Anonymous und Zappelphilipp

A-Z Karneval An Fasching werden die Leute einfallslos: Sie gehen als Prinzessin oder Schlumpf, weil sie das schon immer gemacht haben. Einige Vorschläge für zeitgemäße Verkleidungen

Anonymous


Anonymous – so nennt sich jene lose verknüpfte Internetgruppe, die 2008, auch ganz analog, gegen Scientology demonstrierte. Die Polizei gestattete den Demonstranten damals das Tragen von Masken, da Scientology-Mitarbeiter die Demonstranten filmten. Einer von ihnen trug die Maske, die Guy Fawkes darstellt, der wiederum 1605 das britische House of Lords sprengen wollte.

Die eingesetzte Fawkes-Maske stammt aus dem Graphic Novel V wie Vendetta – Blutrache. Eine gegenwartsbezogenere Verkleidung kann man sich schwer vorstellen: Sie ist Ende 2010 zum Erkennungszeichen der Transparenzrevolution geworden. Als Dienstleister wie PayPal und Visa Ende 2010 ihre Zusammenarbeit mit dem Whistleblowerportal Wikileaks einstellten, rief Anonymous über diverse Netzkanäle zur "Operation Payback": Deren Websites, bald auch jene der Staatsanwaltschaft, wurden lahmgelegt. Das Internet wurde mit Fawkes-Masken geflutet. Dem Jetztzeitsymbol für Kritik an Autoritäten. Klaus Raab

Avatar

Wenn blaue Gestalten mit Fangzähnen und spitzen Ohren an der Theke stehen und "Pxir rutxe" sagen, weiß der filminteressierte Wirt, was die Stunde geschlagen hat: Neytiri oder Jake Sully wollen "ein Bier bitte". Nicht wenige Avatar-Fans haben in der Hochphase der Hysterie rund um den gleichnamigen Kinofilm Na'vi gebüffelt, die Sprache des gleichnamigen Eingeborenenvolkes, die speziell für James Camerons 3D-Epos entwickelt wurde.

Und nicht wenige von ihnen werfen sich während des Karnevals in Na'vi-Klamotten. Die Regale der Kostümanbieter sind voll mit blauen Pandora-Accessoires in allen Preisklassen. Als Blaumann oder -frau hat man einen unschlagbaren Vorteil: Man sieht von vornherein so aus, wie man sich in absehbarer Zeit fühlen wird. Zudem wird Karneval für die Avatare sicherlich zu einem unvergesslichen 3D-Erlebnis. Mark Stöhr

Burger

Auch der beste Freund des Menschen bleibt in der närrischen Jahreszeit nicht vor Übergriffen verschont. Wie bei vielen Kuriositäten sind die Amerikaner auch auf dem Gebiet der Hundekostüme Vorreiter. Ein ganzer Berufszweig lebt von deren Herstellung. Eines der simpelsten, aber witzigsten ist nach wie vor der Hot Dog. Hierbei wird der Hund, der dem Snack seinen Namen gab, in ein großes Brötchen gesteckt. In Ländern, in denen Lumpi nicht auf der Speisekarte steht, kann er darüber nur leise hecheln. In Korea, Vietnam, einigen Provinzen Chinas und im Kongo ist Hundefleisch nach wie vor eine Spezialität. Das mag uns, die wir die Kläffer oft wie Kinder behandeln, barbarisch erscheinen. Andererseits würden jene Gourmets ihnen nie die Krallen lackieren oder sie für Schönheitswettbewerbe aufbürsten. Was schlimmer ist, sei dahingestellt. Ich hab‘ noch nie Hundefleisch probiert. Sophia Hoffmann

Gay Jay

Es ist ein alter Hut, dass man gerne die Kostümierung einer Berühmtheit wählt, um sich der Vorstellung hinzugeben, man sei ein Star. In Zeiten von Reality-Shows kann jede Vorstadt-Blondine mit Kunstbrüsten und jeder Maden verzehrende Posterboy, der über den Bildschirm flimmert, zum Verkleidungsvorbild werden. So gesehen kürzlich auf einer Festivität mit dem Motto: Dschungel. Man erwartet Partytiger und Lackaffen und trifft auf T-Shirts mit der Aufschrift Gay Jay oder Sarah Dingens. Mit der Adaption durch den harmlosen Partygänger werden sie schnell zu dem, was sie eigentlich nicht sind: Ikonen. SH

Lady Gaga

Für diese Frau ist das ganze Jahr Karneval. Das macht die Nach-Kostümierung schwierig. Klar, man kann als Porzellantasse durch die wilden Tage gehen oder als Discokugel. Man kann sich Hasenohren aufsetzen und eine Gardine über die Augen hängen oder sich Wunderkerzen auf die Brüste montieren. Nur, ist man dann schon Lady Gaga?

