Angesagte Orte

A–Z Wir Erika Mustermanns können ja nicht weg, Promis und Sternchen schon. Megaangesagt: Influencen aus Dubai. Ein Lexikon über kommende und verkommende Sehnsuchtsorte
Angesagte Orte

Foto: Bernard Charlon/Getty Images

A

Argentinien Mit weit über 60.000 Therapeuten gilt Buenos Aires als „psychoanalysierte“ Metropole der Welt. Die Bezeichnung „Psychotherapeut“ ist in Argentinien weder klar definiert noch geschützt. Zum Habitus der urbanen argentinischen Mittel- und Oberschicht gehöre es, so Gabriel Rolón, Psychologe und Superstar unter den Analytikern, mehrere Analysen zu durchlaufen. Nicht wer krank ist, macht eine Analyse, sondern „wer als stark genug gilt, so etwas zu wagen“. Befördert wurde die lange psychoanalytische Tradition Lateinamerikas durch die erzwungene Emigration jüdischer Analytiker aus Europa in den 1930ern. In Berlin, Wien, Paris ausgebildet, machten sie die kosmopolitischsten Städte Buenos Aires und São Paulo zu Zentren dieser Bewegung. Freud übrigens lehnte eine Einladung argentinischer Schriftsteller zur Emigration ab: „Ich lese und verstehe die schöne Sprache, in der sie ihre Verse schreiben, aber ich getraue mich nicht, mich ihrer zu bedienen.“ Helena Neumann

B

Bremen Was die Stadtmusikanten nicht schafften, mag nun Jan Böhmermann gelingen. In seiner Sendung hatte er sogenannte Influencer kritisiert, die in Scharen nach Dubai ziehen. Sie würden Lobhudeleien über das Emirat in ihren Social-Media-Kanälen verbreiten, sich aber über Ausbeutung und Klassengesellschaft ausschweigen. Nur um Steuern zu sparen. Dass sie dabei Knebelverträge mit der Regierung abschließen, bei Strafe nie Negatives (➝ Paris) zu veröffentlichen, werde verschwiegen.

In seiner Sendung ZDF Magazin Royale startete Böhmermann eine Kampagne für seine Geburtsstadt Bremen. Mit Erfolg. In der ersten Woche gingen bereits 8.000 Bewerbungen für den neuen Influencer-Hotspot ein, die 50 überzeugendsten für „Feel Bremen“ sollen im „Dubai des Nordens“ einen Beeinflusservertrag bekommen. Tobias Prüwer

D

Dubrovnik Die einen bereisten die kroatische Küstenstadt, um eingezwängt zwischen mittelalterlichen Mauern die Nacht durchzufeiern. Andere wollten vor allem preiswert urlauben und dennoch auf liebliche Architektur, Sonne und Meer nicht verzichten. Und so war Dubrovnik längst kein Geheimtipp mehr. Auch wenn die Stadt mit ihrem Sommer-Theaterfest und zahlreichen historischen Gebäuden touristisch viel zu bieten hat. Aber es ist einfach immer zu voll, und so billig wird hier auch nicht mehr aufgetischt.

Die Karawane wäre weitergezogen, hätte nicht das Gesetz der Serie seine Kraft ausgespielt. Denn Dubrovnik diente als Filmkulisse für die Fantasy-Serie Game of Thrones. Hier wurden in Königsmund und Qarth spielende Szenen gedreht, was die Touristenzahlen explodieren ließ. Auf um ein Drittel schätzen Experten den Anstieg der Besucher pro Jahr, weil Fans die Filmschauplätze in der geweißelten Stadt sehen wollen. Seitdem lungern dort an jeder Ecke kostümierte Laiendarsteller herum, um für Fotos mit Touristen (➝ New York) zu posieren. Ein so lächerliches wie trauriges Beispiel für Overtourismus. Tobias Prüwer

H

Hiddensee Wenn DDR-Bürger die Beschlüsse der Parteiführung studierten, konnte ihnen eine Ermahnung nicht entgehen, für die der Genosse Honecker persönlich haftete: „Das Erreichte ist noch nicht das Erreichbare.“ Sannen sie nach, was gemeint sein könnte, kam ihnen Hiddensee in den Sinn. Ein spindeldürres Eiland in der Ostsee, mit der Stralsunder Fähre gut „erreichbar“. Die Insel webte ihr grünes Band zwischen dem „Klausner“ am Leuchtturm von Kloster und grasenden Schafen am Leuchtturm hinter Neuendorf. Wer es gut traf, fand Herbergseltern, wohnte mit der Familie auf zehn Quadratmetern mit Trockenklo. Wer es besser traf, dem gönnte klebriger Sanddorn-Likör einen sagenhaften Rausch. Lutz Herden

