Angst vor dem Pathos der Aufklärung

DER AKTUELLE GRIFF ZUM KLASSIKER In Berlin zeigen Deutsches Theater und Berliner Ensemble Lessings "Nathan der Weise" mit ernster Haupt- und skurrilen Nebenfiguren

Vor dem Hintergrund des tiefsten Falles der deutschen Gesellschaft und ihrer Politik wurde Lessings Nathan der Weise - in den Jahren der Weimarer Republik eher selten und nach 1933 gar nicht mehr gespielt - seit 1945 zum humanistischen Bekenntnisstück, mit dem beispielsweise das Deutsche Theater zu Berlin im September programmatisch wieder eröffnet wurde. "Es kann in Deutschland keine radikale Absage an den Ungeist der Hitler-Zeit geben", so der damalige Rezensent Paul Rilla, "die hier nicht anzuknüpfen hätte, die nicht Selbstbesinnung wäre auf den großen Gedanken der Humanität, der einmal, in einem höchsten geschichtlichen Augenblick, eine deutsche Botschaft an die Welt war." Nathan, der "Shylock des Humanitätszeitalters" (Walter Jens) ist seitdem fester Bestandteil deutscher Spielpläne geblieben und scheint jedes Mal ein volles Haus, nicht zuletzt aus bildungsbürgerlichen Gymnasiasten, zu garantieren. In Berlin hat man derzeit sogar das Glück, gleich zwei Nathan-Inszenierungen sehen zu können: Die von Friedo Solter aus dem Jahr 1987 am Deutschen Theater und die von Claus Peymann am Berliner Ensemble, die letzte Woche Premiere hatte. Wurde die erstgenannte nicht zuletzt aufgrund des "11.September" im Oktober wieder auf den Spielplan gesetzt, stellt die andere bewusst den religiösen Fundamentalismus zur Diskussion, wozu uns das Programmheft den entsprechenden Kommentar liefert.

Das Verhältnis der Offenbarungsreligionen zueinander ist in der Tat ein auch und gerade mit Hilfe der nicht konfessionell Gebundenen dringend zu diskutierendes Thema, und Lessings Stimme ist da gewiss eine der nobelsten in diesem oft blutig endenden Streitgesang, wollte er doch mit seinem Stück "versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen". Es ist die Predigt von der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit unter den Menschen, die Predigt der Toleranz, die Predigt der Aufklärung, für die er die berühmt gewordene Ringparabel ("die mir wirklich am sauersten geworden ist") ins Zentrum stellte und zu der Goethe bemerkte: "Möge doch die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch zu hören und zu vernehmen. Möge zugleich das darin ausgesprochene Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben." Es ist ihr bekanntlich weder heilig geworden, noch wert geblieben. Die Gründe dafür zu benennen, wird uns immer wieder beschäftigen - unsere beiden Inszenierungen liefern dafür ungewollt neues Anschauungsmaterial. Sie haben nämlich jede auf ihre Art Angst vor der Radikalität Lessings, Angst vor dem großen Pathos der Aufklärung, Angst vor ihrem hohen Ton und dem Anspruch, auch ernst genommen, ›gehört‹ und ›vernommen‹ zu werden.

Am Versagen vor dem hohen Anspruch der Aufklärung mit ihrer Aufforderung zum Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen - oder, wie es im Nathan heißt: "Der Aberglaub´, in dem wir aufgewachsen, / Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum / Doch seine Macht nicht über uns. - Es sind / Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten" - kranken wir bis heute.

Dass der Nathan eine geradezu durchsichtig konstruierte, ganz und gar künstliche Fabel ist, in der die Unwahrscheinlichkeit der erzählten Geschichte geradezu bis ins Extrem vorangetrieben wurde, gewissermaßen ein "Lehrstück pur", damit muss eine jede Regie fertig werden - und das Ganze doch in jeder Situation, in allen dramaturgischen Verknüpfungen, deren glücklichen Auflösungen und nicht zuletzt in jedem der Protagonisten glaubwürdig vor uns auf die Bühne stellen können: "als das geistreiche Lustspiel, ganz auf die unvergleichliche Gespanntheit dieses Dialogs hin, dies Fechten mit dem Verstand (und mit dem als Verstand maskierten Gemüt) wovon das ganze Stück bis in die Figuren der Memelucken hinab erfüllt" (Hofmannsthal).

