Angst essen Scham auf

Frankfurter Buchmesse 2003 Braucht die Buchbranche mehr Erotik?

"Das Buch muss sexier werden". Mit diesem denkwürdigen Satz hatte der Verleger des Berliner Aufbau-Verlages, Bernd F. Lunkewitz, vor kurzem die Fachwelt überrascht. Kopfwiegend hatte sich die Branche gefragt, was er damit gemeint haben könnte. Durch was wollte er das Erotischste am Buch, die Erregung der Phantasie, ersetzen? Tangas statt Schutzumschlag? Lesungen im Eros-Center? Doch dann erinnerte man sich daran, wie er das äußerst attraktive Schweizer Fräuleinwunder namens Zoe Jenny und die Bekenntnisse des Herrn Stefan Effenberg in seinen Verlag gehievt hatte. Eigentlich war es da nur noch folgerichtig, dass der Mann mit der großen Zigarre nun ein weiteres erotisches Urtalent zum Branchenwechsel bewogen hat. In Zukunft zeichnet der Frankfurter Rechtsanwalt Michel Friedman als Herausgeber für das Ressort Politisches Sachbuch bei Aufbau verantwortlich. Und er darf pro Jahr ein Interview, das er mit einem Prominenten der Zeitgeschichte zu drängenden globalen Fragen führt, zu einer Art Buch verwursten. Irgendeinen Ersatz für die verloren gegangene Talkshow braucht der Geschmähte ja. Der traditionsreiche Aufbau-Verlag, seit Lunkewitz´ Übernahme zu einem bizarren Sammelsurium von sozialistischer Klassik und Politschmökern mutiert, ist nun auch noch zum Haus der "Zweiten Chance" geworden.

Die Erotisierung des Buchgewerbes schreitet also voran. Zwar suchte man vergangene Woche auf den abendlichen Empfängen, die die Frankfurter Buchmesse zu einem Musterbeispiel splendider Selbstbezüglichkeit machen, vergebens nach erotischen Attraktionen. Im Literaturbetrieb, dem Hort des freien Wortes, herrscht der strenge Zwang des Habitus. Hier zwängen sich selbst ausgewachsene Pop-Autoren und DJs wie Thomas Meinecke plötzlich in dieselben grauen Sakkos, die die Heerscharen der namenlosen Marketingleiter und Vertriebssortimenter so unwiderstehlich machen. Vorbei die Hochzeiten von 1987, als sich die Szene auf dem legendären Fest des Hanser-Verlags am Schwanz der Dinosaurier des Frankfurter Naturkundemuseums Senckenberg zu höheren Wonnen schaukelte. Der Münchener Verlag ist ja nun auch schon greisenhafte 75 Jahre alt geworden. Kein Wunder, dass man sich heute eher in den holzgetäfelten Sälen des Frankfurter Hofes trifft. Die erotische Spannung dieser geheimnisumwobenen Szenetreffs ist aber ungefähr so prickelnd wie die zu Tode marinierten Hähnchenschenkel, die dort gereicht werden.

So spießig und konventionell sich die Szene selbst gibt, so freizügig präsentiert sie neuerdings aber ihr Produkt. Angst essen Scham auf. Nicht nur, dass die Wandelgänge der weltgrößten Buchmesse immer häufiger Glasvitrinen mit den neuesten Beispielen der Contemporary Nude Photography oder Buchtiteln wie Hot Nylons säumen. Während in der Paulskirche die ergraute Suhrkamp-Gemeinde in einem vollkommen sexfreien Wortgottesdienst, an der Spitze die Unseld-Witwe Ulla Berkewicz, unter dem Motto: Das Vergängliche unvergänglich machen noch einmal des letzten Patriarchen der Buchbranche gedachte, baute sich die Messe unter ihrem Direktor Peter Neumann zu einer Walstatt der Vergänglichkeit um.

