Angela sexy, Erich verkniffen

Spaß am Sozialismus Der Vietnamkrieg ging zu Ende und Ulbricht lag auf Eis. Vor 30 Jahren erlebte Ost-Berlin einen hochsommerlichen Ausnahmezustand

Ein Bücherstapel liegt auf dem Sperrmüll. Oben auf ein Foto-Bildband mit dem Titel X. Festival. Das Buch enthält Bilder der "10. Weltfestspiele der Jugend und Studenten" 1973 in Berlin, Hauptstadt der DDR. Die Fotos erinnern an die Acht-Uhr-Abendnachrichten längst vergangener Tage. Lang ist´s her. 30 Jahre. Ich nehme das Buch mit.

1973 war ich acht und guckte gern Ilja Richters Disco. Der Aufmarsch der sozialistischen Weltjugend in Berlin hatte auch etwas von Disco. Elektronisch verstärkte DDR-Pop-Musik, bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte FDJ-Blauhemden, Schlaghosen und bunte Plastikblumen - eine Stimmung wie bei den Les Humphrie Singers. Das Umschlagfoto zeigt ein Pop-Konzert. Auf der Bühne eine riesige Blume, im Hintergrund Ost-Berlin bei Nacht.

Die Eröffnung des X. Festivals war im Stadion der Weltjugend. Nach der Wende habe ich eine Weile gegenüber gewohnt in Berlin Mitte. Das Haus ist auf einem Foto zu sehen. Davor steht die Weltjugend, Fahnen schwenkend, Fäuste reckend und sozialistische Ikonen vor sich her tragend. Heute ist das Stadion eine große Brachfläche, auf der im Sommer ein bisschen Golf gespielt wird.

"Ja, ja, wir treffen uns auf jeden Fall im Sommer 73 zum zehnten Festival, ja, ja wir treffen uns ...". Diesen Song schmetterten stadtauf, stadtab Lautsprecherwagen, erzählen die, die dabei waren damals. Anders als über 25.000 Jugendliche aus 140 Ländern war ich nicht dabei. Aber Kim aus Vietnam, Ababuo aus Äthiopien, Mariellea aus Prag, Marek aus Zakopane und Wilhelm aus Kiel. Alle waren sie jung oder zumindest berufsjung und alle - außer einige Jung-Unionisten aus der BRD - dachten oder fühlten sozialistisch.

1973 nahmen viele Staaten, unter ihnen Frankreich und Großbritannien, diplomatische Beziehungen zur DDR auf. Und erstmals waren auch Korrespondenten von ARD und ZDF sowie von Zeitungen und Zeitschriften aus der BRD in der DDR akkreditiert. Im Januar 73 erst war mit dem Pariser Abkommen der Abzug US-amerikanischer Soldaten aus Vietnam beschlossen worden. Allen voran wurden deshalb die Kriegshelden aus Indochina gefeiert. Auf den Fotos im Buch tragen FDJler strahlende Vietnamesinnen auf den Schultern. "Total außer sich vor Glück erzählten die Vietnamesen mit Händen und Füßen, warum gerade sie in Berlin sein durften", erinnert sich die Berliner Architekturhistorikerin Simone Hain, mit der ich mich über das Festival unterhalte. Sie ist 1956 in Elsterwerda geboren und war als 17-Jährige dabei. "Meist ging es darum, wie viele amerikanische Flugzeuge sie abgeschossen hatten. Einer kam sogar auf 50 Stück. Das beliebteste Souvenir der Weltfestspiele waren Aluteile von US-Flugzeugen."

Im Bildband heißt das Festival schlicht X. Das wirkt modern. Das Buch ist viersprachig. Deutsch, Russisch, Französisch, Arabisch. Englisch ist nicht dabei.

Junge Leute, lange Sommernächte, Gitarrenmusik. Eine Atmosphäre, wie sie auch in Thomas Brussigs Kultbüchern Helden wie wir oder Am anderen Ende der Sonnenallee herrscht: Sozialismus, sofern er weiblich, männlich, jung und sexy war, konnte durchaus Spaß machen. Denn: Gern befasste sich die Vorzeigejugend unter dem Deckmantel der offiziellen Losung "Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft" mit sich selbst. "Wir hatten das Gefühl, mit den anderen Schmuddelkindern zu spielen", so Simone Hain. "Wie wir waren Palästinenser, Zyprioten und Vietnamesen ja nicht offiziell anerkannt. Daher verstanden wir uns. Es wurde kreuz und quer diskutiert und besonders intensiv mit Lateinamerika geküsst. Die waren uns schließlich neben den algerischen Franzosen, den kommunistischen Zyprioten, den palästinensischen Libanesen und den arabischen Israelis am nächsten".

