Anonymität ist Freiheit

Wochenthema Datenklau, Überwachung und Meinungshoheit. Was wir als Internetbenutzer gewinnen können, wenn wir uns per Mouseclick anonym durch das weltweite Datennetz bewegen

In der Erzählung Nachmittag eines Schriftstellers von Peter Handke flieht der Held, ein berühmter Schriftsteller, vor den Menschenmassen der Vorweihnachtszeit, die ihn mit ihren erkennenden Blicken in den Straßen verfolgen, an den Stadtrand und erfährt mit dem einsetzenden Schnee dort eine geradezu beschwingte Namenlosigkeit. Er erlebt sie als ein Ereignis, „das man früher einmal vielleicht ,Entgrenzung‘ oder ,Entselbstung‘ genannt hätte. Endlich nur noch draußen, bei den Dingen, zu sein, das war eine Art von Begeisterung [...], man schien dadurch, wie der legendäre chinesische Maler, verschwunden im Bild.“

In der erwähnten Legende aus dem alten China wird ein Maler alt und einsam über die Arbeit an nur einem Werk. Als er endlich damit fertig wird, lädt er seine verbliebenen Freunde ein, es sich anzuschauen. Sie betrachten das Bild, auf dem ein Haus auf einer Anhöhe zu sehen ist. Als sie sich dem Maler wieder zuwenden, ist dieser verschwunden. Er geht plötzlich in seinem eigenen Bild den Weg zum Haus hinauf, winkt ein letztes Mal und schließt sorgfältig die gemalte Tür hinter sich.

Was ist hier geschehen? Der Maler ist nicht nur aus dem Leben getreten, er hat sich selbst auch als Person unsichtbar gemacht, er ist gesichts- und namenlos geworden, erst noch als Teil seines Bildes und dann auch darin entschwunden. Er ist anonym geworden.

Die Geschichte befremdet uns heute. Anonymität steht im Zeitalter des Persönlichkeitskults nicht hoch im Kurs. Kaum jemand will sich heute noch vor anderen verbergen. Vielmehr ist es eine verbreitete Sehnsucht, möglichst bekannt zu sein. Ruhm ist der heilige Gral unserer Kultur, der Teilnehmer von Castingshows mindestens der Leittypus dieses Jahrzehnts. Das Prinzip Selbstdarstellung beschränkt sich dabei schon lange nicht mehr auf den Show- oder Unterhaltungsbereich. Es durchdringt die privaten und die beruflichen Beziehungen, es dominiert die Öffentlichkeit, die im Wesentlichen eine Medienöffentlichkeit ist, es prägt die Politik. All dies wurde bereits oft und viel beklagt. Geändert haben diese Klagen selbstverständlich nichts. Im Gegenteil: Der Offenbarungsfuror und die Bereitschaft, immer noch Persönlicheres – in Talkshows, im Internet, am Handy – zu offenbaren, greifen unablässig weiter um sich. Unerkannt zu sein, ist nicht mehr ein erstrebenswertes Ziel, sondern eher Versagen, ein Zustand, den es zu vermeiden gilt.

Reiz des Verschwindens

Dabei hatte Anonymität in früheren Zeiten einen verlockenden Reiz. Der Satz von der Stadtluft, die frei macht, meinte vor allem die Anonymität der Großstädte, die den einzelnen von den damals noch viel enger geschnürten sozialen Zwängen befreite. Aber auch heute, in unserem Lebensmodus des chacun à sa facon, der kaum mehr solche Zwänge kennt, hat Anonymität noch eine Bedeutung und einen Wert, der aber leicht zu übersehen ist.

Die Geschichte des Malers aus dem alten China verdeutlicht, weshalb Anonymität eine entscheidende, heute in der Regel aber vernachlässigte Rolle für ein wahrhaftiges, selbstbestimmtes Leben spielen kann. Wenn der Maler in sein Bild eingeht, verschwindet er als eine identifizierbare Person. Er verschmilzt mit seinem Bild von der Welt, schafft sich eine persönliche Wahrheit, die von den Weltbildern seiner Mitmenschen unabhängig ist. Es bekommt eine für andere uneinsehbare Identität. Diese anderen, seine Freunde – die Gesellschaft, wenn man so will –, können ihn nur noch in seinem Bild von den Dingen identifizieren, nicht mehr aber als Person. Er hat sich für sie gewissermaßen versachlicht. Er macht den Blick frei auf das, was ihm wichtiger ist als das Ansehen seiner Person: die Welt, wie er sie sieht.

Anonymität erscheint in dieser Legende als äußerste Subjektivität – und gleichzeitig als die öffentliche Einnahme einer weithin objektiven, vom eigenen Selbst absehenden Position. In eben dieser doppelten Bedeutung, einer individuellen und einer gesellschaftlichen, ist Anonymität heute von Nutzen – und wird unterschätzt.

