Anderswo leistet man sich bunte Blumen

Eigenverantwortetes Mittelmass Wie Kritische Wissenschaft der Bologna-McDonaldisierung zum Opfer fällt - in Berlin, Marburg, Bremen

Die "Graduate School of North American Studies" am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin wurde im Exzellenzwettbewerb ausgezeichnet. Auch für die Eröffnung hatte man eine Exzellenz engagiert, zumindest eine ehemalige, denn als Außenminister konnte der Festredner Joschka Fischer diese Anrede beanspruchen. Eine exzellente Graduate School und ein paar exzellente Exzellenzcluster braucht eine Universität, um insgesamt zu einer der neun Exzellenzen unter den deutschen Universitäten geadelt zu werden.

Störung des "exzellenten" Bildes

Exzellente Hochschulen bieten etwas, was andere nicht haben, sollte man meinen, nicht einfach mehr vom Gleichen. Aber wahrscheinlich kommt es mehr auf die glattere Hochglanz-Oberfläche an als auf ein erkennbares und einmaliges Angebot. Und FU-Präsident Dieter Lenzen hatte seine Vermutung, was das gewünschte Hochglanz-Exzellenz-Bild stören könnte: Ein Juniorprofessor am JFK-Institut nämlich, der über die Maßen links sein soll - Albert Scharenberg.

Der sollte auf Vorschlag der Berufungskommission, nach sorgfältiger und inzwischen vielfach dokumentierter Auswahl als bester Kandidat eine Juniorprofessur für nordamerikanische Politik an eben jenem Institut bekommen. Seit Januar liegt die Berufungsliste beim Präsidenten, doch der weigert sich, sie an den Wissenschaftssenator Zöllner weiterzugeben. Scharenberg ist Redakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik und Mitglied im Kuratorium der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Am Institut herrscht große Aufregung über die Obstruktion des Präsidenten, nicht nur, weil er das Urteil der Fachkollegen in den Wind schlägt, sondern auch, weil der Juniorprofessor in der Lehre fehlt. Vollversammlungen finden statt, es hagelt Proteste, doch Lenzen verweigert sich der Diskussion. Gegenüber dem JFK-Institut begründet das Präsidium die Ablehnung zunächst mit dem Alter des Kandidaten - mit 42 sei Scharenberg kein Junior mehr. Weder die Rechtslage noch die bisherige Berufungspraxis geben freilich eine Altersbegrenzung her. Dann sollten zwei der Gutachter befangen gewesen sein - auch das erwies sich als Hirngespinst. Über 110 Professoren aus aller Welt kritisierten den FU-Präsidenten in einem offenen Brief: Es sei verheerend für die Freie Universität, wenn sich der Eindruck verfestigte, hier würden Professuren nach politischer Opportunität besetzt, heißt es darin.

Genau das wird aber laut Zeitungsberichten aus dem Präsidialamt kolportiert: Die Mitarbeit in der Luxemburg-Stiftung gilt dem Präsidenten als rufschädigend, und das konnte er auf dem schließlich erfolgreichen Weg zur Exzellenz nicht gebrauchen.

Marburg: Marxismus unerwünscht

Scharenberg ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass kritische Gesellschaftswissenschaftler an deutschen Hochschulen unter Druck geraten. In Marburg verhindert der Präsident der Universität, Volker Nienhaus, die Besetzung eines Lehrstuhls am Institut für Politikwissenschaft. Es geht um die Nachfolge für Frank Deppe, den vor einem Jahr emeritierten Politikwissenschaftler. In der Nachfolge von Wolfgang Abendroth hatte sich in Marburg eine Schule marxistisch orientierter Politikwissenschaftler gebildet. Neben Deppe sind Georg Fülberth und Reinhard Kühnl deren exponierte Vertreter. Sie alle sind mittlerweile emeritiert.