Stargäste des X. waren DDR-Winnetou Gojko Mitic, ein gebürtiger Serbe, und die amerikanische Black-Panther-Aktivistin und Kommunistin Angela Davis. Auch die sowjetische Kosmonautin Valentina Tereschkowa, die 1963 als erste Frau die Erde umkreiste, war VIP.

Einigkeit herrschte während des X. insofern, als man irgendwie im Dienste des Sozialismus unterwegs war. Freiheit herrschte nicht. Doch: Die exotischen Genossen aus aller Welt verströmten den Duft von Reisefreiheit. Für Simone Hain war dies die eigentliche Botschaft des Festes: "Das Kribbeln bestand darin, dass wir dachten, das alles könnte normal sein. Wir könnten unsere Bedürfnisse als Jugendliche artikulieren und es würde uns kein Strick daraus gedreht."

Es ging erstaunlich poppig zu: Axel Bertram, Chefgrafiker der Kunsthochschule Weißensee, hatte als Wahrzeichen die Blume entworfen. Viele FDJler zogen statt mit Transparenten lieber mit laubgesägten Blumen am Stil durch die Straßen. Auf den offiziellen Diskussionsforen ging es um "antiimperialistische Solidarität" oder "Apartheid heute und gestern" und war sehr langweilig, erinnert sich Wolfgang Kil. 1949 in Berlin geboren, beobachtete er das X. mit 24 Jahren. In einem Gespräch mit der Werkleitz Gesellschaft im August 2002 erzählt der Architekt, dass er fassungslos war angesichts der Stegreif-Diskussionen auf dem Alex: Ostler, keinesfalls nur FDJler, hätten sich mit Jusos und Junge Union-Mitgliedern über den Weltfrieden unterhalten - ganz spontan.

Auf der Erde hocken, sich im Brunnen waschen, draußen schlafen. "Ich glaube, dass viele Leute abseits der Veranstaltungen nur eine gute Zeit haben wollten", so Kil. Seine nachhaltigste Erinnerung ist, dass er sich erkältete: "Da ich die Nächte unterwegs war, war ich ständig müde und dachte: Mittags, wenn nichts los ist, wirfst du dich auf die Rasenflächen vor den Fernsehturm und schläfst. Als ich dann aufwachte, merkte ich, dass ich die ganze Zeit in einer riesengroßen Matschpfütze gelegen hatte. Die hatten den Rasen unter Wasser gesetzt, damit sich da keiner hinlegt. Das hab ich dann doch ein bisschen übel genommen."

Wo es der Partei zu viel wurde, griff sie zu Gartenschlauch und Putzeimer. Jugendliche wurden vertrieben, Parolen und Mitteilungen abgewaschen. "Die Administration wollte verhindern, dass Kommunismus als Gruppensex aufgefasst würde", meint dazu Simone Hain. "Öffentlicher Sex wäre wohl auch der kapitalistischen Polizei nicht ganz geheuer gewesen".

Zeitgleich mit dem Festival, am 1. August 73, starb Pop-Gegner Walter Ulbricht. 1965 hatte der Staats- und Parteichef seine berühmte "Anti-Yeah-Rede" gehalten: "Niemand in unserem Staat hat etwas gegen eine gepflegte Beat Musik". Aber: "Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des ›Yeah, Yeah, Yeah!‹, und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen."

Auf dem Sterbebett agierte der 80-Jährige altersmilde. "Feiert weiter", soll er gesagt haben. Und X-Oberorganisator, Egon Krenz, ordnete an: Wir legen Ulbricht noch eine Woche auf Eis, und es wird nichts am Programm gekürzt. "Ey, ey, ey. Wir sind die Fans von Egon Krenz" - die Weltjugend bedankte sich DDR-poppig für diese Entscheidung.

