Animal triste

Berliner Abende Kolumne

Eine göttliche Behauptung mit lächerlich kleinem Kopf. So nannte ihn Monika Maron in einer Liebesgeschichte. Ich stehe vor dem Dinosaurier und versuche, seinen Kopf zu erkennen. Er ist sehr weit oben. Höher, als er damals war, als Maron ihn zum Objekt ihrer Liebe erkor. Die Ich-Erzählerin ihrer Novelle stand im leeren Museum, vor den Zeiten der flutenden Kinderscharen, und ein Mann näherte sich. Das Tier ist schön. Sagte er, und es entspann sich, was zwei Menschen näher bringen kann. Sehr nahe.

Mir ist der Brachiosaurus lang vertraut, nunmehr neu arrangiert, den schweren Schwanz nicht mehr träge hinter sich schleifend, sondern in einer diagonalen Körperbalance verharrend. Stolz einen Meter näher zum Himmel gereckt, den aberlangen Hals. Links von ihm neigt sich ein kleiner Knochengefährte zu den Kindern herab, als wollte er gefüttert werden. Und vorne am Eingang stößt ein gefräßiger Allosaurus glatt den Kopf durchs Glas. Verwandelt sich in das Monster der Vorhalle, bleckt für die Einlassbegehrenden gelbliche Zähne. Das ist gruselig und schön. Mittelpunkt der luftigen Versammlung ist jedoch noch immer und aufs neue der Brachiosaurus Brancai, der vor hundert Jahren aus dem Lehm der Tendaguru-Hügel gepolkt und rund 50 Kilometer weit zur ostafrikanischen Küste geschleppt wurde. Sogar das Schlangenbissbesteck des damaligen deutschen Forscherteams ist im Lichtsaal zu bewundern, ihre Karten, Schaufeln und etliche Abbildungen der zahlreichen Kisten, in denen die Funde schlussendlich nach Berlin verschickt wurden.

Auch seinetwegen soll die U-Bahnhaltestelle "Zinnowitzerstraße" in "Naturkundemuseum" umbenannt werden, die heute am hellerlichten Tage vergittert und brach im Freitagsgewirr bollwerkt. BVG-Streik. Die Chausseestraße ist dennoch mau befahren, der übliche Stau an der Invalidenstraße lässt noch auf sich warten. Mittags ist das Museum gut gefüllt, Kleinkinder mit roten Wangen und strahlenden Eltern im Schlepptau erobern die Saurier-Schau. An "Juraskopen" kann per Fingerdruck zaubern, wem die Phantasie versagt. Gedärme wachsen in die Knochenschalen, Haut spannt sich über Muskeln, aber wir hören nicht, was sich noch Peter Weiss vorstellen konnte. Wie sie röchelten und mit den Zähnen rasselten. Hier und heute quiekt und jucht es, ein bißchen exotisch und doch harmlos. Kein Jurrasicparkgefühl.

In der Ästhetik des Widerstands erinnert sich Weiss´ Erzähler an die glasgedeckte Halle des Museums. In seinem letzten Berliner Jahr, zwei Jahre vor dem Kriegsbeginn, baute man das große Saurierskelett darin auf. Der winzige Kopf, auch mir kommt diese Sichtweise längst entgegen, schien Weiss ein eigentlich nur mit Augen, Nüstern und dünnen Stabzähnen ausgestattetes Wirbelstück zu sein, dessen Hirnansatz kaum ausreichen könnte, um die Bewegungen des riesigen Körpers zu beherrschen. Der Zweifel scheint berechtigt. 200 Knochen mussten dirigiert, gigantische Massen in Schwung gesetzt werden, um den Riesenleib zum nächsten Baum zu transportieren. Und das mit einem vergleichsweise erbsengroßen Hirn! Wo könnte das Gehirn des Brachio im Menschen Platz finden, wenn wir eine ähnliche Körper-Hirn-Proportion aufweisen würden, grüble ich. In der Nase, ich hab´s. In der menschlichen Nase würde das Erbsengehirn unterkommen. Was außer Blätterfressen würde uns dann wohl geraten? Fortpflanzung für ein paar Millionen Jahre und Herumstampfen und Röcheln und Rasseln. Zum Vergessen würde es auch reichen. Ich muss kichern und recke noch einmal den Kopf, um den seinen dort oben in lichter Höhe zu erforschen. Nachgeformte leichte Kunststoffknochenspangen formen filigrane Augenhöhlen und ganz sachte zwinkert der Langhals mir zu, als ich mir beim Hinausgehen die Nase putze.

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