Aneinander vorbei

Typen Wir reden, es ist Spätsommer, ich bin froh, dass mein Gegenüber mich einlädt, der Architekt, der mal Lieder schrieb. Und das Café mit seinem Freisitz ...

Wir reden, es ist Spätsommer, ich bin froh, dass mein Gegenüber mich einlädt, der Architekt, der mal Lieder schrieb. Und das Café mit seinem Freisitz ist eine Loge, einen halben Meter tiefer rauscht das Leben. Sonnabendnachmittag, das Wochenende hat sich noch nicht verausgabt, die Stadt brodelt und flaniert über alle Straßen.

Neben dem Café streckt sich ein kleiner Stadtpark, ein paar Büsche, alte Bäume, zweieinhalb Wege, fünf Bänke. Das Café reicht sozusagen ins Grün, im Grün liegen an den Nachmittagen der Woche Leute mit Bierbüchsen. Aber sie bleiben da, und wir bleiben hier. Und wenn wir gehen, gehen wir aneinander vorbei.

So ist es eine kleine Besonderheit, dass an diesem Sonnabendnachmittag einer vom Park das Café ansteuert. Ein großer bärtiger Mann um die Fünfzig mit beginnender Glatze und straffem Holzfällerhemd um den sich wölbenden Bauch. Eigentlich eine imposante Erscheinung, denke ich, wenn er aus einer anderen Richtung käme und nicht so unsicher tappelte. Der Mann bleibt auf dem kurzen Weg mehrmals stehen, als müsse er sich vergewissern, dass die Richtung auch wirklich stimmt. Ich merke, wie er herüberschaut als suche er jemanden. Und dann schaut er auf mich und es ist zu spät, den Kopf wegzudrehen. Einen Augenblick später steht er an unserem Tisch und will mir seine Armbanduhr für drei Mark verkaufen. Weil die auf der Wiese alle herummeckern. Er bindet die Uhr tatsächlich ab und legt sie auf den Tisch, ein klobiges Plastikding, und ich krame hastig mein Geld aus der Hosentasche, alles zusammen 13 Mark und ein paar Pfennige. Ich gebe ihm drei Mark, wehre seinen überschwänglichen Dank ab und bin froh, dass er mich nicht ein drittes Mal fragt, ob ich ein Intellektueller sei. Als er weg ist, finden wir nur mühsam in unser Gespräch zurück, in dem es um Menschen geht, die hinter ihrer Fassade mit dem Jetzt und Hier so allerlei Probleme haben.

Dann sehe ich die kleine, spindeldürre Frau. Sie ist vielleicht vierzig, aber ihr von fettigem langen Haar umrahmtes Gesicht ist so zerstört, dass man sie auch für sechzig halten könnte. Sie steht verbogen und spricht leise in Richtung Straße vor sich hin. Scheu wie ein Tier, denke ich. Sie geht ein paar Schritte vor, ein paar Schritte zurück, sie spricht Sätze, dreht sich um, geht, kommt wieder, nimmt Anlauf, ich kann es sehen. Und ich kann sehen, dass das Ziel ich bin. Ich weiß es eher als sie, als sie sich endlich entschlossen hat. Ich brauche den Kopf nicht zu drehen, als sie neben den Tisch tritt. Und als sie dann tatsächlich fragt, schießt die ganze Situation in mein Gehirn, meine blöden letzten zehn Mark, die Einladung des Architekten, der es gut meint, die hässliche Billiguhr des Bärtigen, dieses Café, in dem wohlsituierter Altachtundsechzigerimport sitzt. Und ich fauche die Frau an: Nicht schon wieder. Und die Frau sagt wie ein Kind: Och bitte. Und da sitz ich da, Arschloch, unfähig, die Frau stinkt, ich könnte heulen, ich könnte ihr nicht mal helfen, natürlich heule ich nicht, der Architekt sagt, dass er jetzt mal dran sei, die Frau dankt für zwei Mark, geht an den nächsten Tisch, Erfolg ermutigt. Ich höre sie das Wort Hunger sagen, sie wird angeschwiegen, das kleine Mädchen starrt sie mit großen Augen an, Vater und Mutter essen verkrampft weiter, Gebratenes, Gesottenes, bis sie weitergeht und endlich von der Terrasse verschwindet. Mit zwei Architektenmark.

Mein Gegenüber starrt geradeaus, wir haben Mühe, überhaupt wieder ein Gespräch zu finden, sitzen, als müsse es gleich regnen. Und der Himmel ist postkartenblau.

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00:00 19.10.2001

Ausgabe 41/2021

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