Anfragen

Nachruf Zum Tod von Christian Geissler (1928-2008)

Am Anfang seines literarischen Schreibens stand eine Anfrage. Der 1960 erschienene Roman fragt nach der Verantwortung der Väter im Nationalsozialismus, als erster auch nach der Beteiligung an der Vernichtung der Juden. "Wo war Ihr Herr Vater am 9. November 1938, nachts?" - in dieser Präzision geht der Protagonist dem Schicksal einer jüdischen Familie in Frankfurt und der Rolle ganz normaler Nachbarn in der Reichspogromnacht nach. Das Buch traf einen Nerv, denn im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik waren viele dabei, sich in einer als "Kollektivschuld" getarnten "Unschuld" einzurichten. 2001 hat Christian Geissler zuletzt Aufmerksamkeit erregt, als er mit seinem Sohn, dem Dokumentarfilmer Benjamin Geissler, im ehemals polnischen Drohobycz die verschollenen Wandfresken des von den Nazis ermordeten jüdischen Malers und Schriftstellers Bruno Schulz wiederentdeckt hat (Freitag 12/01). Die Verfolgung und Vernichtung der Juden war das bestimmende Thema seines Lebens.

Geboren im Dezember 1928, war er gerade alt genug, um noch als Flak-Helfer eingezogen zu werden. Sein Vater war Bauunternehmer in Hamburg, Nationalsozialist, er überlebte den Krieg nicht. Seine Mutter stammte aus einer bürgerlichen, polnischen Familie. Geissler wurde Mitglied der Hitler-Jugend und sah das Leid, wenn jüdische Freunde der Mutter aus Deutschland fliehen mussten oder Menschen abgeholt wurden. In diesem Erleben wurzelt die Anfrage, darauf kommt er in letzten, nicht mehr veröffentlichten Arbeiten zurück. Die Antworten führen den Autor zunächst in den linkskatholischen Kreis um die Werkhefte katholischer Laien, dann in die Ostermarschbewegung, die illegale KPD und in den siebziger Jahren in die Nähe der RAF. Sein als Romantisches Fragment untertitelter, in Anspielung auf Hölderlin kamalatta genannter Roman, einer der wichtigsten politischen Romane der Bundesrepublik dieser Zeit, erzählt von den politischen Kämpfen der siebziger Jahre. Politische Gewalt als Ultima Ratio gegen ein gewalttätiges System ist nicht das Credo dieses vielstimmigen, diskursiven Romans, wird aber als ernste Frage diskutiert. Und die Rolle des Intellektuellen, der immer etwas abseits steht und doch mitten drin sein will.

Als Dokumentarfilmer und Autor richtete Geissler seit den sechziger Jahren seine Anfragen an die eigene Generation, an eine Gesellschaft, in der wieder Menschen bedrängt, verfolgt oder sogar getötet werden: Kalte Zeiten, sein zweiter Roman, erzählt, wie ein junger Arbeiter unter dem Zwang, beim Wirtschaftswunder, unter dem Konkurrenzdruck, mithalten zu müssen, sich selbst und die Liebe zu seiner Frau buchstäblich verkauft, am Ende verstummt. Gewaltverhältnisse. Kaufen und verkauft werden. In seinem letzten Buch, Ein Kind essen, rackert sich ein junges Paar in seiner Autowerkstatt für einen Bankkredit ab. Der kleine Sohn verreckt dabei - in Ausdünstungen von Lack und Benzin. Gegen solche Verhältnisse setzt Geissler in seinem Spätwerk "den Unsinn der Liebe": "Alles Böse hat Sinn, der einzige Unsinn ist die Liebe, so ist sie unverlierbar."

So unnachgiebig und hart Geissler in politischen Debatten sein konnte, so offen und interessiert an anderen Menschen, so zart, liebevoll war er im persönlichen Umgang, so zerbrechlich wirkte er beinah. "Die Liebe zum Leben" hat ihn zum Kommunisten werden lassen. Nach der Zeitenwende 1989 fügt er seinem Autorennamen ein "(k)" hinzu, als Zeichen, dass er es blieb. Auf der einen Seite die Ohnmacht, gegen die Macht der Verhältnisse nichts ausrichten zu können. Auf der anderen Seite dieses Festhalten daran, als Individuum frei und verantwortlich zu sein, der Traum davon, dass die Befreiung des Menschen doch noch gelingen kann. Gewalt, Verstummen, das Ringen um Worte, Sprechen - das sind Motiv und Kern seiner literarischen Arbeit. Seine Sprache widersteht dem Eingängigen, öffnet neue, poetische Räume, fordert eine Haltung heraus. Der Skandal: Nur ein einziges seiner Bücher ist noch lieferbar. Christian Geissler starb fast 80-jährig am 26. August 2008 in Hamburg.

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