I

Indien Weit nach Kolumbus zog Indien Fernreisende an. Um sich in Transzendentaler Meditation zu schulen, reisten die Beatles 1968 in den indischen Norden. Das dortige Zentrum (Aschram) war bei Promis begehrt. Doch bald beendete die Band ihre Sinnsuche, weil der Guru wegen sexueller Belästigung aufgefallen sein sollte. Mitte der 1970er wurde der Guru Bhagwan Shree Rajneesh zum Magnet, der auch viele Deutsche lockte – darunter Peter Lustig und Peter Sloterdijk. Trance durch Tanz suchen viele Jünger der elektronischen Musik im Bundesstaat Goa. Ein bisschen Hippievergangenheit kommt noch durch, wenn die Leiber zu psychedelischem Sound erbeben. Tobias Prüwer

K

Kitzbühel Partymekka für Leute aus aller Welt, Hotspot für Stars und C-Promis. Die alljährlichen Schlagerfestivals haben Kultstatus. Die österreichische Stadt am Fuße des Hahnenkamms (1.712 m) und des Kitzbüheler Horns (1.996 m) ist seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eines der weltweit bedeutendsten Wintersportzentren. 239 Pistenkilometer, 45 Bergbahnen und Lifte sowie reichlich alpiner Luxus ziehen Skifans und Milliardäre gleichermaßen an.

Kitzbühel ist eine Melange aus Sportevents, ob Hahnenkamm-Rennen oder Poloturnier auf Schnee, Tradition und Lifestyle. Im barocken Stadtkern reihen sich Luxusmarken, schicke Bars und Nobelrestaurants aneinander. Nachts feiert alles, was Rang und Namen hat, im In-Club Take Five. Männliche Gäste mit Geltungsdrang beim Flirten heißen im Volksmund „Après-Ski-Lehrer“, herrlich von Helmut Qualtinger in Der Après-Schigolo (1957) besungen. Helena Neumann

L

Leipzig Der Leipziger Autor und Comedian André Herrmann prägte 2014 den Begriff „Hypezig“ für die sächsische Messestadt, die im selben Jahr von der New York Times (➝ New York) als „New Berlin“ angepriesen wurde. Seitdem hat sich einiges getan. Nachdem Leipzig, wie viele ostdeutsche Städte nach der Wiedervereinigung, große Bevölkerungsabnahmen zu verzeichnen hatte, wurden 2019 erstmals wieder über 600.000 Einwohner gezählt.

Die nunmehr achtgrößte Stadt Deutschlands bleibt attraktiv: vergleichsweise niedrige Mieten, viel Kultur, überschaubare Größenordnungen. Aber Leipzigern wie Herrmann, der seinen „Hypezig-Blog“ mit dem Subtitel „Bitte bleibt doch in Berlin!“ versah, schwante wohl nicht zu Unrecht Übles. Die Mieten steigen, angesagte Ketten und schicke Gastronomie machen sich breit, die teils seit DDR-Zeiten existierende Läden verdrängen. Die Krise wird das verstärken. „Hypezig“ ist ein neuer Ort, aber er begräbt einen alten. Konstantin Nowotny

N

New York Letzte Zuckungen der East-Coast-Intelligenzija: Pretend It’s a City. Fran Lebowitz quatscht Martin Scorsese auf Netflix in Grund und Boden. Der lacht sich die ganze Zeit tot über die Ex-Autorin und Talkshow-Queen, die über Smartphone-im-Weg-Steher lästert, Begriffe wie Wellness und Lifestyle abkanzelt. Dabei ist der doch gerade völlig okay, er kam in NYC immer möglichst campy auf den Punkt. Glamouröser Großstadt-Existenzialismus wirkt hier aber so inszeniert wie das in HD abgefilmte Retro-Café. Inzwischen gibt’s die New York Times nicht mal mehr bei Starbucks (➝ Bremen). Die Stadt verschwindet, die Reichen bleiben, „lookin’ downward like I’m Donald Trump“, singt Frank Ocean, der natürlich immer noch hier lebt. Andreas Merkel

P

Paris Als ich zuletzt in Paris war, wohnten wir an der Place Dauphine, das Zimmer war klein, der Schimmelfleck in der Dusche riesig, aber, mon Dieu, wer beklagt sich in Paris über solche Banalitäten? Es war das, was in der von Franzosen und Amerikanern gleichermaßen gehassten Serie Emily in Paris „a room with a view“ genannt wird, nur dass bei Emily nicht mal die Dusche funktioniert ( Hiddensee).

