgedampft, die Schotten dicht oder später der Reichstagsfraktion seiner Partei gesagt hätte: »Ihr könnt mich mal?« Hätte es die SPD des Eisenacher Kongresses gegeben?

Mit Oskar Lafontaines Blitzabgang hat die deutsche Sozialdemokratie nach Willy Brandt einen der letzten Politiker verloren, der die Lebensweise des ausgehenden zwanzigsten mit der programmatischen Leidenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts verband. Jetzt kommen die Wendehälse. Sein selbstherrlicher Akt entsprach übrigens keineswegs dem Grundwert Solidarität, den er in seinem Abschiedsbrief der Partei in beziehungsreicher Anspielung als Verpflichtung hinterließ. Alle Menschen werden Brüder - das Motto, mit dem Lafontaine in Mannheim der Partei heilige Schauer über den Rücken hatte laufen lassen und schließlich den Sieg über den hölzernen Pinocchio Scharping davontrug - für seine nächste Umgebung hat der schroffe und arrogante Lafontaine das selbst nie zugelassen. Man weiß gar nicht so recht, wie der hochbegabte Musterschüler zu dem Ruf des Traditionalisten kam. »Das Herz schlägt links« - Oskars pathetisches Vermächtnis, ein übrigens auch schon mal von Helmut Schmidt zweckdienlich verhunzter Spruch, sollte signalisieren: der Rücktritt war ein Sieg des Bündnisses von Kapital und Hombach. Aber das Bild Lafontaines mit dem kleinen frechen Sohn auf den Schultern zeigte: er war auch ein Sieg der Postmaterie. Dieses ebenso genußfähige wie plötzlich zornig-gekränkte Ego, das alle historische Last von sich warf, entsprach eher dem extremen Individualismus der neuen Mittelschichten, mit dem die SPD politisch noch immer wenig anzufangen weiß und dem sie - samt Grünen - immer noch mit Ressentiments gegenübersteht, wie die Reaktion auf Gerhard Schröders und Joschka Fischers neue Kleider zeigen. Die politischen Leidenswege der postmaterialistisch angekränkelten Enkelriege, die seit ein paar Jahren nacheinander den Laden ruinieren darf, symbolisieren die Zerrissenheit der auslaufenden Arbeiterbewegung zwischen Antipolitik und Politikbesessenheit. Die Beliebigkeit, mit der der Parteivorsitz, jenes Hochamt der organisierten Arbeiteraristokratie seit Willy Brandts Abgang wie eine Konkursmasse herumgereicht wurde, machte das deutlich. Darin glich der politisch robustere Vorsitzende Lafontaine seinem geistestänzelnden Vorgänger Engholm.

Ein anderes Leben - Mit seinem Abgang flüchtet Lafontaine vor einem sozialökologischen Umbau, der seinen Namen auch wirklich verdient hat und ihm den ersehnten Bauernhof vermutlich erst dauerhaft sichern würde. Doch der kolportierte Wunsch dieses Volldampfpolitikers war auch das Ziel der Arbeiterkulturbewegung. So ungläubig, wie er in den Medien zitiert wurde - die Reaktionen auf Lafontaines Blitzkrieg gegen Amt und Pflicht spiegeln auch die unerhörte Herausforderung der Politikbetriebs mit seinen Parteisoldaten, die nur Machterhalt bis zum Umfallen kennen. Man vermag sich zwar nicht recht vorzustellen, daß ein Mann mit einer weltumspannenden politischen Agenda, wie sie Lafontaine in seinem Buch Keine Angst vor der Globalisierung Wohlstand und Arbeit für alle ausgebreitet hat, die Politik tatsächlich so einfach an den Nagel hängt. Das ist ein Dritter Weg, der leider noch nicht allen offensteht, die keine Ministerpräsidentenpension beziehen. Die vita contemplativa aus Lesen, Schreiben, Nachdenken und Gemüse Züchten, die dem Aussteiger Lafontaine vorschwebt, konnten August Bebel und Wilhelm Liebknecht nur in der Festungshaft genießen. Und gelang den zwangsweisen Hobbygärtnern nicht auf Anhieb. Die Radieschen gediehen nicht. Wegen Überdüngung. Jetzt hat ihr Urenkel, ganz ohne polizeiliches Zutun, wenigstens für sich die Muße erreicht, die, nach Aristoteles, die Tochter der Freiheit ist.

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00:00 19.03.1999

Ausgabe 42/2021

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