Angriff auf die Saat

Terminator-Technologie Durch die Hintertür versucht die Agrarindustrie, gentechnisch verändertes Saatgut unfruchtbar zu machen

Vor einem Jahr befasste sich William Engdahl (Freitag 46/2004) mit den geopolitischen Interessen der USA, die mit Patenten auf genetisch veränderte (GV-) Pflanzen versuchen, die globale Agrarwirtschaft zu kontrollieren. Einem von Bush im Juni 2003 als prioritär bezeichneten Ziel, die Zulassung des Anbaus von GV-Pflanzen in den EU-Ländern zu erreichen, ist die US-Regierung ein erhebliches Stück näher gekommen. Seit Anfang Februar 2005 ermöglicht das Gentechnik-Gesetz in Deutschland den kommerziellen Anbau von GV-Pflanzen, und auch in anderen Ländern bröckelt die Front. Daran ändert auch der negative Volksentscheid in der Schweiz nichts. Ein strategischer Erfolg für die USA und die Agrarkonzerne, denn das Gentechnik-Moratorium der EU war auch für viele Länder des Südens ein wichtiger Bezugspunkt, der nun fehlt.

Der jährlich etwa 25-prozentige Zuwachs der Anbauflächen für GV-Pflanzen wird sich also mindestens fortsetzen. Doch dem konventionellen wie dem GV-Saatgut haftet eine - aus Sicht des Agrobusiness - unangenehme Eigenschaft an: es reproduziert sich selbst. Das stört den Verkauf, hilft aber circa 1,4 Milliarden Bäuerinnen und Bauern der Dritten Welt beim Überleben. Zur Beseitigung dieses Ärgernisses ersannen die Forscher der Agrarkonzerne eine perverse Methode, die unter dem Begriff Terminator-Technologie bekannt wurde. Das erste diesbezügliche Patent wurde im Juni 1995 gemeinsam vom US-Landwirtschaftsministerium und dem Saatgutriesen Delta Pine Land angemeldet und im März 1998 bewilligt, wodurch es öffentlich wurde.

Das Terminator-Prinzip basiert auf dem Zusammenwirken von drei eingebauten Genen. Die beiden ersten unterdrücken beim Saatguthersteller die tödliche Wirkung des dritten Gens. Das Killer-Gen wird bei der Produktion des zu verkaufenden Saatguts durch einen äußeren Stimulus aktiviert (z.B. durch Besprühen der reifen Saatgutpflanzen). Es übt seine sterilisierende Wirkung dann erst in der nächsten Samengeneration, das heißt auf dem Acker der Bäuerinnen und Bauern, aus.

Der mögliche Einsatz der Terminator-Technologie, der Hungersnöte in der Dritten Welt billigend in Kauf nimmt, führte zu einem internationalen Sturm der Entrüstung. Schließlich einigte sich die Vertragsstaatenkonferenz zur UN-Konvention über Biologische Vielfalt im Jahr 2000 auf ein de facto Moratorium für genetische Saatgutsterilisation. In zwei Ländern - Indien und Brasilien - wurde dies sogar in ein nationales Verbot überführt. Firmen wie Monsanto und Syngenta beteuerten einen "freiwilligen" Verzicht auf den Einsatz dieser Technologie, setzten aber ihre Forschungsarbeiten und Patentanmeldungen fort, was die Frage aufwirft, warum Unternehmen Geld für die Entwicklung eines Produkts ausgeben, das sie angeblich nicht einsetzen wollen. Alles spricht dafür, dass diese Firmen auch weiterhin beabsichtigen, Terminator zur Praxisreife zu bringen und auf diese Weise über einen genetischen Patentschutz zu verfügen, der unbegrenzt und nicht nur für die üblichen 20 Jahre Laufzeit wirkt.

Genetische Kontamination durch GV-Pflanzen wurde lange Zeit bestritten, ist aber nicht mehr zu leugnen, weshalb die Industrie die Flucht nach vorn antrat: Nun will man GV-Pflanzen zusätzlich mit dem Terminator ausstatten, um die Ausbreitung von Genen durch Unfruchtbarmachung zu verhindern. Damit hätten die Agrarmultis gleich zwei Ziele erreicht. Erstens wird der Öffentlichkeit erklärt, dass es eine technische Lösung für die Gefahr der genetischen Kontamination gibt. Zweitens schlüpft die Terminator-Technologie durch die Hintertür herein - Saatgut reproduziert sich nicht mehr von selbst.

Die kanadische Regierung versuchte auf einer Konferenz in Bangkok im Februar 2005 (auch stellvertretend für die USA), das bestehende Terminator-Moratorium zu kippen. Dies scheiterte zwar, aber die Agrarkonzerne haben zum Angriff geblasen und werden dieses Ziel mit Hilfe "befreundeter" Regierungen weiterverfolgen. Die nächsten UNO-Konferenzen, die Terminator auf der Tagesordnung haben, finden im Januar in Spanien und im März in Brasilien statt. Eine internationale Mobilisierung bemüht sich, durch öffentlichen Druck das bestehende Moratorium zu erhalten mit dem Ziel eines endgültigen Terminator-Verbots.

Mehr zur BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie unter www. biopiraterie.de sowie auf www.banterminator.org


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00:00 02.12.2005

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