Ankunft im Alltag

Ausstellung Bei gleich mehreren Schauen über die ungarischen Künstler am Bauhaus kann man neue Entdeckungen machen – vor allem von Künstlerinnen, die bislang eher unbekannt waren

Gleich zwei Ausstellungen in Berlin widmen sich zurzeit den ungarischen Künstlern am Bauhaus, mit sich aufs Schönste ergänzenden Akzenten. Die umfangreichere von ihnen ist im Bauhaus-Archiv zu sehen. Sie stellt mit 270 Werken die Arbeiten einer heterogenen Gruppe von rund 25 Ungarn unter dem Titel Von Kunst zu Leben vor. Eine Präsentation, die den Einfluss dieser Künstler auf den Diskurs am Bauhaus in Weimar und Dessau sowie in dessen interdisziplinären Sparten hervorhebt. Und die neben namhaften Protagonisten wie László Moholy-Nagy und Marcel Breuer weniger vertraute ins Blickfeld zieht – darunter viele Künstlerinnen.

Wärmstens empfohlen seien bei dieser Gelegenheit die Webarbeiten von Otti Berger oder die Fotografien von Etel Fodor, Irene Blüh und Judit Karász. Gleichzeitig liefert das Collegium Hungaricum Berlin mit Die Ungarn am Bauhaus – Versuch einer Neudefinierung im deutlich kleineren, aber nuancierten Rahmen eine Darstellung der Genese in der Bildsprache von acht Künstlern zwischen 1919 und 1924, die nach dem Ersten Weltkrieg in Pécs zusammengekommen waren. Einige von ihnen, wie Farkas Molnár, Henrik Stefán und Hugó Johan, emigrierten in den 1920er Jahren über Wien nach Weimar und prägten in ihrem stilistischen Wandel vom Expressionismus zur abstrakten Formensprache die Ästhetik des Bauhauses, was man vor Ort und ebenso im Bauhaus-Archiv unter anderem in der Gegenüberstellung klassischer Landschafts- und abstrakter Malerei auf Ölbildern, Zeichnungen und Lithografien erkennen kann.

Dynamik des Optischen

Zudem bereichert die Ausstellung im CHB ihr Thema mit zwei zeitgenössischen Spiegelungen. Ein Höhepunkt ist das filmische Experiment einer Arbeitsgruppe der Universität der Künste Berlin, die Moholy-Nagys nie realisierte Filmskizze Dynamik der Gross-Stadt von 1925 in einer siebenminütigen Installation 2006 als Triptychon umgesetzt hat. Mit drei Projektoren, ohne Ton, werden drei Leinwände mit historischen, teils aus Moholy-Nagys Archiv stammenden und gegenwärtigen Aufnahmen aus dem Alltag einer Metropole bespielt. In der Lichtbildcollage in Schwarzweiß verzahnen sich diese mit disparaten Elementen zu einer „Dynamik des Optischen“. Eine visuelle Ouvertüre, von der man sich gleich einem beschleunigten Bildkörper wiederholt torpedieren lassen möchte (und kann, es handelt sich um einen Loop).

Moholy-Nagy, dem bis 16. Januar eine Einzelausstellung im Berliner Gropius-Bau gewidmet ist, die im Anschluss nach Den Haag zieht, unterrichtete ab 1923 am Bauhaus. Er beeinflusste in der Nachfolge von Johannes Itten die konzeptionelle Ausrichtung der Schule im Sinne einer Ganzheitlichkeit der Künste. Die Trennung zwischen Kunst und Alltag sollte aufgehoben werden. Die ungarischen Avantgardisten, die sich politisch engagiert hatten und nach dem Sturz der Räterepublik im August 1919 ihre Heimat verlassen mussten, gaben im Richtungsstreit an der Kunsthochschule konstruktivistische Impulse. Vor allem arbeiteten sie wie andere Bauhäusler mit Mitteln der Kunst an einer Veränderung des Lebens.

Von Kunst zu Leben Die Ungarn am Bauhaus. Bis 21. Februar im Bauhaus-Archiv Berlin; Die Ungarn am Bauhaus Versuch einer Neudefinierung. Bis 30. Januar im Collegium Hungaricum Berlin. László Moholy-Nagy Kunst des Lichts. 29. Januar bis 1. Mai Gemeentemuseum Den Haag

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15:30 17.01.2011

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