Annies Bürgerwehr - Noras "Junkieboard"

NIEDERLANDE Über zwei Frauen, die das Bewusstsein gegenüber Rauschgift-Abhängigen zu ändern versuchen, und einen Pfarrer, der im Keller seiner "Pauluskeerk" Soft-Drogen verkaufen lässt, wenn die Polizei mitspielt

In den Schaufenstern der boulevard-breiten Middellandstraat verebbt Meter für Meter westwärts die Freundlichkeit. Nordseeböen werfen den Sprühregen gegen die milchigen Gläser, hinter denen Kram und Trödel nicht ernsthaft auf einen Käufer warten. Fenchel und allerlei Knollen, Zwiebeln und braune Bananen schichten sich in grünen Kästen auf schlaglöchrigem Trottoir. Marokkaner und Surinamesen bieten alle 15 Schritte Fastfood und Kleinküche; Poster verehrter Sänger hängen in den mintgrünen Räumen. Eingeklemmt zwischen zwei Metzgern: eine Kaschemme, die sich Bar nennt, daneben ein geschlossenes Cabaret mit rostig-roter Stahljalousie.

Rotterdams halbinselartiger Stadtteil Spangen. Ein Haus gleicht hier dem anderen, planquadratisch aneinandergereiht, Einfamilienarchitektur, roter Backstein, meist zwei Etagen. Gelegentlich stelzt ein Zwanzigstöcker dazwischen herum wie ein herrischer Fremdkörper. In den Küchenfenstern mancher Häuser stehen Schnittblumen. In manchen steht nichts. In der Luft liegt Traurigkeit. Aus dem leichten Sprüh- wird ein heftiger Eisregen.

Die Busken-Hwetstraat, sagt der Postbote, die ist dort, zweite Querstrasse an der Ecke links, dann rechts über den Hof der neuen Schule, am Ende der Sackgasse links hinten. Keine 100 Meter weiter verläuft der stark befahrene Autobahnring West - erst hört, dann sieht man ihn. In Nummer sieben der Busken-Hwetstraat mit der hellblauen Tür wohnt die Frau, die Jacques Chirac die Sache mit den Drogen erklärt hat. Sie heißt Annie Verdoold, war in ihrem früheren Leben einmal Sozialarbeiterin, hat zwei Töchter, zwei Söhne, einen faulen Freund und immer mehrere Gäste im Haus mit seinen fünf kleinen Kammern.

"Dealer sind wirklich Killer - ich hasse sie", sagt Annie ruhig

Der Fernseher lärmt, und Annie raucht eine lange Filterlose. Sie ist nicht mehr in den Vierzigern und nicht unbedingt schlank, trägt eine enge, schwarze, satinglänzende Leggins, knöchelhohe schwarze Lederstiefel, einen großschnalligen Gürtel und für die gewollte Kürze zu langes, blondgesträhntes Schwarzhaar. Sie redet wenig, aber mit Bestimmtheit. Spangen sei das Drogenverteilerzentrum von Rotterdam. Die Stadt hat nur 650.000 Einwohner, aber den weltgrößten Hafen, das Einfallstor für - geschätzt - neun Milliarden Dollar Rauschgift-Schmuggel im Jahr: Kokain, Marihuana, Heroin und Ecstasy.

In Spangen gab es Zeiten, da lagen gebrauchte Spritzen auf Kinderspielplätzen, in Sandkästen, Telefonzellen und Schulen. Da wurden täglich zehn Autos und mehrere Räder gestohlen, und auf den kleinen, öden, geraden Straßen prügelten sich die Dealer-Banden der Algerier und Marokkaner, die illegal ins Land gekommen waren, um ein Auskommen zu finden. Junge Obdachlose handelten mit harten Drogen. Die Verteiler gaben ihnen 3.000 Gulden pro Abend, wenn sie ihnen die französischen Autos zuführten.

Für Dealer war Spangen ein Paradies. Sie lebten mietfrei in verfallenen Häusern und leeren Wohnungen. Abends war das Viertel nichts für schwache Nerven. Die Regierung wusste das und wollte liberal bleiben. "Unsere berühmte Toleranz ist das große Problem", meint Annie. Vor vier Jahren gab es in Spangen 2.000 sogenannte "Drogenhäuser", in denen Rauschgiftgeschäfte organisiert und abgewickelt wurden. Der Stoff ist in den Niederlanden ausgesprochen begehrt, weil rein und günstig. Edelstoff. Ein guter Dealer kauft zwei Gramm für 120 Gulden und streckt daraus sechs Gramm für 1.000. - "Hier leben 40 Prozent Marokkaner, 20 Prozent Türken, zehn Prozent Kolumbianer, Kapverden, Surinamesen - und 20 Prozent Holländer." Inzwischen raucht sie die dritte Filterlose. Spricht sich in Rage. "Diese Bastards!"