Über den Selbsthilfe-Foren im Netz steigt Rauch auf: Fans beraten Fans in Verkleidungsfragen. Einigkeit herrscht bloß in einem Punkt: Die blonde Perücke muss sein, vorzugsweise mit Pony. Ansonsten schießen Gaga-Grotesken ins Kraut: die Arme mit Paketband umwickeln und aus einem Regenschirm einen Rock basteln. Den Körper mit Kunstrasen tapezieren oder mit saftigen Rouladen. Dazu Netzstrümpfe mit riesigen Löchern. Das Idol selbst gab kürzlich bekannt, es sei in jedem Aufzug es selbst. Also dann ganz auf die Kostümierung verzichten? Karneval ist eine einzige Identitätskrise. MS

Lady Kate

Die Prinzessin ist ein Klassiker des Verkleidungswesens. Es gibt sie als Kostüm schon lange. Man kann daher kaum davon sprechen, dass die Prinzessin ein gegenwartsgebundenes Figürchen sei. Was allerdings dann doch einen enormen Gegenwartsbezug hat – und womit man sich an Fasching einen ordentlichen Distinktionsgewinn verschaffen kann –, ist die Verkleidung als Kate Middleton, die Zukünftige von Prinz William.

Zunächst einmal gilt es dabei, die Zurschaustellung von oberflächlichem Pomp zu vermeiden. Angeblich nutzt das Brautpaar nicht einmal eine Glaskutsche, um sich am Hochzeitstag durch die Gegend chauffieren zu lassen. Das Königshaus will in schlechten Zeiten wohl den Eindruck erwecken, dass Sparsamkeit ganz oben beginne. Andererseits will man im Schwanzvergleich mit den anderen europäischen Königshäusern auch wieder nicht unterliegen. Und so wird also Zeug angezogen, das zwar nicht teuer aussieht, aber es trotzdem ist. Zu finden ist das in jeder großstädtischen Boutiquenzeile. Beispiel für ein Accessoire: ein krokodilledernes Handtäschchen aus der Kollektion Victoria Beckhams, für schlappe 10.850 Euro. Ist – wirklich – unschön. Aber der Preis: toll! raa

Neandertaler

Ich gehe als ➝ Steuermann, manchmal. In Zeiten der neuesten Feminismus-Debatte gehe ich aber als Neandertaler, weil ich immer zu hören bekomme, mein Frauenbild entstamme Jurassic Park. Ein fellartiger Überwurf ist aus Plüsch, einer Fusseldecke oder einer aus den Neunzigern übrig gebliebenen Kuhfleck-Jeans rasch gefertigt. Je mehr Körperbehaarung man mitbringt, umso weniger Stoff wird benötigt. Mit geschultertem Baumstumpf stapft man so breitbeinig durch die Landschaft, wie Mann das aus dem Alltag auch gewöhnt ist – bei Bedarf noch einmal die Herkules-Filme konsultieren und sich dort den Macho-Gang abschauen. Kratzen im Schritt ist ein Muss, das Sprechen in ganzen Sätzen sollte man begrenzen. Der Griff zum fremden Po allerdings kann ungeahnte Konsequenzen haben, wenn verschiedene Zeitalter sich begegnen. Tobias Prüwer

Pirat

Der Pirat ist neben Ritter, Cowboy und Prinzessin (➝ Lady Kate) eine der zeitlosen Faschingsfiguren. Während Letztere im real life weitgehend ausgestorben sind, hat der Pirat wieder Konjunktur. Eine Relevanzdebatte führen seit den frühen Neunzigern Seeräuber vor der Küste Somalias. Diese resultierte im "ersten Piratenprozess seit 400 Jahren" (taz, 2010). Vorgeworfen wird den Angeklagten, einen Frachter mit Maschinenpistolen und Raketenwerfern beschossen und später geentert zu haben.

Gesitteter ist die deutsche Piratenpartei, die 2009 zum ersten Mal auf einen Einzug in den Bundestag hoffte. Trotz grandioser Twitter-Prognosen scheiterte sie mit 2,0 Prozent der Stimmen dann daran, das Parlament zu entern. Derzeit wird für das Landtagswahljahr 2011 aufgerüstet, man bleibt aber von Skandalen nicht verschont. Denn wer die Änderung des bestehenden Urheberrechts fordert, muss mit Nestbeschmutzern und dem einen oder anderen Missverständnis rechnen. So ist Piraten-Vize Andreas Popp auf der Partei-Website bemüht zu erklären "warum Guttenberg kein Pirat ist".

Die Mythen des Piratentums trifft man übrigens auch in der Redaktion des Freitag an: Seeräuber-Jenny aus Brechts Dreigroschenoper gab dem internen Netzwerk seinen Namen. Nico Schmidt

Polizist

Wer sich in Köln, Düsseldorf, Mainz oder in einer der anderen selbsternannten Karnevalshochburgen am bevorstehenden Wochenende einen Weg durch die Heerscharen von Bierleichen bahnt, könnte in diesem Jahr verstärkt über Polizisten im Vollrausch stolpern. Ist die Anarchie unter den Amtsträgern ausgebrochen? Nein, es handelt sich nur um die Faschingsmode der Saison: Polizeiuniformen.