Anonymität ist Freiheit, weil sie Verhaltensweisen ermöglicht, ohne Erwartungen entsprechen, Urteile oder Sanktionen fürchten zu müssen. Das macht den Karneval ausgelassen, den Maskenball spannend, anonyme Foren im Internet anziehend und die Stadt im Gegensatz zum Dorf liberal. Solche Freiheitspotenziale zweiter Ordnung sind heute auf eine unkomplizierte Weise zugänglicher denn je. In einer Kultur jedoch, die zur permanenten Selbstoffenbarung auffordert, ist eine wichtigere Form der Freiheit bedroht: Die Freiheit, in sich ein niemand sonst bekanntes Bildnis vom eigenen Ich zu bewahren, das einem erst ermöglicht, sich selbst als Individuum zu stabilisieren und zu entfalten.

Inzwischen, wir haben uns daran gewöhnt, werden die Inhalte bei öffentlichen Debatten vom Auftreten, Erscheinen, von der Persönlichkeit der Protagonisten überlagert. Es geht oft nur noch am Rande um das bessere Argument, den sachlicheren Vortrag, die treffendere Formulierung, sondern, sehr allgemein gesagt, um den überzeugenderen persönlichen Auftritt.

Das erste TV-Duell in der Geschichte überhaupt zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy ist Legende. Viele Beobachter waren und sind bis heute überzeugt, dass der Favorit Nixon die Wahl gegen Kennedy nur deshalb verlor, weil er auf dem Bildschirm im Vergleich zum jugendlich wirkenden Herausforderer alt, verschwitzt, insgesamt wenig telegen erschien. Es war der Beginn einer Entwicklung hin zur medialen Inszenierung von Politik, die in dem perfekt orchestrierten Wahlkampf von Barack Obama ihren bisherigen Höhepunkt fand.

Im revolutionären Frankreich publizierte ein Voltaire seine unliebsamen Ansichten anonym, um ohne Gefahr die Zensur zu umgehen. Heute verleiten die Gesetzmäßigkeiten der Mediendemokratie zu einer ganz anderen Art von Zensur: der Schere im Kopf. Die Gefahr, sich als Politiker durch einen unbeholfenen Auftritt, einer verfänglichen Äußerung als Person und damit als Kandidat einer Wahl, unmöglich zu machen, ist so groß, dass eigentlich kein Politiker öffentlich aussprechen würde, was er in bestimmten Sachfragen tatsächlich denkt – mit entsprechenden Folgen für den öffentlichen Diskurs. Auch diese Form der „Zensur“ könnte durch mehr Anonymität umgangen werden – im Interesse des aufklärerischen Gesprächs.

Reine Stimmen, klare Worte

Das zeigt gerade die viel gescholtene Diskussionskultur des Internets. Oft wird sie als flach und aufgrund der relativen Anonymität, welche die dort üblichen User-Namen bieten, als hemmungs- und verantwortungslos kritisiert. In vielen Fällen zu recht. Und dennoch kann man gerade wohl deshalb in vielen Foren des Netzes die Ansätze zu einer neuen Diskussionsform beobachten, eben weil die Handelnden nicht mit ihren Klarnamen als sogleich identifizierbare Personen auftreten, sondern als reine Stimmen, die durch kaum mehr als einen User-Namen ausgewiesen sind, in einem gleichberechtigten Diskurs.

Zum Beispiel werden auf der Seite der Piratenpartei, die zumindest in ihrer Nutzung des Web 2.0 zweifellos Vorreiter ist, Positionen zu Sachthemen oft vielstimmig, sachorientiert und vor allem ungewöhnlich offenherzig verhandelt. Zwischen blöden, banalen, lapidaren Kommentaren finden sich immer wieder bemerkenswert kenntnisreiche und differenzierte Einlassungen. Selbst Detailfragen werden, so sie denn nur strittig sind, in vielen Dutzend Kommentaren aufgefächert und so recht umfassend erörtert.

Man kann einwenden, dass diese Art des basisdemokratischen Diskurses Zeichen eines gleichsam jugendlichen Enthusiasmus und Ausdruck machtpolitischer Unschuld ist. Aber vielleicht ist es nur ein Hinweis darauf, dass sich die Gesetzmäßigkeiten des öffentlichen Gesprächs ändern, sobald es relativ anonym geführt wird und damit bestimmte Formen der Eitelkeit und persönlichen Abhängigkeit in ihm keine oder jedenfalls eine weniger dominante Rolle spielen. Wie im Gleichnis vom chinesischen Maler, der in seinem Bild verschwindet, würde das Ansehen der Person hinter ihren Ansichten von den Dingen zurücktreten. Geschähe dies in Zukunft häufiger, würde das der rationalen Verständigung der deutschen Gesellschaft nur gut tun.

Von Martin Simons ist kürzlich das Buch Vom Zauber des Privaten. Was wir verlieren, wenn wir alles offenbaren im Campus Verlag erschienen

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05:00 08.10.2009

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