Lobbyistin für Geflüchtete

Porträt Anne-Marie Braun ist Mitgründerin des Vereins „Schöneberg hilft“, der hier ankommende Menschen aus der Ukraine unterstützt. Dabei muss sie selbst mit einem schweren Schicksal fertigwerden

Tausende Geflüchtete aus der Ukraine kommen täglich in Berlin an: in Zügen, Bussen, Autos. Viele Freiwillige sieht man an Bahnhöfen. Sie tragen gelbe und orange Warnwesten. Einige Freiwillige sieht man aber auch nicht. Sie arbeiten im Hintergrund, koordinieren und organisieren. Eine davon ist Anne-Marie Braun von „Schöneberg hilft“. Das ist ein gemeinnütziger Verein von Ehrenamtlichen, die Geflüchtete und sozial benachteiligte Menschen unterstützen. „Aktuell ist meine Handynummer in ganz Berlin in Umlauf“, sagt sie. Und wer Braun in ihrem Büro im „Interkulturellen Haus“ in Schöneberg erlebt, glaubt ihr das mit der Handynummer sofort.

Kaum hat sie einen Satz gesagt, klingelt ihr Telefon. Meistens sind es Menschen, die ukrainische Geflüchtete bei sich aufgenommen haben und jetzt mit der Situation überfordert sind. Mit Traumatisierten und Schwangeren, mit Kranken, die Medikamente benötigen, oder Kindern, die nachts weinen. Mit alten Leuten an Rollatoren, die kein Wort Englisch sprechen oder komplett verstummt sind.

Anne-Marie Braun sucht dann nach neuen Unterkünften, telefoniert mit Hotels, Kirchen oder Initiativen aus anderen Berliner Bezirken, die entweder Rat oder Räume zur Verfügung stellen. „Es sind eben nicht nur blondgelockte, hochwangige Frauen, die hier ankommen, sondern auch viele Studierende aus Afrika“, sagt sie, die nicht gern ein Blatt vor den Mund nimmt. Das gilt auch, wenn es um sie selbst geht. Auf die Frage hin, warum sie in Frührente ist, zögert Anne-Marie Braun nicht, von ihrer Erkrankung zu erzählen. „Ich war 2018 schon zweimal tot“, sagt sie gefasst.

Vor gut 20 Jahren, als alleinerziehende Mutter einer sechs Monate alten Tochter, bekam sie die Diagnose: aggressiver und genetisch bedingter Brustkrebs. „Der liegt leider in der Familie“, meint sie. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre beiden Schwestern hatten diesen Krebs auch, sie alle sind daran gestorben. Bei Anne-Marie Braun entwickelte sich ihr Leben danach so: Operation, Chemo, Krebs weg, Krebs wieder zurück, Operation, Chemo und so weiter. Dann kam das Jahr 2018. Ihre Tochter, die diesen Brustkrebs zum Glück nicht geerbt hat, schrieb gerade ihr Abitur, als das Herz von Anne-Marie Braun stehen blieb und ihre Organe multipel versagten. „Das eine Mal wurde ich 52 Minuten wiederbelebt. Krass, oder?“ Die Frage, ob ihr soziales Engagement mit ihrem eigenen Schicksal zusammenhängt, verneint Anne-Marie Braun, der man ihre Krankheit nicht ansieht. Im Gegenteil: Mit ihren 56 Jahren wirkt sie immer noch jung und agil, fast zappelig. „Ich war schon immer eine leidenschaftliche Basisdemokratin“, sagt sie. Als ihre Tochter zur Schule ging, saß sie im Bezirkselternausschuss und im Landeselternausschuss. Heute besitzt Braun nicht nur einen Kleingarten, sondern ist dort auch im Kolonievorstand. Doch die meiste Zeit über engagiert sie sich als, wie sie selbst sagt, „Lobbyistin für Geflüchtete“.

Als 2015 Hunderttausende Menschen aus Syrien oder Afghanistan in Deutschland ankamen und Angela Merkel meinte: „Wir schaffen das“, unterstützte Braun mit weiteren Ehrenamtlichen die Notunterkunft in der Schöneberger Teske-Schule. Ein Jahr später gründeten sie dann den gemeinnützigen Verein „Schöneberg hilft“, der sich allein durch Spenden finanziert – und diese auch dringend braucht. Anne-Marie Braun, die bis zu ihrer Frührente noch lange mit Krankheit als Fernsehredakteurin arbeitete, begann im August 2015, sich als Deutschlehrerin für Geflüchtete zu engagieren. „Jetzt haben wir eine vollkommen andere Situation“, sagt sie. Was sie damit meint? Dass es 2015 fast nur junge Männer waren, jetzt aber alle kommen, darunter viele vulnerable Gruppen. „Ohne uns Freiwillige würde die Stadt zusammenbrechen, trotzdem wird mit uns von offizieller Seite oftmals nicht auf Augenhöhe kommuniziert.“

Und dann fügt Braun noch hinzu: „Deutsche Strukturen sind einfach nicht gemacht für Katastrophen.“ Also klappt sie seit Kriegsbeginn ihren Laptop erst gegen drei Uhr nachts zu, schläft drei, vier Stunden, steht dann wieder auf, organisiert, koordiniert, telefoniert – aktuell jeden Abend mit der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales sowie einmal in der Woche mit der linken Berliner Sozialsenatorin Katja Kipping. Erst vor wenigen Tagen hat es Anne-Marie Braun über einen Kontakt geschafft, dass 45 Geflüchtete zu Unterkünften in Cuxhaven gebracht werden konnten, raus aus dem völlig überfüllten Berlin. „Ich kann doch nicht einfach wegschauen“, sagt sie, die schon immer wenig Schlaf gebraucht hat, und blickt dann zu „Frau Dings“ rüber. So heißt ihre Hündin, ihre treue Begleiterin – auch in Krisenzeiten. Ihr bester Freund, der auch ihr Mitbewohner ist, sagt deshalb, Frau Dings sei ihr „seelischer Tampon“.

Während Anne-Marie Braun erzählt, ploppen ständig Nachrichten auf, verpasste Anrufe. Ihr Handy hat sie während des Gesprächs stumm gestellt – und braucht jetzt erst mal eine Zigarette. Rote Gauloises. „Eigentlich müsste mir der Senat fünf Stangen Zigaretten ausgeben.“ Klar, die Anspannung und Anstrengung der letzten Wochen sieht man ihr an. „Mein Hund achtet jetzt auf mich“, sagt sie noch, als sie zum Bahnhof am Südkreuz läuft, wo junge Freiwillige von „Berlin Arrival Support“ Versorgungsstände für Geflüchtete aufgebaut haben. „Letzten Sonntag hat mein Hund so lang nach Aufmerksamkeit gebellt, bis ich mit ihm in die Natur gefahren bin.“ Alles andere kann warten. Das Unkraut in ihrem Kleingarten. Die Freunde, die sie wegen Corona eh seltener trifft. Die Tochter, die in Berlin studiert. In den letzten Wochen schreibt sie ihrer Mutter häufiger: „Lebst du noch?“ Wer Anne-Marie Braun in diesen Tagen kennenlernt, würde darauf antworten: Sehr sogar.

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