Auf dem Schlossplatz trat auch Angela Davis neben Honecker auf. Für mich sieht das Bild aus wie eine Fotomontage: Auch ohne ihr "Hair" ist sie einen Kopf größer als er. Mit Afro-Mähne gleich zwei. Angela wirkt sexy, Erich verkniffen. Sie schwarz, er weiß. Angela Davis machte den Slogan "Black is beautiful" bekannt und Honecker das Wort "Oberapparatschik". Gelebter Internationalismus steht da neben dem Reise-Verhinderer. Repressive Staatsmacht versus basisdemokratischem Aktivismus. Man könnte in einem fort Gegensätze aufzählen. Ich finde das Bild spektakulär. Simone Hain nicht: "Angela Davis war Kommunistin und gehörte ganz normal dazu. Wie Gojko Mitic". Nur für Westler sei der Deutsch-Afro-Schulterschluss ungewöhnlich, meint sie.

"Dass da Briefe unterdrückt wurden nach dem Festival, das haben wir damals ganz emotional gesehen, nicht politisch. Die Regierung hatte kein Vertrauen zu uns. Die waren argwöhnisch, dass die deutschen Mädels, die gut ausgebildeten, abhauen würden mit den Zyprioten oder anderen", sagt Simone Hain. "Und wirklich hat ja auch so manche Deutsche später einen Afrikaner geheiratet nach dem Festival".

Über Nacht verflüchtigte sich der X-Ausnahmezustand: Der Alexanderplatz wurde gefegt. Alle Mitteilungen säuberlich weggeschrubbt. Die Weltzeituhr war nicht mehr schwarzes Brett, sondern toter Briefkasten. Unmissverständlich wurde signalisiert: Es ist vorbei. Simone Hain erzählt: "Ich war jeden Abend am Hotel Berolina und habe mich dort mit einem Ökonomiestudenten aus Mexiko geknutscht. Wir grüßten diese grauen Aufpasserjungs schon. Mein Freund war offizielles Mitglied des internationalen Vorbereitungskomitees. Es war die ganze Zeit klar, ich gehöre zu einem der Gäste. Trotzdem hieß es: Ab heute ist Feierabend. Es ist hinterher auch nie Post angekommen. Der Briefwechsel wurde unterbrochen. Die Kontakte unterbunden."

Das informelle Treffen von Jugendlichen aus verschiedenen Ländern, ihr ungezwungenes Zusammensein, das hippieske, unregulierte Sich-Kennen-Lernen, all das driftete zu sehr ab in Richtung Reisefreiheit. "Wenn uns die damals gewährt worden wäre, dann wäre die Geschichte anders verlaufen", spekuliert Simone Hain. "Wir waren gern Kommunisten", fügt sie hinzu, "es hat uns nur wirklicher Internationalismus gefehlt".

Ein blöder Macho-Witz fällt mir ein: "Bei mir stehen die Mädchen vor der Tür Schlange - und wollen raus". 1973 war mit der Forderung nach wirklichem Internationalismus das Feier-Plansoll gefährlich übererfüllt. Kein Wunder, dass der vom offiziellen DDR-Fernsehen bei Hans-Joachim Werner, einem gestandenen Dokumentarfilmer, in Auftrag gegebene Filmzusammenschnitt über das X. nie ausgestrahlt wurde. Der Film war weder kritisch noch politisch inkorrekt. Er zeigte aber - möglicherweise sogar gegen seine Intention - dass auch linientreue Jugendliche die kritische Masse überschreiten können.

Und es war Sommer ... Mein Bildband müffelt ein bisschen. Ich behalte ihn trotzdem. Wie sang schon Nana Mouskouri? "Weil der Sommer ein Winter war, träumt man von Urlaub das ganze Jahr ..."

Unter dem Titel Weltfestspiele 73. Heldinnen, Bands und Klassenbrüder wird die Bundeszentrale für politische Bildung vom 1. - 3. August in Berlin mit einem umfangreichen Film-, Gesprächs- und Konzertprogramm an das X-Festival erinnern. Hauptveranstaltungsorte sind das Filmkunsthaus Babylon, das Podewil und der Rote Salon der Volksbühne. Informationen unter www. weltfestspiele73.de

00:00 01.08.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare