"Änderungen im Sinne des technischen Fortschritts bleiben vorbehalten"

Alltag Ein Leben als gebrauchsangewiesener Mensch in der DDR

Was die DDR-Geschichte und speziell den DDR-Alltag betrifft, wird heutzutage über alles Mögliche und Unmögliche geforscht. Ein Thema der DDR-Kulturgeschichte ist dabei aber offenbar vernachlässigt worden: die Gebrauchsanweisungen. Für einen Vortrag über die "Prosa der Dinge" fing der Dichter Jan Faktor 1996 an, Gebrauchsanweisungen zu den in der DDR üblichen Geräten und Gegenständen zu sammeln. Er bat Freunde und Bekannte, ihm in ihren Haushalten noch vorhandene Gebrauchsanweisungen zu überlassen. Das Echo darauf war überwältigend. In etlichen Diavorträgen hat Jan Faktor seine Funde öffentlich vorgestellt, wir dokumentieren einen kleinen Ausschnitt seiner Show.

Zu der Beschäftigung mit DDR-Gebrauchsanweisungen bin ich ganz unschuldig gekommen - nämlich als ganz normaler Nutzer und Verbraucher von Alltagsgegenständen. Inzwischen sammle ich sie systematisch, sammle natürlich alles, was greifbar ist - und zwar aus gutem Grund: dass die Dinge nicht wegkommen. Dabei bin ich absolut kein Sammlertyp - und war es auch nie -, da mir diese Leute generell eher suspekt sind. Als literarisch und technisch interessierter Bürger hob ich irgendwann im Laufe der achtziger Jahre eher beiläufig einige Gebrauchsanweisungen auf, die mir schon damals so unglaublich skurril, unfreiwillig witzig, einmalig unverständlich - und deswegen verrückt sinnlos - vorkamen, dass man ihnen durchaus einen literarischen Zusatzwert zusprechen musste. Es waren vielleicht sieben oder acht meist unscheinbare, gelbliche oder graue kleine Zettel. Heute sind es die Highlights meiner Sammlung. Viele andere Anleitungen habe ich mit der Zeit - wie üblich, wie alle anderen - nach und nach leider einfach weggeworfen. Mit dem systematischen Sammeln habe ich dann erst im Jahr 1997 angefangen - also viel zu spät, nämlich in der Zeit, in der schon sehr viele ordnungsliebende DDR-Bürger ihre Wohnungen ausgemistet, sich bei Umzügen von vielem getrennt, sich mit neuen Gerätschaften versorgt hatten.
Den Grundstock meiner Sammlung bilden sieben oder acht kleine Zettel: Gebrauchsanweisung zu einem Druckspüler, zum Naseninhalator Nascondo, zum Rofra-Sprüher ...
Was aber zeichnete eine echte DDR-Gebrauchsanweisung aus?
Die DDR-Gebrauchsanweisungen waren in der Regel äußerst ZWANGHAFT geschrieben - zwanghafte Schriftstücke für eine zwanghafte Bevölkerung, die immer schon gleich am 2. Januar vor den Sero-Läden (heute könnten sie Grüner-Punkt-Läden heißen) Schlangen bildete, um die über Silvester leergetrunkenen Flaschen sofort abzugeben und die piekfeine Ordnung ihrer Wohnungen, die durch das angesammelte Leergut gestört wurde, wieder herzustellen.
Die DDR-Gebrauchsanweisungen waren stark SCHULISCH-DIDAKTISCH ausgerichtet; sie waren dazu da, das aus den Bildungseinrichtungen entlassene Volk weiter und zusätzlich zu erziehen und zu bilden, da es immer noch nicht vollkommen ordentlich und zur totalen Korrektheit erzogen worden war. Die DDR war eine einzige große Erziehungsanstalt.
Auf der anderen Seite waren die DDR-Gebrauchsanweisungen oft äußerst LIEBEVOLL geschrieben, da es in den Fabriken noch eine gewisse Nähe zwischen den Verfassern und den unmittelbaren Produzenten der Erzeugnisse gab. Die Gebrauchsanweisungen wurden eben in der Regel noch direkt in den jeweiligen Betrieben verfasst, von Menschen, die sich untereinander alle noch persönlich kannten und die an den Erzeugnissen mit ganzer Seele hingen, da diese ihnen über Jahrzehnte einen wesentlichen Teil des Lebensinhalts lieferten. Gerade diese liebevolle Bezogenheit macht heute oft den in den Gebrauchsanweisungen steckenden Witz aus: Nicht nur die fachmännische Blindheit oder Enge ist so rührend, sondern auch die maßlose Überschätzung der Wichtigkeit des Produkts, der Stolz um jeden Preis - auch wenn alle über die oft viel höheren internationalen Standards ziemlich genau Bescheid wussten.
