Angela Merkels teurer Irrweg

Krise Der Euro ist schwach, die Arbeitslosigkeit hoch, Zinsen und Wachstum liegen nahe null. Europas Wirtschaft stürzt ab, weil es Deutschland zum Vorbild nimmt
Heiner Flassbeck | Ausgabe 13/2015 62

Glaubt man 95 Prozent aller Kommentare zur Lage in Europa, dann gibt es ein paar tausend Dinge, die in diesem Europa gerade schiefgehen. Von der Korruption in Griechenland über die Bürokratie in Frankreich und die laxe Steuerdisziplin in Italien bis zur Unfähigkeit eines großen Landes, seinen Hauptstadtflugplatz zu bauen: Die Liste institutionellen Versagens scheint unendlich lang zu sein. Wer Europa retten will, muss Zeus, Herkules und Sisyphus zugleich sein.

Das aber ist grandioser Unsinn! Es gibt einen einzigen Vorgang, mit dem man alle scheinbar unerklärlichen Phänomene ohne Weiteres erklären kann. Europa versucht, unter der geistigen Führung Berlins, seine Probleme exakt auf die gleiche Weise zu lösen wie Deutschland. Die deutsche Lösung hieß, man mag es so oft drehen und wenden, wie man will: Lohnsenkung.

Die Logik der Lohnsenkung zwischen Ländern ist genau die gleiche wie zwischen Unternehmen. Ein Unternehmen allein kann damit seine Lage verbessern. Das ist das ganze Geheimnis der deutschen Agendapolitik vom Beginn des Jahrhunderts. Senken aber alle Firmen die Löhne zugleich, geht es schief. Senkt nur ein Unternehmen die Löhne, bleibt seine eigene Nachfrage intakt, denn die Nachfrage der eigenen Arbeitnehmer, deren Einkommen gesunken ist, spielt in der Regel keine entscheidende Rolle. Senken jedoch alle Unternehmen die Löhne, sinkt bei allen Unternehmen sofort die Nachfrage, weil ja alle Arbeitnehmer unmittelbar mit einer Einschränkung ihrer Ausgaben reagieren.

Heiner Flassbeck ist Volkswirt. Zusammen mit Costas Lapavitsas hat er gerade das Buch Nur Deutschland kann den Euro retten veröffentlicht

 

Alle Unternehmen versuchen daraufhin ihre Lage dadurch zu verbessern, dass sie die Preise senken. Das gelingt natürlich nicht, aber die Preise beginnen insgesamt zu sinken, man nennt das dann Deflation. Das verbessert die Einkommenssituation der Arbeitnehmer zwar wieder ein wenig, aber doch nicht so stark, dass die Unternehmen das alte Niveau der Nachfrage wieder zurückgewinnen können. Sie entlassen daher Arbeitskräfte. Weil die Preise sinken, das Wachstum versiegt und die Arbeitslosigkeit steigt, senkt die Zentralbank die Zinsen so weit, wie es nur irgendwie geht.

Sind sie bei null, geht es nicht mehr weiter. Nun hofft die Lohnsenkungsregion darauf, dass im Rest der Welt die Löhne nicht auch sinken und ihre eigene Währung nicht aufgewertet wird. Weil man woanders zunächst die Löhne nicht gesenkt hat und die europäische Notenbank die Zinsen auf null gebracht hat, sinkt sogar der Wert der eigenen Währung für einige Zeit, sodass die Löhne, gerechnet in internationaler Währung, richtig stark abnehmen. Wenn das nicht der Durchbruch ist! Jetzt ist ganz Europa endlich da, wo die Deutschen waren, als ihre Erfolgsgeschichte begann.

Es gewinnt immer nur einer

Jetzt müssen wir nur noch fest die Daumen drücken, dass die anderen nicht so schnell merken, wie die Europäer sie mit niedrigen Löhnen an die Wand drängen. Die anderen müssen jetzt nämlich zehn Jahre aushalten, dass die Europäer ihnen Marktanteile und Arbeitsplätze abjagen, ja, dass die Europäer ihre Arbeitslosigkeit exportieren. Sie müssen immer höhere Leistungsbilanzdefizite machen, sich immer mehr bei uns verschulden, damit wir endlich wachsen können. Da passt es gut, dass wir mit ihnen Freihandelsabkommen aushandeln, wo sie unterschreiben, dass sie nichts tun werden gegen die überlegenen europäischen Unternehmen mit ihren niedrigen Löhnen.

Es gewinnt immer der eine, was der andere verliert, so war es schon immer auf der Welt. Früher führte man Kriege, um anderen ihre Schätze abzujagen, oder man setzte die eigene Flotte ein, um die „Handelswege“ zu sichern. Das nannte man Merkantilismus: Nur das macht reich, was ich anderen abgejagt habe. Heute geht man subtiler vor. Im Merkelantismus erklärt man den anderen, dass sie sich verschulden sollen, weil das, bei niedrigen Zinsen zumal, einfach das Beste für sie ist. Man weiß doch, dass Amerikaner ohnehin nicht gerne sparen und Asiaten gerne einmal die Welt sehen möchten. Also produzieren die Deutschen und bald alle Europäer alles Wichtige für die anderen, damit die sich mal einen schönen Lenz machen können.

Und die Schulden der anderen? Darüber wollen wir jetzt nicht reden, gerade jetzt nicht, wo wir doch eine so tolle Lösung für alle Probleme Europas gefunden haben.

06:00 27.03.2015

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