Anklopfen bei den Aufständischen

Afghanistan Verhandlungen mit den Taliban wollen die USA, aber auch die Regierung Karzai hat daran Interesse. Beide folgen taktischem Kalkül, nicht dem Willen zur Konfliktlösung
Jochen Hippler | Ausgabe 26/2013 3
Anklopfen bei den Aufständischen

Foto: Aref Karimi/ AFP/ Getty Images

Die Taliban haben in Katar offiziell ihre Vertretung eröffnet, die einer Botschaft ähnlicher sieht als einem Büro. Offiziell soll es Partner für Verhandlungen mit den USA und der afghanischen Regierung sein. Kurzfristig jedoch führte das Büro eher zu einem diplomatischen Rückschlag: Die Regierung Karzai fühlte sich von den USA an den Rand gedrängt und drohte Washington, bilaterale Verhandlungen zur Sicherheitspolitik nach dem Ende der NATO-Präsenz 2014 abzubrechen. Auch wenn es zu Beginn vor allem um das Schild an der Bürotür ging – „Islamisches Emirat Afghanistan“, wie sich Afghanistan während der Taliban-Herrschaft zwischen 1996 und 2001 nannte –, liegen die Probleme tiefer.

Die USA wollen mit den Taliban reden, um den eigenen Truppenabzug politisch zu flankieren. Trotz überwältigender personeller, militärischer und finanzieller Überlegenheit ist es ihnen nicht gelungen, die vielleicht 25.000 Taliban-Kämpfer zu besiegen. Eine Niederlage, die es nun zu verschleiern gilt. Washington möchte das Gesicht wahren, wenn es sich damit abfindet, Afghanistan trotz mehr als 2.200 gefallener US-Soldaten und ruinöser Kosten von gut 640 Milliarden Dollar nicht befrieden zu können. Verhandlungen mit den Taliban sollen die Lage zumindest zeitweise stabilisieren. Damit wäre ein Scheitern des jetzigen Regimes – käme es nach dem Abzug dazu – in die Zukunft verschoben und eigener politischer Verantwortung entzogen.

Deshalb ist die Regierung Karzai verstimmt, wenn sie erleben muss, dass Washington hinter ihrem Rücken die Taliban kontaktiert. Sie selbst hat durchaus ein Interesse, ebenfalls mit diesem Gegner zu sprechen, aber nur zu ihren Bedingungen. Ihr geht es vorzugsweise darum, sich von der Besatzungsmacht zu distanzieren, um innenpolitisch an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Zudem würden eigene Verhandlungen für mehr politischen Spielraum gegenüber Washington sorgen. Allerdings geht der Verhandlungswille Karzais nicht so weit, Macht aufgeben oder teilen zu wollen. Darum sollen die Taliban zunächst die Waffen niederlegen und die Verfassung respektieren – also politisch kapitulieren. So werden aus informellen Gesprächen garantiert keine ernsthaften Friedensverhandlungen.

Nicht zur Machtteilung bereit

Das Interesse der Taliban an Diplomatie ist gleichfalls nur taktischer Natur, gehen sie doch davon aus, den Krieg politisch gewonnen zu haben und nur abwarten zu müssen, bis die fremden Truppen gehen. Sie glauben, Verhandlungen und eine Machtteilung nicht zu brauchen. Ihnen geht es um zweierlei: Um internationale Anerkennung, indem sie auf Augenhöhe mit der Supermacht verhandeln, wodurch sie im eigenen Land an Statur zulegen könnten. Und um Zeitgewinn. Wenn die Taliban davon ausgehen, nur auf den ISAF-Exit warten zu müssen, können Verhandlungen dazu führen, diese Zeitspanne zu überbrücken.

Das Büro in Katar wertet die Taliban auf jeden Fall auf und könnte Gespräche erleichtern. Es wäre aber naiv, davon eine belastbare Friedenslösung zu erwarten. Alle drei Seiten betrachten solche Verhandlungen vor allem unter taktischen Gesichtspunkten, nicht als Weg zur Konfliktlösung. Weder Karzai noch die Taliban werden in einem solchen diplomatischen Rahmen zu dauerhafter Machtteilung bereit sein.

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