Als der Drogentourismus schließlich unerträglich wurde, als die Nordfranzosen aus Lille, dann die Belgier, Luxemburger und Deutschen, als Kleindealer, Junkies, Geschäftsleute wie Heuschrecken in Spangen einfielen, begann Annie mit dem Briefeschreiben: Hilfsgesuche an die Stadt, die Polizei, die Regierung. Doch vergeblich. Daraufhin ging sie zu ihren Freunden, vorn rechts, geradeaus, dann um die Ecke. Alle zusammen alarmierten sie andere Freunde und Freundesfreunde, empörten und überzeugten sich. Dreimal pro Woche fünf Stunden lang, unangemeldet und nicht kalkulierbar, blockierten von nun an 80 und manchmal 100 Spangener zwei Jahre lang die Abfahrt des Autobahnrings West. Standen da wie eine Wand. Jedes Auto wurde schriftlich vermerkt. 400 bis 500 Notizen jeden Tag. Kein fremdes Gefährt kam fortan ins Viertel - und kein Drogentourist.

Heute ist das Geschäft ausgetrocknet. Spangen ist sauber, das bedeutet, es gibt dort nur noch 27 Drogenhäuser, und die sind kontrollierbar. Jetzt habe es Rotterdam-Zuid erwischt, draußen, in Feyenoord. "Dealer sind wirklich Killer - ich hasse sie", sagt Annie ruhig.

"Ich bin so blöd und mache das alles gratis und freiwillig", sagt Nora

Vor etwa fünf Jahren begann auch die Zusammenarbeit mit Jaap de Leeuw vom Polizeikommissariat der Stadt. Noch heute kommt Jaap, ein kleiner, vornehmer Herr, jede Woche ein paarmal ins Haus Nummer sieben. Annies Bürgerwehr und die Rotterdamer Polizei arbeiten symbiotisch, sie informieren sich und halten einander auf dem Laufenden. Jaap schätzt Annie, nein, er bewundert sie: "Annie ist die Spezialistin in Holland, wenn es um Drogen geht." Wie viele Verwaltungsvertreter, Europaabgeordnete und Minister aus Deutschland, England, Frankreich und selbst den USA kamen nicht schon ins Haus Nummer sieben! "In fünf Jahren werden die Deutschen und die Franzosen die gleichen Probleme haben wie wir Mitte der Neunziger", prophezeit Annie. Sie orakelt nicht. Sie kennt das Geschäft. "Ihr müsst resozialisieren. Junkies sind krank - aber sie sind genauso Mensch wie du und ich."

Nora Storm hat das einst als erste begriffen. "Noras Nest" in der Saftlevensstraat 5 a/b beherbergt zwölf Schwerstabhängige. Hier - in einem alten Patrizierhaus im Zentrum der Stadt - arbeiten sie seit zwei, fünf, manchmal zehn Jahren für "Nora mit ihrem roten Zottelhaar", das heißt: für die von ihr gegründete Organisation Top-Score, die Süchtige an Unternehmen und Kleinfirmen vermittelt. Noras Zöglinge schneiden Hecken, lackieren Autos, fegen die Straße und verdienen so ausreichend Geld für ihre Sucht. 60 Mark am Tag kostet die Grundversorgung mit Heroin und Kokain. Zudem treten sie 400 Mark monatlich für Kost und Logis an Nora ab: ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch. Ein Zuhause, Wärme, eine Aufgabe. Oft ist das lebensrettend. Lange hatte man geschmunzelt: Junkies helfen? Als gleichwertig betrachten? Integrieren? Nicht einmal im Rotterdam der Siebziger! Doch jedes Jahr wurde die Szene härter und krimineller. An jeder Ecke stand ein Dealer. Jedes vierte Haus wurde zum Drogenhaus. "Sinnlos, die zu überwachen", erinnert sich Nora. Und dann schloss vor einigen Jahren die Stadtverwaltung die "Plattform O" am Bahnhof, Junkies Home. Eine Junkie-Schwemme war die Folge, und viele Sorgen.

Nora ist ein ähnlich kraftvoller Typ wie Annie. Jede für sich ist eitel. Die Nation kennt beide von Fernseh- und Radiosendungen. "Ich bin so blöd und mache das alles gratis und freiwillig", sagt Nora. Sie kann sehr laut lachen. Miete und Ausgaben für ihren Junkieboard zahlt sie von der staatlichen Invalidenunterstützung und von kargen Spenden. Nora ist gehbehindert. Ihren Stock lässt sie nie los. "Leute einsperren hilft gar nichts". Sie trinkt die fünfte Tasse Kaffee und telefoniert zugleich und dreht sich eine Zigarette. "Man braucht die Abhängigen, um das Drogenproblem zu lösen. Man muss ihnen ihre Würde lassen." Barsch sagt sie das dem Radio reporter am Telefon, herzlich ist es gemeint.

