Andrea Palladio

A–Z 2018 ist das Jahr des Europäischen Kulturerbes. Wo soll man da anfangen, vielleicht beim Megastar der Renaissance, Andrea Palladio? Unser Wochenlexikon

A

Antike Einhundert Werke sind es, die Palladio (1509 – 1580) zugeschrieben werden, viele von ihnen sind Weltkulturerbe. Teils gelten sie gesichert aus seiner Hand, teils werden sie mit ihm in Verbindung gebracht. Auch wenn sich die Fachwelt in der Zuschreibung nicht immer einig ist, in einer Sache besteht kein Zweifel: Vorbild für seine Werke waren die Bauten der Antike. Auf die Antike bezog sich auch ein Baumeister, der in Berlin tätig war: Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699 – 1753). Zahlreiche Entwürfe für Schlossanlagen, Stadthäuser, Parks und Kolonnaden stammen von ihm. Ein Bauwerk, das als eines seiner Hauptwerke gesehen wird, war das Opernhaus. Das Theater wurde 1740 von Friedrich II. beauftragt, derzeit das größte Operngebäude in Europa. Vorbild war – und das ist noch heute an der Schauseite zur Straße Unter den Linden ablesbar – Palladios Villa Rotonda.

Ulrike Eichhorn, Autorin von
Palladios-Aldinen VOL 1 – VOL 3

F

Flüsse Palladios Villen sind legendär (➝ Kulisse). Eines eint alle: die Nähe zum Wasser. Er schrieb: „Wenn es möglich ist, an einem Fluss zu bauen, wird das sehr zweckdienlich sein, und die Annehmlichkeit fördern, denn man wird so Erträge mit geringen Kosten auf Kähnen in die Stadt bringen.“

Schwere Steine waren es auch, die für den Bau der Villen herangeschafft wurden. Sie stammten aus den Alpen und wurden über den Po, die Adige, die Brenta, den Piave, Tagliamento und Isonzo an die Ländereien der Besitzer geliefert. Es waren zumeist Rechtsanwälte, Notare und Politiker, die in Venedig, Vicenza und Padua tätig waren und zudem die Gelegenheit nutzten, im Sommer der Hitze der Städte zu entfliehen. Palladio hingegen wohnte zeit seines Lebens in Vicenza zur Miete, nahe der Ponte degli Angeli, einer von den Römern in der Antike erbauten Brücke. Ulrike Eichhorn

G

Glyptothek Ob die Besucher, die sich über den Münchner Königsplatz dem pseudo-antiken Bau der Glyptothek nähern, wissen, dass er von Andrea Palladio inspiriert wurde und heute so aussieht, wie die Rialto-Brücke (➝ Venedig) damals hätte aussehen sollen? Bis heute lassen die Ausmaße des Platzes wie der Anblick des Gebäudes erschaudern, und das nicht vor Erhabenheit, zumal in einer kleinformatigen Großstadt, in der weniger unübersichtlich ausufernde Boulevards das Stadtbild prägen, neo-antike Tempel sowieso deplatziert erscheinen.

Man weiß, wem diese Prachtarchitektur als ➝ Kulisse diente. Die schwarz-weißen Bilder, auf denen Tausende sich eng auf dem Platz drängten und aufmerksam die völkische Propaganda hörten, sind im Museum nebenan zu sehen. Drinnen im Eingang ist es dann wie immer. Der Putto würgt die Gans, mit einer absurden Frisur und einem zufriedenen Gesicht. Die Palladio-Anleihe aber legt einen weiteren historischen Jahresring über die Erinnerung der Stadt und nimmt den vergangenen Zeiten des Größenwahns und der Formenschönheit ihre aufdringliche Absolutheit. Eva Erdmann

K

Kulisse Die Villa Rotonda und die Basilica Palladiana dienten als Kulissen für die berühmte und umstrittene Don-Giovanni- Verfilmung unter der Regie des US-Amerikaners Joseph Losey (1909 – 1984). „Das Gebäude bietet eine Reihe von interessanten Parallelen zur Oper. Seine gegensätzlichen ➝ Symmetrien und Asymmetrien der Struktur finden sich auch in Mozarts Musik und im Aufbau einer Oper, die die klassische und die romantische Epoche überspannt“, erklärte er. Die Handlung wurde von Spanien nach Italien verlegt. In Loseys Auffassung ist Don Giovanni ein Kapitalist, Besitzer einer Glasbläserei, und am Ende wird er im Feuer der Glasbrenneröfen vernichtet werden. Magda Geisler

