Angriff auf die Agromafia

Süditalien Gemüse und Obst wird von Migranten im „caporalato“, einer Art Schuldsklaverei, produziert. Der Kampf dagegen ist zäh
Angriff auf die Agromafia
Yvan Sagnet (rechts) engagiert sich gegen das „capoloralato“ – und spielte in Milo Raus Passionsfilm Jesus

Foto: Gianni Cipriano/The New York Times/Redux/laif

Im Spätsommer ist Vollbetrieb. Das gilt für die Tomaten, die man herankarrt, um sie zu Konserven fürs Supermarktregal zu verarbeiten. Und das gilt für den Tod. Die Landarbeiter aus Gambia, Nigeria, Marokko oder Indien, die in Fahrradkolonnen zu zehnt auf dem Seitenstreifen ohnehin unwirtlicher Straßen fahren, sieht man im Morgengrauen immer schlechter. Vergangene Woche hat es Ousmane aus Mali erwischt. Ihn in sein Heimatdorf zu überführen, ist teuer, deshalb soll er auf einem von der Sonne ausgedörrten Friedhof beerdigt werden. In Campolongo am Golf von Salerno, wo Capri aus der Ferne grüßt wie ein Trugbild aus einem anderen Leben.

Um acht betritt Paola, die Juristin, das erste Unternehmen auf ihrer Liste, einen Abfüller für passierte Tomaten. Eilfertig umschwirren sie ein junger Rechtsbeistand und eine Tochter des Patriarchen. Das heute stattfindende Auditing wird willfährig begleitet, mit Kaffee, Süßspeisen und lachenden Arbeitnehmern, denn: Man will hier in den Markt für ethisch korrekte Lebensmittel, am besten international. Aus der Belegschaftsliste geht hervor, dass zwei Drittel der Beschäftigten Migranten sind. Selbstverständlich mit Aufenthaltstitel, wenigstens vorübergehend. Paola telefoniert kurz mit Yvan in Mailand und mit Giuseppe in Neapel, dann beugt sie sich über die Liste.

Giuseppe, Paola und Yvan kämpfen seit Langem für eine gerechtere Landwirtschaft in Italien. Auch hier, im Mündungsgebiet des Flusses Sele, wo laut Mythos „Iason und die Argonauten“ strandeten. Heute gedeihen hier Tomaten und Rucola, im ehemaligen Sumpfland hält man seit ein paar Generationen die Büffel, die den allseits begehrten Mozzarella geben. In Zeiten eines regional festgesetzten Mindestlohns und vor allem seit das „reddito di cittadinanza“, eine Art Hartz IV auf italienisch, eingeführt wurde, finde man immer weniger italienische Arbeitskräfte, klagen Unternehmer. Die früheren „braccianti“, Tagelöhner in der Landwirtschaft, sind deshalb die heutigen Migranten. Dass sie oft unter dem Radar von Finanzpolizei und Behörden fliegen, hat Methode. Und kommt schließlich all jenen zugute, die Food made in Italy zu Rabattpreisen lieben. Für das Kilo Tomaten bei Rewe oder Lidl erhält der Erzeuger neun, für das Kilo Orangen sieben Cent.

Kaum jemand hat dieses System gründlicher studiert als Yvan Sagnet. Der ebenso energisch wie sanft anmutende Mann aus Kamerun war ganz am Ende der Nahrungskette, als er sich entschloss, etwas gegen das „caporalato“ zu unternehmen. Der Ausdruck bezeichnet eine Verschränkung von Klientelismus und Schuldsklaverei: „Kaporale“ werben Arbeiter an, um deren Unterkunft und Transport zu den Produktionsstätten sie sich kümmern, während sie einen Großteil des Lohns für ihre Leistungen einbehalten. Sie stehen als informelle Mittler zwischen Betrieben und Arbeitern, über deren Finanzen und Leben sie sich hoheitliche Macht anmaßen. Tanzt jemand aus der Reihe, bezahlt er unter Umständen teuer. Ein afghanischer Junge wurde zu Tode geprügelt, weil er eine Coronaschutzmaske verlangte.

Als mittelloser Student, der sich von Europa alle Segnungen versprach, war Yvan vor über zehn Jahren ins „System“ geraten. Dann stieg er aus, organisierte Proteste in ganz Süditalien. Dabei erwuchsen ihm Feinde, weil das System Dumpinglöhne und Billigabsatz garantiert, und weil Wegschauen für viele Seiten besser ist. Sagnet fand sich diffamiert und von der „Agromafia“ verfolgt, er tauchte in Norditalien unter, wo er auf Mitstreiter traf. Mit Unterstützung des Movimento 5 Stelle, der häufig als linkspopulistisch etikettierten zeitweiligen Regierungspartei, sorgte Sagnet dafür, dass ein Gesetz gegen das „caporalato“ ins Parlament eingebracht wurde. Am Ende erhielt er einen Orden vom Präsidenten, die italienische Staatsbürgerschaft – und trat schließlich als Jesus im Passionsfilm des Volksbühnen-Regisseurs Milo Rau vor die Kamera.

