Neuer Historikerstreit: Eine gewaltige Kluft

Historikerstreit Ist eine postkoloniale Wende der Erinnerungspolitik und der Holocaustforschung wünschenswert?
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Von politischen Eliten aufgezwungen, zum Staatskatechismus erhoben, mit provinziellen Scheuklappen versehen – mit solchen oder ähnlichen Worten wurde in den letzten Jahren die offizielle deutsche Erinnerungspolitik angegriffen. Ein neuer akademischer und publizistischer „Historikerstreit“ um die Deutungsmacht über die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts brach aus. Eine der immer wieder bemühten Argumentationsfiguren betraf die starke Präsenz des Phänomens Holocaust im Bildungswesen und im Kulturleben. Bereits im Jahre 2001 hatte der Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer in einer unter dem Titel Erinnerungslosigkeit veröffentlichten Rede die „Nichtexistenz eines Verhältnisses (...) zur deutschen Geschichte jenseits des Bezugsereignisses Nationalsozialismus“ beklagt und dafür die Fokussierung auf den Holocaust verantwortlich gemacht.

Der vergleichend-quantifizierende Blick gelangte schließlich bei der Geschichte des Kolonialismus an. Die Dominanz des Holocaust-Gedenkens habe, so hieß es, bewirkt, dass die kolonialistischen Gewaltverbrechen aus der Erinnerungs-, Bildungs- und Forschungspolitik ausgeklammert wurden. Zwei Beispiele veranschaulichen diese These: Studierende des Würzburger Afrikazentrums diagnostizierten in ihrem Internet-Blog eine „koloniale Amnesie der Deutschen“ und behaupteten, der Grund für diese „Amnesie“ liege unter anderem im „Lehrplan deutscher Schulen, der den Schwerpunkt auf den Holocaust“ lege. In der Süddeutschen Zeitung behauptete 2020 ein junger Publizist, er habe in der Schule „alles über die Schoah, den antisemitischen Rassenwahn, unsere einzigartige Schuld“ gelernt, nichts aber „über Namibia (...), über Rostock, Hoyerswerda, Mölln, über Tansania und China“.

Man beachte die Gegenüberstellung von „alles“ und „nichts“. Selten wurde die Frage gestellt, ob es nicht unter anderem der „Aufarbeitung“ des Holocaust zu verdanken ist, dass endlich andere staatlich organisierte Verbrechen in den erinnerungspolitischen Blick genommen werden.

Mit den Gedenk-Rankings verschiedener Genozide ging häufig das Infragestellen der Singularität und der Präzedenzlosigkeit des Holocaust einher. Heute ist es der „postkoloniale Diskurs“, der den Holocaust mit dem Kolonialismus verknüpft, ihn – wie der Historiker Dan Diner in dem Sammelband Ein Verbrechen ohne Namen schreibt – „der Gestalt kolonialer Gewalt anverwandelt“. Diese Anverwandlung drohe den Holocaust seiner Singularität und Ursprünglichkeit zu berauben und ihn zu relativieren, wie er bereits während des ersten Historikerstreits (1986) als bloße Reaktion auf die stalinistischen Massenmorde relativiert wurde.

Die Zeithistorikerin Sybille Steinbacher fasst die bekannten Gründe für die These der Präzedenzlosigkeit des Holocaust noch einmal zusammen: „der unbedingte Vernichtungswille (…), die Systematik des Mordprogramms, dessen geografische Reichweite (…), und der Umstand, dass die Angehörigen der deutschen Volksgemeinschaft (sic) (…) in die Verbrechen an den Juden einbezogen waren“. Weniger bekannte Argumente – etwa der jahrhundertealte, neu geschürte Hass auf den ethischen, religiösen und intellektuellen Genius des Judentums, den Primo Levi einst erwähnte – werden in dem Sammelband allenfalls indirekt angedeutet.

Genozide vergleichen

Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber den postkolonialen Deutungen des Holocaust begrüßen die Beitragenden des Bandes das sich entwickelnde Forschungsinteresse an den noch heute fortwirkenden Kolonialverbrechen Europas. Sie unterstreichen, dass die Präzedenzlosigkeit des Holocaust keineswegs Vergleiche mit anderen Genoziden verbiete, sofern diese zwecks Herausarbeitung der Unterschiede und Ähnlichkeiten vollzogen würden. Steinbacher bringt ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass der Holocaust durch Einbindung in die „globale Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ nicht seiner „strukturellen (…) präzedenzlosen Besonderheiten“ beraubt werde.

Ein wirklicher Brückenschlag zwischen der Holocaustforschung und der von den Postcolonial Studies inspirierten vergleichenden Genozidforschung dürfte indessen schwierig sein; denn der postkoloniale Diskurs bleibt nicht bei der kolonialen Verortung des Holocaust und schon gar nicht bei bloßen Vergleichen stehen. Er nimmt vielmehr, zuweilen in militanter Weise, die zionistische Bewegung, die Politik des Staates Israel und die deutsche Unterstützung Israels ins Visier.