L

Leerstelle Palladios Biografie ist vor allem eine Leerstelle. Gut, ein paar Dokumente zur Familie sind erhalten. Aber für ein Zeitalter, in dem der Genie-Künstler-Kult seinen Anfang nahm und Anekdoten und Viten verschriftlicht wurden, ist das Wissen über seine Persönlichkeit spärlich (➝ Mignon). Das bildet aber auch eine seltene Stärke, denn durch diese Leerstelle können Palladios Werke nicht über die Biografie gedeutet werden, wie das üblich ist. So ist kein Schluss aus seiner Person auf seine Architekturen zu ziehen, wie auch diese nichts über ihn sagen. Alle Deutung liegt nur im Werk, und der Tod des Autors objektiviert auf glückliche Weise den Blick zurück. Tobias Prüwer

M

Mignon Das berühmteste Flüchtlingskind der deutschen Italienliteratur, Goethes „Mignon“ mit seinem „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“, muss in einer Palladio-Villa in Vicenza zu Hause gewesen sein. So kam es jedenfalls dem Dichter 1786 vor: „... es ist ohne allen Zweifel Vicenz“, schrieb er im Tagebuch an Frau von Stein aus Vicenza.

„Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach, es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach“: Musste das nicht eine Imagination von Palladios Villa Rotonda (➝ Symmetrie) sein? Allerdings – in Palladios Veneto blühen keine Zitronen. In Goethes 10 Jahre später erschienenem Wilhelm-Meister-Roman ist die Heimat des Kindes daher „die Gegend von Mailand“. 20 Jahre später, in der Buchredaktion der Italienischen Reise (1816), verlegt Goethe ihre Heimat in die Nähe von Neapel: „Mignon hatte wohl recht, sich dahin zu sehnen“. Auch poetische Heimaten sind schwer zu lokalisieren. Dieter Richter

P

Pläne Reisen zu den Bauten der Antike, das war Palladios Plan ab dem Jahr 1540. Verona, Brescia, Rom, Neapel, Pula, Frankreich – hier verbrachte er Tage, Wochen und Monate, studierte, nahm Maß und skizzierte.

Die Skizzen wurden die Grundlage für seine Vier Bücher der Architektur (➝ Säulenordnung). Dieses berühmte Traktat sollte einige Jahre später ein gewichtiger Mann in den Händen halten. Der Mann plante, auf einem kleinen Hügel ein Haus zu bauen. Monticello (kleiner Berg) nannte er sein Haus, das er nach den Regeln der Baukunst nach Palladios Vorbild zeichnete und erbaute. Es ist noch heute erhalten und bei Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia zu besichtigen. Es gehörte dem Autor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, dem dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson (1743 – 1826). Monticello wurde 1987 zum Weltkulturerbe ernannt, sieben Jahre vor der UNESCO-Ernennung seiner Vorbilder im Veneto. Ulrike Eichhorn

S

Säulenordnung Maßgeblich zur Verbreitung des nach Palladio benannten Baustils Palladianismus war seine publizistische „Nebentätigkeit“, er trug seine Grundlagen über Jahrzehnte zusammen.

Die vier Bücher zur Architektur avancierten nicht nur zum Jahrhunderte gültigen Standardwerk, auch ihr Zuschnitt ist originell (➝ Flüsse). Die Kapitel selbst sind nach Bautypen (Villen, Paläste, Brücken) angeordnet. Palladio referiert über Baustoffe und Fundamente. In den Säulenordnungen beschreibt er die Regeln der Baukunst, die wiederum auf den Grundlagen aus der Antike basieren. Interessanterweise deutet er Gesetze knapp an und veranschaulicht sie mit großformatigen Auf- und Grundrissen. Statt weitschweifigen Definitionen verwendet er die Ausdrücke der Bauleute, verzahnt Theorie und Praxis. Tobias Prüwer

Symmetrie Die vier Fassaden der als Belvedere konzipierten Villa Rotonda bei Vicenza blicken den vier Himmelsrichtungen entgegen, sie erwecken die Illusion, man sehe immer die gleiche Ansicht.