Paola Pietradura merkt man die Mühen der Ebene an. Sie schläft schlecht, raucht zu viel. Die Juristin, die in ihrer Heimatstadt Gela auf Sizilien die Proteste gegen Giftmülldeponien organisierte – vor der Küste versanken Schiffe mit zweifelhafter Fracht, Jahre später stieg die Tumorinzidenz –, teilt mit vielen aus dem Umfeld der 5-Sterne-Bewegung die Sehnsucht nach einer „Kultur der Legalität“. Sagnet lernte sie über einen Aktivisten kennen, bei dem sich der Gewerkschafter versteckte: Warum, fragte der Aktivist, lässt du dich von der Agromafia jagen, anstatt selbst zum Angriff überzugehen? Also gründeten sie 2017 gemeinsam „NoCap“ – ein Konsortium, das die Produkte der italienischen Agrarindustrie nach der Einhaltung ethischer Mindeststandards zertifiziert. Sie beschlossen, „NoCap“ zu einem Kanal auszubauen, durch den jeder muss, wenn er in den Großhandel will.

Unterschriften sind käuflich

Ethische Korrektheit auf Produzentenseite und Erziehung zur Legalität auf Vertriebs- und Verbraucherseite bedingen sich gegenseitig. Nach vier Jahren kennt Paola den Druck, der auf der Agrarindustrie lastet: viele kleine Betriebe, die einander misstrauisch beäugen. Bei dem Abfüller heute Morgen sieht sie Chancen. Wer hier arbeitet, in den „magazzini“ statt auf den Feldern, ist bereits privilegiert. Gewisse Standards seien in solchen Produktionsstätten besser zu kontrollieren, die Arbeit erfordere Zertifikate. Aber die Unterschrift unter Zertifikate ist käuflich. Ein Mann aus Gambia erzählt, sein Boss habe ihm das Fahrrad für die tägliche Anfahrt geschenkt, ein anderer berichtet, er müsse für seine Unterkunft nichts zahlen. Paola hat den Eindruck, man schicke ihr die Leute, die entweder besonders begeistert sind von ihrem Arbeitgeber oder besonders schlecht Italienisch sprechen.

Eine Frau aus Nigeria, die jahrelang im Flüchtlingscamp in Campolongo lebte, berichtet schließlich von marokkanischen Bussen, die die Arbeiter auf die Felder oder in die Fabriken bringen. Das könnte ein Indiz für die Agromafia sein. Genauso wie die ungenaue Schilderung eines jungen Inders, der zuvor eine Weile auf einer Büffelfarm arbeitete – die Legende, dass Hindus besonders sanft mit den Tieren umgingen, die deshalb bessere Milch gäben, ist in Italien so weit verbreitet, dass auf Büffelfarmen eigentlich nur noch Inder arbeiten – und der sagt, ausbezahlter und auf der Lohntüte angegebener Lohn stimmten nicht überein. Am Schluss flüstert ein älterer Italiener: In dieser Fabrik sei ja alles in Ordnung, relativ zumindest. Aber wenn er mal einen heißen Tipp geben dürfte ...

Paolas Besuche verlaufen oft ähnlich. Deshalb dauert ein Zertifizierungsprozess. „NoCap“ darf sich keinen Fehlschlag erlauben, ein einziger würde die Glaubwürdigkeit zerstören. Eigentlich wären diese Recherchen eine Daueraufgabe des Staates, meint Giuseppe Grimaldi. Er ist Sozialanthropologe und Gründer von „Frontiera Sud“, einer Vereinigung, die beobachtet, wie sich die Grenze der Dritten Welt sukzessive gen Norden verschiebt. Die „braccianti“ von einst sind ja längst innerhalb Italiens weitergezogen, nach Mailand und Turin. Und als Nachrücker kamen die Menschen des Globalen Südens. „Frontiera Sud“ versucht Öffentlichkeit für diesen Wandel zu schaffen und Initiativen miteinander zu vernetzen. Denn die, so Giuseppe, gibt es. Yvan Sagnet ist nicht der einzige schwarze Gewerkschafter, auch Bewegungen, die sich für das „Ius soli“, ein Staatsbürgerschaftsrecht nach dem Geburtsland, einsetzen, bringen ihre Ansprüche vor. Giuseppe sieht aber auch die Grenzen ihres Engagements: Neben einem schwachen Zentralstaat seien dies die zivilgesellschaftlichen Akteure selbst. „NoCap“ könne über Sozialprojekte eigene Arbeiter in die zertifizierungswilligen Firmen einschleusen, Busse für den Transport chartern, Leute aus der Schwarzarbeit holen. Aber dafür müsse man erst einmal in den Graubereich: zu jenen korrupten Amtsvorstehern, die behaupten, die Migranten würden ihnen noch „Beiträge“ schulden, und die erst nach tausend Euro, wenn man Glück hat, den Vertrag herausrücken. Oder zu den Marokkanern, die sich seit zwanzig Jahren ihre kleine Insel nebst Moschee in Campolongo aufgebaut haben, als nicht unbedingt angesehene, aber mittlerweile respektierte Partner der Agrarindustrie, für die sie die Leute organisieren. Das „caporalato“ fördert Ausbeutung und Ungerechtigkeit, weil es aus versagter Teilhabe geboren ist. Ist es dann überhaupt wünschenswert, es mit Stumpf und Stiel auszurotten, solange es keine neuen sozialen Infrastrukturen gibt? Müsste nicht der Staat, dessen Investitionsquote auf Brüsseler Geheiß gedrosselt wird, massiv investieren?

Yvan, Paola und Giuseppe sind Mitte dreißig. Jeder von ihnen befindet sich in prekären Umständen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich selbst zu befreien versuchen, indem sie andere befreien. Selbst wenn sie tot sind: Für den Leichnam von Ousmane, den malischen Arbeiter, haben sie die Bestattung in seinem Heimatdorf organisiert.

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06:00 06.10.2021

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