Deppes Lehrstuhl wurde ausgeschrieben, und am Ende stand ein in Berlin lehrender Deppe-Schüler, Dieter Plehwe, oben auf der Berufungsliste. Doch plötzlich erschien es dem Präsidenten sinnvoll, Deppes Lehrstuhl ganz zu streichen. Angeblich, damit man mehr Geld für die Ausstattung der anderen Lehrstühle habe. Protest gab es nicht nur aus der Fachschaft. Die Initiative zur Rettung kritischer Wissenschaft hat über tausend Unterschriften gesammelt, der Senat der Universität kritisierte die Entscheidung des Präsidenten. Lediglich das Direktorium des Politik-Instituts schloss sich dem Präsidenten an, in Erwartung der dadurch für sie frei werdenden Gelder - und, so darf man vermuten, zur Vermeidung weiterer Konkurrenz.

Denn Marburg war in der Vergangenheit besonders für Studenten der Gesellschaftswissenschaften attraktiv, die eine Alternative zum herrschenden Mainstream suchten - eine Erwartung, die die in den letzten Jahren berufenen Hochschullehrer nicht erfüllen können und wollen.

Bereinigung qua Präsidialmacht

Vor einigen Jahren traf es an der Frankfurter Universität den Soziologen Alex Demirovic, einen Vertreter der Kritischen Theorie. Zweimal stand er auf Platz eins der Berufungsliste für einen Soziologie-Lehrstuhl, zweimal wurde er vom Präsidenten Frank Steinberg gestoppt. Der holte eigene Gegengutachten ein, um den unliebsamen kritischen Wissenschaftler zu verhindern - ein bisher beispielloses Vorgehen, doch nun das gute Recht der neuen, starken Präsidenten einer Stiftungsuniversität, wie sie die Frankfurter nun ist.

Auf einer Tagung des Hochschulverbands über das "Unternehmen Universität" brüstete sich Steinberg damit - nun, nach dem neuen hessischen Hochschulgesetz, ist er die letzte Instanz für Berufungen. Und anders als die Ministerien (auch die hatten in der Vergangenheit durchaus inhaltlich interveniert) prüfe er die Berufungen nicht nur formal, sondern achte darauf, dass sie in das Profil seines Unternehmens passen.

Ein anderes Beispiel aus Frankfurt ist die Abwicklung des sexualwissenschaftlichen Instituts von Volkmar Sigusch. Dieses Unikat in der deutschen Wissenschaftslandschaft, das eine Vorreiterrolle in der Erforschung menschlicher Sexualität innehatte, passte nicht ins rein klinisch ausgerichtete "Profil" der medizinischen Fakultät.

Ein weiteres Beispiel: An der Universität Bremen werden die Lehrstühle für Behindertenpädagogik von vier auf zwei zusammengestrichen. Einen eigenständigen Masterstudiengang in Behindertenpädagogik wird es nicht mehr geben. In Bremen vertraten Georg Feuser und Wolfgang Jantzen eine materialistische Theorie in der Behindertenpädagogik. Ihr gegen die Aussonderung und Stigmatisierung von Behinderungen gerichteter Ansatz findet international viel Beachtung, in Deutschland war er einmalig in Bremen vertreten.

Auch in Berlin werden die letzten Residuen der einst von Klaus Holzkamp verkörperten Kritischen Psychologie beseitigt, weil sie im Bachelorstudiengang nicht mehr vorkommt. Nur der rasche und breite Protest von über tausend Studierenden hatte bewirken können, dass nicht noch der Lehrauftrag für den letzten "Kritischen Psychologen" an der Hochschule, Morus Markard, eingestellt wurde. Dennoch sind seine Tage gezählt. Wenn das Diplomstudium ausgelaufen ist wird er nicht mehr gebraucht. Im Bachelorstudium ist sein "Ausbildungsprojekt qualitative Methoden und subjektwissenschaftliche Berufspraxis" nicht mehr vorgesehen.

In all diesen Beispielen geht es nicht mehr nur darum, missliebige "linke" Wissenschaftler aus den Hochschulen herauszukicken - das gab es schließlich immer schon. Neu ist, dass diese "Bereinigungen" von den mit neuer Machtfülle ausgestatteten Präsidenten durchgesetzt werden. Als Chefs von auf Effizienz bedachten Betrieben setzen sie ihre Vorstellung von der Produktpalette ihres Unternehmens durch, und sie suchen sich das dafür passende Personal aus.

Profilierung oder Profanisierung?