Die Serie handelt von einer amerikanischen PR-Managerin, die in bunten Designerklamotten durch Paris stöckelt und auf zickige Pariser*innen trifft. Der einzigen, die nett zu ihr ist, spannt sie den Freund aus. Womit die Serie absolut recht hat: Paris ist etwas für Masochist*innen. Selbst wer sich vorher für halbwegs stilsicher hielt, kapituliert vor diesem je-ne-sais-quoi. Christine Käppeler

S

Sansibar Ich nutze die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr immer, um den deutschen Winter zu unterbrechen und dem Feiertagsgetöse zu entgehen. Letztens wollte ich auf eine Sehnsuchtsinsel vor Tansania. Die Pandemie machte offenbar nur mir einen Strich durch die Rechnung. Es herrscht nämlich Partystimmung auf Sansibar: Masken, Social Distancing, ein negativer Test als Einreisevoraussetzung: no need. Stattdessen Vollmondfeten wie seinerzeit in Goa ( Indien). Auch tagsüber volle Strände und – vor allem russische – Touristen. Sansibar sei offiziell coronafrei. Der Trick dahinter: Die tansanische Regierung hat vergangenen Juni aufgehört, neue Infektionen zu zählen. Es wird die Illusion einer heilen, virusfreien Welt gelebt. Allerdings musste selbst der Vizepräsident von Sansibar vor ein paar Wochen seine eigene Covid-Erkrankung zugeben, aber statt auf Impfungen wird auf traditionelle Heilkräuter gesetzt. Elke Allenstein

Schwarzenberg Vom 11. Mai 1945 bis zum 25. Juni 1945 übernahm eine Gruppe von Bürgern aus Schwarzenberg die Macht in einer „besatzungsfreien Region im Erzgebirge“. Aus heute ungeklärten Gründen waren weder Rote Armee noch Alliierte eingerückt, und so verwalteten sich diese – teilweise eben erst aus KZs befreiten – Antifaschisten drei Wochen lang selbst. Mit Stefan Heyms Roman begann die Legendenbildung. Selbst auf Gedenktafeln ist nun von einer „Republik Schwarzenberg“ die Rede. Später strickte die kulturaffine Szene mit dem „Haus Schwarzenberg“ in Berlin-Mitte weiter am Mythos. Das Kino Central, die Bar „Eschschloraque“ und das „Schwarzenberg“ bildeten nun ein magisches Dreieck hedonistischer Zerstreuung. Zwischen Blechskulpturen, voluminösen Gesangsdarbietungen, LoFi-Bandauftritten und viel Bier wurde auch dort einer der Grundsteine für den Arm-aber-sexy-Hostelschnösel-Tourismus gelegt, der aus Berlin das Disneyland ( Indien) des Undergrounds gemacht hat. Marc Ottiker

Z

Zwischenstopp Das beschleunigte Subjekt des Kapitalismus will gar nicht mehr ankommen. Die Vor-Ort-Selfies dokumentieren nur noch das Dagewesensein, stärker wirkt aber die Aura des Unterwegsseins. Ein Freund von mir macht es richtig, er hat schlicht einen eigenen Jet. Aber nicht eine von diesen kleinen Zigarren, in denen sich übergewichtige Chefs von Hidden Champions aus der schwäbischen Provinz zwängen. Nein, er ballert gleich mit einer Bombardier Global 8000 um die Welt, die plötzlich ziemlich klein wirkt, wenn er von seinem nächsten Trip ( Sansibar) spricht. Nur sein Flugpersonal hat während der Corona-Krise verloren. Es sitzt beim layover (Zwischenstopp) in verschlossenen Hotelzimmern und wartet darauf, dass dem Eigner langweilig wird. Da Satz eins dieser Glosse greift, hat die Crew aber doch ziemliches Glück. Jan C. Behmann

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06:00 27.03.2021

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