Das behaupten zumindest Trendbeobachter. Zwar sind originalgetreue Dienstbekleidungen immer noch verboten, auch solche, die schon längst nicht mehr in den Spinden der aktuellen Belegschaft hängen. Doch die Karnevalsausrüster behelfen sich eben mit Kollektionen, die mehr in Richtung US-amerikanischer Cops gehen. Und die verkaufen sich offenbar wie handwarmes Kölsch.

Fragt sich nur, warum sich ausgerechnet Polizisten in diesem Jahr so großer Beliebtheit erfreuen. Weil sie sich in letzter Zeit in Stadtparks (➝ Wutbürger) und auf Eisenbahnschienen wieder als ganze Kerle profilieren durften und nicht mehr wie in den Jahren zuvor die Weicheier auf Deeskalationskurs spielen mussten? Möglicherweise. In Hamburg wurde ja auch jüngst ein Mann zum ersten Bürgermeister gewählt, für den früher der Einsatz von Brechmitteln ein probates Instrument bei der Verfolgung von Kriminellen aller Art war. Damit war er immerhin schon ganz nah dran am Karneval. MS

Steuermann

Ich gehe, wenn ich nicht als ➝ Neandertaler gehe, als Steuermann, denn: "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt. Und das bin ich", wie Guido Westerwelle auch den karnevalistischen Kurs vorgibt. Schließlich sitzen ja alle in einem Boot, und der Steuermann muss nie in die Takelage krabbeln. Wie man sich dabei kleidet, ist nicht so wichtig: Den Steuermann kann man in der nautischen Offiziersuniform, im Alpha-Mädchen-Hosenanzug und im adlig-adrettem Zweireiher verkörpern. Hauptsache, man strahlt jene Eloquenz und Eleganz aus, welche die Würde des Amts mit sich bringt.

Mit kameradschaftlichem, aber kaltschnäuzigem Auftreten, das keinen Widerspruch duldet, gibt man Anweisungen in alle Richtungen, ruft ohne Rückfrage den Zapfenstreich aus, ordert noch am Buffet den Tanzpartner und weist mit permanenten Kommandos darauf hin, dass das hier kein Kindergeburtstag auf einem Segelbötchen ist. TP

Terrorist

Eigentlich dachte ich immer, Kinder möchten sich vor allem als ➝ Piraten, Flugkapitäne, Harry Potter oder höchstens noch als Obi Wan Kenobi verkleiden. Ich war deshalb ziemlich überrascht, als ich dieses Mal zu hören bekam: "Ich geh als Terrorist." Aha, dachte ich, das ist nun wirklich der definitive Endpunkt eines Phänomens, das in den siebziger Jahren die Republik in Aufruhr versetzt hatte, für das sich in den vergangenen Jahren aber nur noch Drehbuchautoren, Spiegel-Redakteure, Michael Buback und Prada interessierten. "Man muss sich anziehen wie ein Ausländer", wurde mir erklärt. Erst glaubte ich, die internationale Variante des Terroristen sei gemeint, sozusagen die islamistische Version. Gemeint waren aber: Touristen. Es war ein Missverständnis. Am Ende hat er sich doch noch umentschieden. Schwarze Sturmhaube, schwarzer Rollkragen, dazu eine Pistole. Er möchte kein Terrorist sein. Er ist jetzt lieber ein Bankräuber. gras

Wutbürger

Es gibt eine Faschingstradi­tion: Kritik an den Regierenden. Dieses Ritual, zu bewundern etwa im Rahmen von Karnevalsumzügen, wirkt heute etwas idiotisch angesichts der Tatsache, dass es das ganze Jahr über intelligentere Möglichkeiten für Kritik an den Regierenden gibt. Trotzdem ist die Verbindung von Kostümierung und Protest spätestens seit dem Narr, der den König kritisieren durfte, vorhanden. Zuletzt war es der Clown, der nicht nur auf Prunksitzungen, sondern auch auf jeder hegemoniekritischen Demonstration herumturnte. Irgendwie ist der Clown aber derzeit verschwunden hinter neuen Protestfiguren wie ➝ Anonymous oder dem Wutbürger. Wie verkleidet man sich als Wutbürger? Es genügen Multifunktionsjacke und Rucksack. (Korrekte Antwort an ➝ Polizisten, die blöd fragen, warum man unverkleidet sei: "Ich bin das Volk.") raa

Zappelphilipp

"Ob der Philipp heute still / Wohl bei Tische sitzen will?" 2011 kann man Zappelphilipp so übersetzen: Hat mein Kind ADHS, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung? Dann bekommt es Diät. Bei der wird auf allergieauslösende Stoffe verzichtet, und das lindert die Unruhe. ➝ Lady Kate kann einen beim Fasching dann doch wieder nervös machen. Und da gibt es nur eine passende Maske. Maxi Leinkauf

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16:00 03.03.2011

Ausgabe 42/2021

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