Diesem Teil des postkolonialen Diskurses schenkt der deutsch-israelische Soziologe Natan Sznaider, der mit soziologischen, geschichts- und literaturwissenschaftlichen Ansätzen arbeitet, große Aufmerksamkeit. Das Einzigartige seines unkonventionellen Buches liegt darin, dass er den Fokus auf gegensätzliche Geschichtsinterpretationen und Sichtweisen legt. Er versucht, die entgegengesetzten oder parallel verlaufenden Wahrnehmungsperspektiven in einem einzigartigen Sowohl-als-auch zusammenzudenken. Er gelangt zu folgender Erkenntnis: „Der Holocaust kann durchaus aus kolonialistischen Strukturen verstanden werden, aber gleichzeitig auch singulär sein.“

Während die Verortung des Holocaust in übergreifenden Zusammenhängen wie dem Kolonialismus und die Beschreibung des nationalsozialistischen Eroberungsfeldzugs in Osteuropa als kolonialistisch nachvollziehbar sind, öffnet der Versuch, den Zionismus und die Politik des Staates Israel mit dem Kolonialismus zu verknüpfen, eine gewaltige Kluft zwischen zwei entgegengesetzten Diskursen. Ersterer argumentiert – hier in groben Zügen wiedergegeben – so: Die zionistische Bewegung war eine aus Europa kommende (wenn auch nicht im „klassischen“ Sinn) kolonialistische Bewegung. Die zionistischen Siedler unterdrückten die nichteuropäische Bevölkerung Palästinas und beeinträchtigten ihre Existenzgrundlagen. Der Staat Israel vertrieb einen Teil dieser Bevölkerung und diskriminierte den im Land verbliebenen Teil. In den besetzten Gebieten agiert er wie eine Kolonialmacht. Er benutzt das Holocaust-Gedenken, um eine gewisse Immunität zu genießen. Dem steht diese Sicht entgegen: Die zionistische Bewegung war die antikolonialistische Befreiungsbewegung einer in Europa unterdrückten, „intern kolonisierten“ Minderheit. Es gab im Zionismus sozialistisch-anarchistische Strömungen, die nicht auf Staatsgründung abzielten. Diese ist indessen als ein Akt der Emanzipation und Dekolonisierung zu verstehen – ein Akt, der die Rückkehr des jüdischen Volkes aus dem Exil ermöglichte. Der Staat Israel ist berechtigt, seine Legitimität durch Bezug auf den Holocaust zu stärken, denn er bot den Überlebenden des Holocaust Zuflucht.

Es geht Natan Sznaider darum, nach gemeinsamen Fluchtpunkten der entgegengesetzten Beschreibungen und Perspektiven zu suchen. Anhaltspunkte findet er in den Werken von jüdischen, afrikanischen und palästinensischen Intellektuellen wie Hannah Arendt, Aimé Césaire, Albert Memmi, Edward Said, deren Gedanken er jeweils eindrucksvoll wiedergibt.

Wie also den partikularen Beschreibungen entrinnen, in denen die Leidensgeschichten der eigenen Nation, Minderheit, Gruppe die Hauptrolle spielen, die Leiden der Anderen jedoch kaum vorkommen? Sznaiders Antwort, genial und bündig: Es geht „nicht um Universalismus gegen Partikularismus, sondern um das Austauschen von verschiedenen Partikularismen.“ Anders ausgedrückt: Es geht darum, das Leiden der Anderen ebenso in den Blick zu nehmen und anzuerkennen wie das eigene und so die entgegengesetzten partikularen Positionen in einer neuen Beschreibung aufzubrechen.

Gedenkkulturen sind, wie Kultur überhaupt, Wandlungen unterworfen. Das deutsche Holocaust-Gedenken hat sich bereits mehrfach gewandelt. Wie der Schriftsteller Imre Kertész im November 2000 in einer Rede sagte, können „wir den Holocaust heute, mehr als fünf Jahrzehnte danach, als globale Erfahrung, als europäisches Trauma betrachten“. Dass wir dies tatsächlich tun, verrät der häufige Gebrauch des Begriffs „Menschheitsverbrechen“. Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman geht in seinem Werk Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust (1989/1992) noch einen Schritt weiter: Er sieht den Holocaust „als eine der Moderne inhärente Möglichkeit“ an und rät dazu, „die Untersuchung des Phänomens Holocaust für die Diagnose der Gesellschaftsform, in der wir leben“, zu nutzen. Sznaider weist in diese Richtung, wenn er die Hoffnung zum Ausdruck bringt, dass „die Erinnerung an den Holocaust zu einem Mahnmal an die allgegenwärtige Barbarei“ werde.

Info

Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust mit Beiträgen von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Dan Diner, Jürgen Habermas Verlag C.H. Beck 2022, 91 S., 12 €

Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus Natan Sznaider Hanser Verlag 2022, 256 S., 24 €

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