Angst hier, Angst da

Bühne Patrick Wengenroth erkundet an der Berliner Schaubühne die Liebe in „Tinder Times“

„Love is a catastrophe.“ So geht es los. Mit bebenden Waden singt ein Mann in Frauenkleidern und Highheels den Song von den Pet Shop Boys. „If that’s all there is“, resümieren im Anschluss Lise Risom Olsen, Andreas Schröders und Mark Waschke mit den Worten der Sängerin Peggy Lee, „then break out the booze and have a ball.“ Und das ist es dann auch, was sie machen. Falls man nacktes Sich-in-Farbe-Wälzen als Party beschreiben würde.

Patrick Wengenroth hat sich mit Love Hurts in Tinder Times ein Thema vorgenommen, das in der Regel droht, auf der Bühne entweder kitschig, oberflächlich oder deprimierend dargestellt zu werden. All diese Erwartungen werden in der Studioinszenierung der Berliner Schaubühne erfüllt. Dass der Regisseur vor Klischees keine Angst hat, bewies schon seine Produktion thisisitgirl, an die der heutige Abend inhaltlich anknüpft. Was nicht fehlen darf: Judith Butlers Gender Trouble, Gewaltfreie Kommunikation und ein paar Sätze von Freud, die etwas schulmeisterhaft vorgetragen werden, um sich dem Thema zu nähern. Ja, Liebe ist egoistisch. Nein, man soll den anderen nicht für die eigenen Gefühle verantwortlich machen, sondern: Ich-Botschaften senden. Ja, die Mutter-Kind-Beziehung prägt das spätere Verhalten mit dem Partner.

Jeder macht mit jedem rum, und nichts ist, wie es aussieht. Kapitalisierung von Kunst, Kapitalisierung von Körpern, Sex und Liebe und der Versuch, das alles über Popsongs zu verstehen. Oder indem man die Geschichte der eigenen Eltern erzählt. Und vielleicht dagegen zu rebellieren, indem man alles anders macht. Aber wie? Lise Risom Olsen zieht die ernüchternde Bilanz jeder Paarbeziehung: Man liebt, man leidet, man trennt sich und liebt wieder. Leid kann man in der Kunst benutzen: „Suffering is good stuff.“ Menschen wollen eben nicht alleine sein.

Die performative Kraft von Sprache, der Diskurs, lautet die Botschaft von Butler, konstruiert Identitäten und soziale Wirklichkeit. Was die Philosophin für die Konstruktion von Gender fruchtbar macht, kann man auch auf Popsongs anwenden.

Andächtig im Darklight

Der Human-League-Song Don’t You Want Me führt die genderspezifischen Machtspiele der 1980er noch mal vor Augen. Die Schauspieler machen die Texte zu eigenen Aussagen und können selbst nicht mehr unterscheiden, was Pop-Klischee und was ihre eigene Erfahrung ist.

Ja, es ist schlimm, aber wir alle haben die Idealbilder aus der Popmusik und den nicht funktionierenden Beziehungen unserer Eltern abgeschaut. Nur deshalb wollen wir die monogame Paarbeziehung. Und wegen Sigmund Freud. Aber in Tinder Times ist das nicht mehr so einfach. Vielleicht hat es auch nie funktioniert. Also fragen sich die Schauspieler: Was ist so falsch an einer offenen Beziehung? Kann man mehrere Menschen gleichzeitig lieben? Was ist eigentlich Sex? Eifersucht? Unconditional love?

„Angst hier, Angst da, ’nen Theaterabend draus machen“, regt sich Mark Waschke auf und findet schließlich auch keine Worte mehr. So scheint das Problem allzu einfach mit einem Whitney-Houston-Song gelöst: „The greatest love of all is easy to achieve.“ Sich selbst lieben also. Die Schauspieler lauschen andächtig im Darklight. Aber ganz ehrlich: Was will man zum Thema auch sonst noch sagen?

Info

Love Hurts in Tinder Times Regie: Patrick Wengenroth Schaubühne, Berlin

06:00 15.02.2017

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