Der Ton der Texte der Gebrauchsanweisungen ist oft auch ANGSTVOLL, da die Verfasser, die an ihren Geräten hingen, sich natürlich mit Phantasien plagten, was manche schlampige Elemente im Lande mit den wunderbar sensiblen und mit Gefühl zu handhabenden Geräten alles anstellen könnten. Man ahnte eben, dass die zukünftigen Nutzer der Gerätschaften nicht so übervorsichtig sein würden wie man selbst, dass die Bürgerkinder immer noch nicht zur endgültigen Vernunft erzogen worden sind. Also enthielten die Anweisungen auch Informationen über das eventuelle Nichtfunktionieren von Gegenständen und die Warnung davor ("Wir warnen dringend, es wäre des Ende Ihres Sprühers").
Das SORGENVOLLE der Texte hängt natürlich mit den allzu bekannten Problemen der Mangelwirtschaft zusammen. Die Geräte musste man pflegen, da es neue entweder nicht zu kaufen gab oder die Ersatzteile zu ihnen schwer zu haben waren. Man entwickelte dadurch oft eine feste, über lange Jahre gewachsene Beziehung zu jedem einzelnen Gerät im Haushalt - und zu jedem natürlich eine ganz und gar individuelle. Recycling und das Schonen der Ressourcen waren damit von dieser Seite aus voll gewährleistet. Die exzessive Umweltverschmutzung hat die DDR-Wirtschaft anderweitig betrieben.
Und noch eins darf man bei der Beschäftigung mit den Alltagsgegenständen nicht vergessen: Manche blieben über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte fast unverändert. Und da es noch dazu kaum konkurrierende Produkte gab und eine Wahl beim Kauf nicht möglich war, standen, lagen oder fuhren überall die gleichen Exemplare von Gebrauchsgegenständen. Die Veränderungen waren meistens minimal. Schon die alltägliche Ausstattung der Republik suggerierte einem jeden Tag: SO, WIE ES IST, WIRD ES IMMER BLEIBEN, UND ES WIRD TAG FÜR TAG IMMER SO WEITERGEHEN. Nebenbei bemerkt: Das war sicher einer der Gründe, warum die DDR-Bürger in der Regel sehr ernst waren und meistens relative Düsterkeit ausstrahlten.
Die liebevolle Zuwendung der Produzenten im engen Rahmen der Mangelwirtschaft brachte natürlich viel Tragik in die Bürostuben. Aus manchen Gebrauchsanweisungen wehte regelrecht das schlechte Gewissen ihrer Verfasser. Sie würden nämlich gern etwas noch viel Vollkommeneres produzieren, wenn sie die entsprechend teuren oder zu importierenden Materialien gehabt hätten. Weil sie sie aber nicht hatten und wussten, dass sie sie auch nicht bekommen würden, mussten sie mit baldigen Abnutzungserscheinungen oder Funktionsstörungen ihrer Geräte rechnen. Schlechtes Gewissen war ihrerseits angebracht, auch wenn sie persönlich gar keine Schuld hatten. Um sich aber von diesen Gefühlen ein bisschen zu entlasten, liefern sie in vielen Gebrauchsanweisungen sofort Ratschläge zur Beseitigung aller möglichen Störungen, geben Hinweise zur Selbsthilfe. Auch das Wissen um die Problematik der Ersatzteile schwingt gleich mit: "Gegebenenfalls kann die Rückseite verwendet werden, da die Dichtung beiderseits die gleiche Form besitzt."

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00:00 01.03.2002

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