Auch das ist die große Utopie der Aufklärung: Das Vergnügen an der komödiantischen Leichtigkeit in der Reflexion der ernsten Probleme. Im Deutschen Theater kommt paradoxerweise nur eine Figur diesem Ideal nahe: Michael Gerber als der fanatisch-fundamentalistische Patriarch, der seine schlimme Argumentation - "Tut nichts! Der Jude wird verbrannt" - so ruhig und souverän vorträgt, dass es einem bei so viel intelligenter Menschenverachtung gar unheimlich werden kann. Am Berliner Ensemble hingegen wird das Klischee vom Mephistophelisch-Bösen in roter Robe und weißer Gesichtsmaske bedient (Veit Schubert), was einem das kritische Mitdenken von vornherein abnimmt. Mit Ausnahme Nathans (Peter Fitz zeigt ihn weniger als den "Weisen" sondern mehr als den vom Leiden gebrochenen Juden) wird sonst aber keine der Lessing´schen Figuren ernst genommen: Das Theater meint seinem Publikum einen jugendlich-edlen Tempelherrn - Martin Brauer am Deutschen Theater gibt ihn schnoddrig, Markus Meyer am Berliner Ensemble als pubertären Gymnasiasten - ebenso wenig zumuten zu können wie einen Respekt einflößenden Saladin (der Lessing als historisches Vorbild diente) - Jörg Gudzuhn spielt ihn am Deutschen Theater als verzogenen großen Jungen, Hans Peter Korff macht aus ihm am Berliner Ensemble einen früh gealterten Trottel der Macht. Beide sind albern-komisch-skurrile Figuren - und so fehlt beiden Inszenierungen das innere Gleichgewicht. Das Vergnügen am nachvollziehenden Mitdenken der aufklärerischen Parabel in allen ihren Umwegen wird ersetzt durch den billigen Schau-Spaß an karikierten Zuspielern des "edlen Nathan".

In Peymanns Inszenierung droht selbst noch das Herzstück des Lessing´schen Glaubensbekenntnisses auf diese Weise ins Parodistische umzukippen: Während es bei Lessing heißt, Saladin habe sich, offensichtlich schon vom ersten Teil von Nathans Ringparabel ahnungsvoll berührt, "betroffen von ihm gewandt", gibt sich der Schauspieler Korff gähnend gelangweilt, so dass dann am Ende dieser großen Arie der Humanität sein Ausruf "Herrlich! herrlich!" ebenso unglaubwürdig klingt, wie es seine spätere Rolle als väter- und brüderlich geläuterter Herrscher und Mensch sein wird.

Aber auch die Inszenierung Solters traut der Lessing´schen Utopie nicht und kommt auf ähnlichen Wegen zum selben Schluss: Die große Wiedererkennungs- und -vereinigungsszene gerät auch hier zur komisch-ironisch gebrochenen Nummer, die eigentlich nicht mehr ernst genommen werden könne - wir sind eben ›Post-Aufklärer‹; so kann man sich auch vor der ethischen Herausforderung eines Lessing drücken und ihn doch um das guten Gewissens willen spielen.

Am Deutschen Theater werden wir mit der wuchtigen Hand eines massigen Bühnenbildes aus Stahltüren und Rollgittern am Ende so grob wie nur möglich darauf hingewiesen, dass der edle Jude (Otto Mellies spielt ihn betont zurückgenommen und ohne jede Anbiederung ans Publikum) doch wieder draußen steht, während Peymann den mit freundlichem Gelächter kommentierten fehlenden Tiefgang - oder vielleicht sollte man richtiger sagen "Hochgang"? - seiner Inszenierung kompensiert durch ein nachgeschobenes Textstück von Heiner Müller. Von Carmen-Maja Antoni einprägsam gesprochen, hält es uns eher die persönlich-historische Tragödie Lessings als die unseres eigenen feigen und hilflosen Umgangs mit seinem Erbe und seiner großen Botschaft vor.

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00:00 11.01.2002

Ausgabe 37/2021

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