Gegenüber den gängelnden und kleinlichen Ministerien auf der einen Seite und gegenüber den nur ihre akademischen Kleingärten pflegenden Fakultäten und Institutsleitern auf der anderen setzen die CEOs (Vorstandsvorsitzenden) der unternehmerischen Hochschule ihre Geschäftsstrategie durch. Auf den sich neu konstituierenden Märkten für Lehre und Forschung können sie angeblich frei agieren, wie richtige Unternehmer. Und zur unternehmerischen Freiheit gehört zuallererst die Freiheit, sich sein Personal selbst aussuchen und die Produktpalette selbst bestimmen zu können, also zu definieren, wie sich das Unternehmen am Markt "aufstellt", wie man heute sagt.

Wäre es nicht ein profilierendes "Alleinstellungsmerkmal", wenn man in Frankfurt die Kritische Theorie pflegen würde, in Marburg die Abendroth-Schule und in Bremen die materialistische Behindertenpädagogik? Schließlich gibt es Studierende, die eine Wissenschaft "nachfragen", die einem einen distanzierten Blick auf die Realität und einen kritischen Zugang zur eigenen beruflichen Praxis ermöglicht, genug jedenfalls, um damit die Studiengänge an der Handvoll Hochschulen zu füllen, die dafür infrage kommen. Doch mit massivem Druck von oben wird allmählich das heute vorherrschende Verständnis von einem Bachelorstudium durchgesetzt, nämlich sich in kurzer Zeit "fit" machen zu lassen für eine eng umgrenzte Berufsfunktion. Und das gelingt nur, indem Alternativen einfach ausgeschlossen werden.

Die unternehmerische Hochschule hat keinen Platz mehr für Orchideen, deren Pflege viel kostet und die vermeintlich keinen Markt haben. Fächer wie die Jugendbuchforschung in Frankfurt haben mit drei Professuren einfach zu wenig Lehrkapazität, um einen vollständigen Bachelor- und Masterstudiengang anzubieten. In Göttingen wird demnächst der letzte Alt-Amerikanist das Licht ausknipsen - in den "reformierten" Studiengängen ist sein Fach nicht mehr vorgesehen. Skandinavistik ist bestenfalls als Nebenfach gut - wer wird also künftig noch den Wissenschaftlernachwuchs ausbilden? An der Universität Mannheim will man nur noch Business-School sein und schickt alle Philologen und Philosophen in die Wüste - vielleicht hält man sich noch einen für unterhaltsame Ringvorlesungen.

In Ländern, die schon länger einen Markt für Ausbildungsdienstleistungen besitzen, wie in den USA oder Großbritannien, haben selbst ausgewiesene Marxisten ihren Platz im Lehrangebot. Dort leistet man sie sich wie "bunte Blumen an der Kette" (Marx) eines rein zweckdienlichen Studiums, weil sie die Erkennbarkeit und Sichtbarkeit der Hochschule erhöhen. Marxistische Historiker, Linguisten oder Ökonomen sind ein Angebot, das eine Nachfrage bei den Studierenden hat. Hierzulande ist es den allmächtigen Unipräsidenten herzlich egal, was Studierende nachfragen. Sie interessiert mehr, was die in ihren Hochschulräten sitzenden Banker und Kommunalpolitiker wollen, was das Ministerium will und womit sie die Gutachter beim Exzellenzwettbewerb beeindrucken können. Das entlarvt die Marktrhetorik vom Studenten als Kunden als pure Ideologie für die Durchsetzung von Studiengebühren.

Die neue - unternehmerische - Freiheit der Hochschulen soll mehr Wettbewerb, mehr Profil, Differenzierung und Unterscheidbarkeit in die deutsche Hochschullandschaft bringen, die bisher ja angeblich nur glanzloses Mittelmaß verkörpert hat. Exzellente Leuchttürme sollen aus der Masse mediokrer Hochschulen heraus ragen. Doch die neuen Leuchttürme zeigen alle nur noch in eine Richtung. Das nun in Eigenverantwortung der Hochschulen gemanagte Studienangebot wird in einem Maße uniformiert, wie es die rigideste Ministerialbürokratie vorher nicht vermocht hatte. Der Markt produziert nicht Buntheit und Vielfalt, sondern einen Einheitsbrei - die McDonaldisierung im Namen von Wettbewerb und Bologna.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare