Angriff auf das Weiße Haus von Saigon

Vietnam am 31. Januar 1968 An diesem Tag wurde ein Epilog zum Roman von Graham Greene geschrieben

Bis heute wird in den Buchläden der Tu Do-Straße, der einstigen Rue Catinat, in der Phuong erst auf Fowler und später auf Pyle wartete, The Quiet American gut verkauft. Der Roman hat alles überdauert, was in Saigon (seit 1975: Ho-Chi-Minh-Stadt) nach ihm kam. Den 1963 gestürzten Diktator Ngo Dinh Diem oder Duong van Minh, den 72-Stunden-Präsidenten Südvietnams, der am 30. April 1975 die Kapitulationsurkunde unterschrieb. Die US-Präsidenten Kennedy, Johnson, Nixon und Ford. Den Geruch des Benzins, als sich in den sechziger Jahren vor dem Hotel Continental, auf dessen Terrasse Greene an seinem Roman schrieb, buddhistische Mönche anzündeten und verbrannten, weil der Krieg sie verzweifeln ließ.

Mit seiner Geschichte aus dem Dreieck Fowler, Pyle und Phoung, das sich nie ganz schließt und am Ende zerbrochen ist, hat der Autor - lachenden Herzens vermutlich - einer Versuchung nachgegeben. Im Saigon der Jahre 1951/52 stößt er auf die Geschichte des amerikanischen Krieges in Vietnam und schreibt sie zu Ende, lange bevor dieser Krieg tatsächlich beginnt. Der junge, sehr potente, sehr patente Geheimagent Pyle, der "stille Amerikaner", spannt dem englischen Journalisten Fowler die annamitische Geliebte aus. Je minutiöser Greene dieses bizarre Dreiecks-Verhältnis beschreibt, um so klarer wird, dass mit dem bei einem "hinterhältigen Anschlag" getöteten Pyle jenes Amerika gemeint sein könnte, das sich an Vietnam vergreift und scheitert. Der tote Pyle wird zum Propheten des großen Sterbens im Namen der großen Freiheit und "abgerissenen Beine". Killing in Action vor dem Missing in Action Tausender Amerikaner, das 1964 einsetzt, nachdem immer mehr Pyles kommen und bleiben und in Vietnamesinnen wie Phoung mehr als eine Sehnsucht zerstören.

Im Dezember 1967 - 16 Jahre nach Pyles Ende - wird dem amerikanischen Kriegsgegner, der sozialistischen Republik im Norden Vietnams, eine Drohung zuteil, die ihrer prägnanten Metaphorik wegen gerade jetzt, da ein steinzeitlicher Zivilisationsbegriff die Welt des "Guten" umtreibt, der Erinnerung wert ist. Ein General Curtis Le May legt den Nordvietnamesen nahe, in die Steinzeit gebombt zu werden oder zu kapitulieren. Schon damals bleibt unbeachtet, dass auch Menschen aus der Steinzeit durchaus weiterleben können - dann allerdings als Steinzeitmenschen. Und schon damals erscheinen Search-and-destroy-Operationen der US-Armee eine wirksame Methode für die Versteinzeitlichung Vietnams. Zum erwähnten Zeitpunkt, Ende 1967, galten die Nachschubwege der Nordvietnamesen und der südvietnamesischen Befreiungsfront - von den Amerikaner kurz Vietcong oder V.C. genannt - als zerstört, Munitionsdepots als vernichtet, Kommandozentralen als ausgeschaltet. Ein Sieg der USA in Vietnam scheint näher denn je.

In den Morgenstunden des 31. Januar 1968 jedoch - kurz vor dem Tet-Fest, mit dem nach dem buddhistischen Kalender das Jahr der Katze eingeläutet werden soll - geschieht das Unfassbare. Einem kleinen Kommando des Vietcong gelingt es, im sichersten Distrikt Saigons das am besten gesicherte Gebäude Südvietnams anzugreifen. Gegen acht Uhr Ortszeit wird das "Weiße Haus von Saigon", wie die US-Botschaft inoffiziell heißt, zum Kriegsschauplatz. Das Gefecht mit den Angreifern dauert fast zwei Stunden. 19 V.C. dringen nicht nur auf das Gelände der Botschaft vor - sie verschanzen sich auch. Der Vietnam-Krieg findet zum ersten Mal auf dem Territorium der Vereinigten Staaten statt. Tausende GI´s sind seit Verabschiedung der "Tonking-Resolution" durch den US-Kongress Ende 1964, die Präsident Johnson schrankenlose Vollmachten für die Kriegführung in Vietnam einräumt, bereits gefallen. Doch erst jetzt entsteht ein Gefühl eigener Verwundbarkeit. Rauch steht über dem Symbol der amerikanischen Präsenz in Vietnam. Als der letzte V.C. in der Botschaft erschossen ist, werden Kamerateams auf das Gelände geführt, um die Getöteten - ausschließlich Vietnamesen - aufzunehmen. Die Botschaft der Bilder: Dieser Krieg kann auch in 100 Jahren nicht verloren werden. Aber lohnt es sich, nur deshalb Krieg zu führen, weil man ihn nie verlieren kann? Mit Graham Greene gefragt: Was hatte der stille Pyle 1952 der US-Armee des Jahres 1968 voraus, um ein Ende zu finden?

Der vom US-Oberkommando ab Mitte der sechziger Jahre in Südvietnam zelebrierte body count - gezählt werden die bei Search-and-Destroy-Operationen umgekommenen Vietnamesen, von denen man annimmt, es seien V.C. gewesen - berücksichtigt am 31. Januar 1968 für die News der Armeesender auch die Toten des Angriffs auf die Botschaft. Eine Woche später ist der body count längst über sie hinweg, es gibt Tage mit größeren Zuwachsraten. Noch Jahre allerdings wird die US-Armee damit beschäftigt sein, diesen Januartag zu vergessen, um den Krieg zu gewinnen. Etwa durch die systematische Bombardierung der Deichsysteme des Roten Flusses im Umfeld der nordvietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Angriffe, in deren Folge mehrere Dörfer überschwemmt werden. Es lässt sich nie genau ermitteln, wie viel Vietnamesen dabei ertrinken. Noch Wochen nach den Bombardierungen treiben immer wieder Leichen an die Ufer des Roten Flusses. Vorzügliche Gelegenheit für einen body count, der jedoch nie stattfindet. Auch Pyle hätte ihn sicher abgelehnt, denn der stille Amerikaner "hatte ganz entschiedene und aufreizende Ansichten über die Leistungen, die die USA für die übrige Welt vollbrachten ..." (Graham Greene)

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00:00 19.10.2001

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