Erstmals auf einer Frankfurter Buchmesse war in einer Messehalle ein Kino aufgebaut, wo man in Laufpausen auf einen Liebesfilm hereinschauen konnte. Grass las seine Altmännererotik vom "halbstarken Pimmel" beim Schieber erstmals mit Lightshow in einer riesigen Messehalle wie ein Popstar. Der fast 76-jährige Nobelpreisträger eröffnete den Abend mit einem schmissigen Tango. Letzte Tänze - wie es der Titel seines letzten Gedichtbandes suggerierte, waren das noch nicht. Einen Abend zuvor hatte Wladimir Kaminer dort mit seiner Russendisko 3.000 Frankfurter Jugendliche aufs Gelände gelockt, die mit der Messe sonst kaum etwas zu tun haben. Und bei dem abendlichen Empfang im Bungalow von Unselds verstoßenem Sohn Joachim stahl plötzlich Bohlens rosagewandete Naddel zu nächtlicher Stunde den Herren Schirrmacher und Döpfner die Schau. Die erörterten gerade in einem drögen privatissime an Unselds Küchentresen die Vertriebsprobleme ihrer gemeinsamen Konkurrentin, der Süddeutschen Zeitung. Die bislang so kühle, zugeknöpfte Frankfurter Buchmesse, Weltumschlagplatz der Lizenzen, der sich nicht gern in die Karten gucken lässt, zeigte sozusagen Bauchnabel. Niemand hätte es gewundert, wenn die kalifornischen Chippendale-Boys bei einem Animationsstrip zugunsten der notleidenden Branche auch noch irgendwo ein Taschenbuch aus dem Mini-Slip gezogen hätten. Doch die vorsichtig geliftete Messe machte es der Branche nach: Vom Lektor Friedman über die Kinderbuchautorin Madonna bis zu der Inflation drastischer Liebesgeschichten, selbst im russischen Roman will Star-Autor Wladimir Makanin einen Hang zum "entblößten Mann" ausgemacht haben; von Bohlens Penisbruch-Erinnerungen bis zu Susanne Juhnkes Enthüllungen aus dem Pflegeheim mit immer neuen populistischen und erotischen Luftstößen sucht sich das Buchgewerbe zu einem verführerischen Fesselballon zu dehnen. Wie lange wird er halten?

Nicht dass wir etwas gegen die neue entdeckte Vorliebe der Stars und Sternchen für das Buch hätten. Wir glauben dem gestrauchelten TV-Helden Friedman sogar, wenn er nun plötzlich sagt: "Ich habe einen Heidenrespekt vor dem Buch". Es gibt kein Reservat der Hochkultur. Diese Durchlässigkeit zwischen "E" und "U" ist ein Beweis für die Vitalität der Branche. Und zeigt die kindische Freude dieser neuen Freunde des alten Buches über ihr kulturelles Avancement nicht die geheime Kraft, die das schwächelnde Leitmedium immer noch ausübt? Ob diese neue Welle wilder Bibliophilie dem Totgesagten wirklich zu neuer Attraktivität verhilft, wird sich zeigen. Womöglich steht der Buchbranche das bevor, was die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Susan Sontag, in Frankfurt der westlichen Demokratie nach dem Wahlsieg Arnold Schwarzeneggers voraussagte - der Übergang zu einer postpolitischen Ära. Demnach wäre das Vordringen von Bohlen in das Buch und den Status des Autors nur der Übergang zu einer postliterarischen Ära. In ihr wird es zwar noch Bücher geben, die so aussehen wie Bücher, die aber nur die Masken einer sich öffentlich spreizenden Intimität wären, celebrity accessoires sozusagen - far from fiction. Gegen die Absatzkrise sind der Branche alle Mittel recht. Zitterdatum ist der 8. November. Dann wird der neue Harry Potter ausgeliefert. Danach will keiner mehr nackt da stehen im Weihnachtsgeschäft. Typisch!

Einer der Vorreiter der neuen Freizügigkeit im, mit und um das Buch ist übrigens der Kölner Wunderverleger Benedikt Taschen. Wenn ihm ein Verdienst nicht streitig gemacht werden kann, dann dass, dass er die populäre Aktfotografie buchfähig gemacht hat. Der polyglotte Anbieter beherrscht die Kunst des Lust steigernden Vorspiels. Tagelang tänzelten in Frankfurt Hostessen vor einem Boxring, den der Verlag aufgebaut hatte, um die Besucher langsam aber sicher heiß zu machen auf das größte Taschen-Buch, das die Welt je gesehen hatte: GOAT - Greatest of all times, eine 800 Seiten starke Hommage an den Boxer Muhammad Ali. Es war eine Schauerstunde des Populismus. Der Mann, der an Parkinson leidet und nur unter Drogen in die Öffentlichkeit geschickt wird, damit er nicht allzu sehr zittert, durfte wie ein alter Tanzbär im Zirkus noch einmal seine schnelle Rechte für die Fotografen schlagen. Doch dann strich das einstige Sexsymbol in einem spontanen Ausbruch vor 300 wildfremden Menschen seinem 81 Jahre alten Trainer Angelo Dundee zärtlich über die Glatze. Und plötzlich meinte man eine viel verführerische Erotik zu spüren, als sie der nackteste Branchennabel evozieren konnte.

Als Susan Sontag sich als "Europhile" outete und in ihrer unerwartet versöhnlichen Paulskirchenrede mit den Worten: "Wir fließen immer mehr ineinander" eine neue Love-Affair zwischen Europa und Amerika beschwor, spürte man den Eros des Intellekts. Als ein paar coole Baggy-Kids am Stand des Luchterhand-Verlags plötzlich ergriffen vor dem ewigen DDR-Fräuleinwunder Christa Wolf in die Knie sanken und die Fotoapparate zückten. Als Bärbel Schäfer ihrem Sachbuchamor Friedman in der Paulskirche in einem kamerafreien Moment immer wieder sanft den Rücken streichelte, spürte man das unsichtbare Kraftfeld der Bücher - den Eros der Begegnung.

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00:00 17.10.2003

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