Der durch die Symmetrie geleitete Blick, dem nichts fehlt und dem etwas fehlen würde, sollte ein Element entfernt werden, macht die Schönheit (➝ Antike) der architektonisch vorbildlichen Verbindung des Baus mit dem Umland optisch und rational erfahrbar. Erlaubt der herrschaftliche Ausblick aus der Villa heraus den Fächerblick, der Pius II. inmitten eines renaissancetypischen Lebensgefühls in Orten außerhalb der Stadt zu humanistischen Lektüreerkenntnissen verhalf, so zieht die palladische Symmetrie das Auge des Zufluchtsuchenden auf sich. Dabei enttarnt dieses steingewordene Ordnungsdenken den damit verbundenen Lebensentwurf als – so die Kunsthistoriker – „vollkommene Ideologisierung des Landlebens“. Christian Feichtinger

V

Venedig Entzückt äußert sich Goethe in der Italienischen Reise über Palladios Bauten. Als Besucher von Venedigs Redentore-Kirche entdeckte er im Inneren einen Taschenspielertrick der Mönche: Ein Seitenaltar war zu Ehren des Heiligen Franziskus „mit einer prächtigen Stickerei, nach Art der Arabesken“, überzogen. Was wie Gold (Zaster) glänzte, war breit gedrücktes Stroh, „nach schönen Zeichnungen auf Papier geklebt und mit lebhaften Farben angestrichen“. Ob der Trick auch Palladio gefallen hätte? Wäre beiden Herren der Baumarkt-Stuck aus Polystyrol recht gewesen, der öden Eigenheimen den falschen Glanz eines Stilaltbaus verleiht? Dem Immobilienmakler ist er allemal billig. Beate Tröger

W

Wörlitz Die kleine Hauptstadt des gleichnamigen Gartenreichs im unterschätzten Bundesland Sachsen-Anhalt darf sich rühmen, Wegbereiterin der Palladio-Rezeption in Europa gewesen zu sein: Das Wörlitzer Schloss ist die erste neo-palladianische Villa (Glyptothek) auf dem Kontinent. Fürst Leopold war, sehr zum Verdruss des Preußenkönigs Friedrichs II., aus dem Siebenjährigen Krieg ausgeschieden, um sein Ländchen im Geist der Aufklärung zu reformieren. Auf einer Englandreise hatte er die neo-palladianische Landhaus-Architektur gesehen.

Weniger bekannt: Im Gartenreich gibt es auch eine Palladio-Brücke. Architekt von Erdmannsdorff hatte einen Entwurf in Palladios venezianischem Musterbuch gefunden, ihn mutig in den Elbauen realisiert. Für das Elbklima war die Holzkonstruktion aber vielleicht doch nicht gedacht. Beim Hochwasser 2006 wurde die Brücke zerstört, aufgebaut, 2013 erneut zerstört Und ebenfalls wieder aufgebaut. So trotzt man in Sachsen-Anhalt den Unbilden der Natur im Geiste Palladios. Dieter Richter

Z

Zaster Dukaten, Scudi, Troni, Lire, Ongari, Fiorini. Damit wurde zur Zeit Palladios bezahlt. Doch was war ein Dukat wert? Wie viel bekam man für eine Lira? Und wie viel verdiente der weltbekannte Architekt? Das wird, wie der Reichtum der Dogen und die Managergehälter von heute, im Dunkeln bleiben.

Einzig kleine Hinweise (Leerstelle) bezeugen, dass der viel bewunderte Baumeister überhaupt entlohnt wurde. Doch Eigentum – wie ein Haus, eine Wohnung oder Land – ist nicht nachgewiesen. Belegt ist eine Mitgift. Für seine Tochter Zenobia gab er 400 Dukaten – immerhin. Das war damals ungefähr das Jahresgehalt eines Professors. Es war eine gute Geldanlage, denn Zenobia bekam, als Einzige von Palladios Kindern, Nachwuchs: zwei Töchter, Enea und Lavinia. Die Letztere bekam elf Kinder, von deren Leben allerdings nichts bekannt ist. Ulrike Eichhorn

06:00 02.06.2018
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