Anifitianer, animative

Berliner Abende Lebenslang lernen! Wer wollte da nein sagen? Und da das Leben erst am Feierabend richtig loslegt, ist mir jeder Abend ein inneres Volkshochschulfest. ...

Lebenslang lernen! Wer wollte da nein sagen? Und da das Leben erst am Feierabend richtig loslegt, ist mir jeder Abend ein inneres Volkshochschulfest. Aber lebenslang lernen heißt auch, mit existenzieller Wucht Scham und Schuld auf sich zu häufen, wegen all dem, was du bisher nicht wusstest. Und einen solchen Abend habe ich gerade durchlitten.

Wenn du im keimenden Frühjahr deine Frau allein mit dem Hund losziehen lässt, bist du für die Folgen verantwortlich. Ständig krümmt sich ein Lümmel in den Staub, um mit einem Hundihundihundilein sein gutes Herz vor den Gattinnenfüßen zu entbergen und den Köter als Katalysator fürs Zwischenmenschliche zu missbrauchen. So auch neulich in der Frankfurter Allee: Hundihundihundilein, und dann schiebt der feine Herr der Gattin auch noch eine Karte zu, woraus sich - Alarm! - ergibt, dass der Herr geostrategisch praktisch Nachbar ist, und lädt sich zum Anifit-Test-oder -Festessen ein.

Äußerste Wachsamkeit ist mir zweite Natur. Ich beschloss sofort in die Offensive zu gehen und die Beziehungen des sauberen Herren zu unserem Patchworkchaos aufs Geschäftliche zu nageln. Ich machte einen Termin. Zwei Abende später federt er, mit einer Spannkraft, als fräße er Anifit selbst, die drei Stockwerke - das roten Anifit-Bereitschaftsköfferchen in der nervigen Rechten - zur Wohnung von Ostessa von T. hinauf, woselbst ihn in der Küche, nebst Ostessa und mir, der Sohn und Sadam erwarteten. Zu Sadams Ehren soll gesagt sein, dass er den feinen Herren anfänglich nicht hereinlassen will und den üblichen Krawall auf Knöchelhöhe entfacht. Aber dann öffnet in schier unerträglicher Souveränität und Siegessicherheit der Agent ein Döschen »Des Jägers Glück« (Wild-Nudeln-Karotten-Lauch mit einer Prise Knoblauch), und Sadam würdigt sein daneben verbrachtes Lieblings-Baldo (von Aldi-Kult) keines Blicks, frisst des Jägers Glück mit Lauten des Wohlbehagens, leckt hinterher den Napf und darauf den Portionierungslöffel glänzend und verbringt den Rest des Abends still an die Beine des sauberen Herren gelehnt, artgerechter Aufklärung wie Verhandlungen lauschend.

Weil man ja das Kleingedruckte nie liest! In Aldi-Kult-Baldo vier Prozent Fleisch! Sonst Knochenmehl, Chemie, Pflanzenreste, von dem, was die Kuh überlässt, Asche. Bei Oscar nicht anders, in KaDeWe-Kost vielleicht sieben Prozent Fleisch. Das einem Hund! Das Sadam! Konservierungsmittel bis die Pupille verharzt.

Einfacher Versuch: Man koche eine Baldo-Packung und eine Anifit im Wasserbad. Schleim im Baldo, Kartonagenreste. Und das in Sadams Fleisch-Darm! Kein Wunder, dass 60 Prozent aller Hunde nach ein paar Jahren Niere haben! Dagegen Anifit: Bratengeruch, 70 Prozent bestes, fasriges Fleisch. Ohne Tiermehl, ohne Lockstoffe. Weil der Schwede dem Tier nur gibt, was er selbst nimmt. Und statt chemisch zu konservieren, weckt Oma Palme Dose für Dose ein. Ganz wie Ostessas Oma früher, weshalb mir kurzzeitig die Offensive aus den Händen zu gleiten droht, zumal der Anifit-Agent, eigentlich Elektriker, nun erklärt, dass er demnächst ganz in den Dienst des Tieres treten, die Sicherungen rausdrehen und Anifitianer werden wird, jener um die deutsche Vertreiberin des Schwedenwunders, Gabriele Reuter, sich zentrierende Kreis, der in Niederbayern an einem »Tierparadies« arbeitet, das den »mühseligen und beladenen Tieren dieser Erde Heimstätte« werden soll, und in dessen Anfänge Gabriele bereits Nico, den geschändeten rumänischen Straßenhund verbracht hat, von dem sie sich, eidesstattlich versichert, »nie mehr trennen« wird.

Dann erste Irritation: Vergeblich versucht der Sohn auch nur ein weiteres Näpfchen des vorgeblichen »Festessens«, sei es nun »Thanksgiving Day« oder »Witwe Boltes Schrecken«, für Sadam aus dem Agenten-Koffer zu leiern.

Bei den Preisen jähes Erbleichen der Gattin. Aber was! Agentenjubel: Bei soviel Fleisch braucht das Hundihundihundilein nur noch 200 Gramm am Tag, keine 600 Gramm Schleimstoffe mehr!

Da mein Konter: Großzügig in die Gattinnenblässe hinein abonniere ich eine Monatsladung Arschifit. Feuchter der Gattinnenblick denn die Sadamschnauze. Aber wie immer: Man liest das Kleingedruckte nicht, bzw. erst dann, wenn es fangschussmäßig optimal ist: Die 200 Gramm Arschifit, zum Preis von rund 800 Gramm Aldi-Kult, sind Tagesration eines Hundes von bis zu 5 Kilo Lebendgewicht.

Sofortiges Nachwiegen Sadams ergeben ein Ist-Gewicht von 6,5 Kilo.

Da war der Agent - »Ich gratuliere ihrem Hund zu Ihnen!« - aber schon außer Landes!

Jetzt rechnet der Sohn am Dreisatz: Wenn Kilo kg Sadam täglich 200 Gramm Arschifit (1,55 Euro) brauchen, wie viel dann 6,5 Kilo Sadam? (Euro?)

Bis zur Jugendweihe wird er es vielleicht herausbekommen. Da kriegt er sowieso alles wieder abgezogen.

00:00 11.04.2003

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