"Es ist sinnlos, ihnen ihre Sucht verbieten zu wollen", sagt Jaap, der hohe Kommissar

Zwei Polizisten kommen in Noras Junkieboard. Ja, also, man wisse nämlich, sagen die, nicht weiter mit diesem Kerl hier. Herein mit ihm. Die Tür steht offen, immer und für alle, "egal, wie deine Geschichte ist." Nora weist Esther an. Der Junkie bekommt einen Kaffee. Nora scherzt. Die Polizisten scherzen zurück. Das alte Telefon scheppert. Die Polizisten grüßen. Wer etwas Spezifisches, wer überhaupt etwas über Drogen und Junkies wissen will, geht in "Noras Nest". Infobörse, Junkiesprachrohr, Jobvermittlung. Nora kennt fast jeden Abhängigen, und wenn sie es will, dann kennt ihn auch die Polizei.

Kurze Zeit später betritt Jaap de Leeuw unter großem Hallo das Kellerbüro mit dem weit ausladenden Holztisch und den zehn schlichten weißen Plastikstühlen, der grüngestrichenen Bar, dem Dartboard, den aufgehängten Todesanzeigen. Jaap bringt frischgedruckte Top-Score-Broschüren. Die Polizei hat sie drucken lassen. Der Zigarettenqualm erstickt die Luft. Esther, mit schwarzen Augenringen und schwimmendem Blick, reicht Jaap zitternd einen Kaffee. Sie spricht sehr langsam. "Haaallooo Jaaaap" - "Dank dir", sagt Jaap.

"Was glauben Sie, ist los," fragt Jaap dann großäugig, "wenn alle 8.000 Junkies Rotterdams einbrechen und stehlen?" - Jaap, der kluge Freund! Nora lächelt Zufriedenheit. "Man muss den Junkies zuhören, man muss mit ihnen reden", meditiert Jaap - besser könnte es Nora auch nicht sagen. Jaap und Nora und Esther und alle im Raum sind sicher: Jeder kann ein Junkie werden. Und wer ausgegrenzt wird, hat nichts zu verlieren. Und wer nicht arbeiten darf, der stiehlt. Auch die Stadtverwaltung hat das irgendwann begriffen und die Polizei und das Gesundheits amt. Integration ist zweiseitig. Jaap sagt: "Was hat diese Frau" - er streichelt Noras Schulter, wie gute Freunde es tun - "nicht schon alles angerichtet!" Er meint den Bewusstseinswandel in den städtischen Ämtern, im Polizeipräsidium und bei Bürgermeister Bram Peper, der Noras Einsichten vor acht Jahren als erster ernst nahm und seit einem Jahr niederländischer Innenminister ist. Top-Score sei einmalig in Holland, meint Nora... und dann wohl erst recht in der Welt, ergänzt Jaap.

Esthers Bruder Michel ist 27. Er hat seine Anstellung seit einem Jahr. Die Firmen werden zutraulicher. Nora küsst ihn auf die Wange. Jeden Tag stellen Junkies aus "Noras Nest" unter Beweis, dass sie arbeiten wollen, wenn man sie nur lässt, und dass sie es auch können. Michel hat den neongelben Top-Score-Overall an, den die Junkies tragen müssen, aus Versicherungsgründen. "Diese acht Stunden täglich fühle ich mich als normaler Mensch und ich bin froh, keine Zeit für einen Crack zu haben," sagt er. Abends dann die tägliche Ration, und auch Jaap weiß, woher Michel den Stoff hat: ein Viertel Gramm Heroin, ein Viertel Kokain. Kurzer Rausch. Nachts weinen die Junkies manchmal, wenn sie Zeit zum Nachdenken haben. "Es ist sinnlos, über ihnen stehen zu wollen und ihnen ihre Sucht zu verbieten", sagt Jaap, der hohe Kommissar, "die Sucht ist Strafe genug." - Und Michel nickt. Und Esther. Und der Neue. Jaap spricht vom Prinzip der sozialen Verzahnung und vom "Runden Tisch" im Rathaus, vierzehntägig, mit Nora, mit Annie, der Polizei, dem Bürgermeister und mit Reverend Hans Visser. "Wenn nichts mehr geht in Rotterdam", hat Annie schon bald gesagt, "Hans Visser macht es, und alle schauen auf ihn." Hans Visser ist Pastor der städtischen Pauluskeerk. In seinem Kirchenkeller werden illegal Soft-Drogen verkauft. Die Polizei drückt beide Augen zu, aus Einsicht. Hans Visser ist selten erreichbar. Zumeist ist er auf den Straßen Rotterdams unterwegs und versorgt die Junkies mit frischen Nadeln. Viele Innenstadt-Junkies leben in der Pauluskeerk. Es ist feuchtkalt dort und dunstig - Schweiß, Urin, Alkohol. Es wird gelallt und geschrien. Handgreiflich wird keiner. Hans Visser mag das nicht, heißt es. Und seinen Retter verprellt man nicht.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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