Anruf

Kehrseite III Ich stelle mein Telefon so ein, dass es meine Nummer nicht zeigt, dann rufe ich ihn an. Eine Frauenstimme am anderen Ende sagt: "Hallo". Ich frage ...

Ich stelle mein Telefon so ein, dass es meine Nummer nicht zeigt, dann rufe ich ihn an. Eine Frauenstimme am anderen Ende sagt: "Hallo". Ich frage nach ihrem Namen, sie fragt nach meinem, ich frage nach ihm, im Antworten sind wir beide schlecht, schon mal eine Gemeinsamkeit. Ich und die Frau ohne Namen schweigen eine Weile, dann Rauschen im Telefon, dann Flüstern, dann sagt er: "Hallo". Ich antworte: "Hallo", nur so aus Reflex und weil es schön ist, seine Stimme zu hören und weil ich so schnell zu dem Entschluss kommen konnte, dass es gescheiter gewesen wäre, aufzulegen. Schließlich ist keine Antwort auch eine Antwort und erst recht, wenn sie von einer Stimme gegeben wird, die nicht seine ist, während auf meinem Telefon steht, dass er mit mir spricht, auch wenn sie nur "Hallo" sagt, aber meistens ist ein Wort viel aussagekräftiger als ein Paar Worte, eine Wortfamilie, ein Heer von Worten. Doch ehe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht habe, ist eine Wortmannschaft losgeschickt durch die Leitung, viele kleine Kampfworte, solche mit winzigen unsichtbaren Pfeilspitzen, gereiht zu Sätzen, die Stimme am Satzende erhoben, also Fragen. Etwa, wie ihr Name sei, ich müsse sie doch wenigstens beim Namen nennen können, so persönlich müsse es doch sein, wenn sie schon an sein Telefon geht. Er antwortet nicht, ich frage, seit wann er sie kennt, weil er in Zahlen besser ist, als in Worten, aber er sagt: "Ähm" und "Ach" und "Weißt du", und weil ich nicht weiß, frage ich: "Wie lange denn nun", und er sagt: "Ähm, na eine Weile", ich frage nach Zahlen und er sagt: "Zwei." Ich frage: "Jahre? Nächte? Wochen?" Er sagt nichts mehr, nur dass der Augenblick nicht günstig sei. Mein Blick streift den Blumentopf auf der Fensterbank, die Erde ist so trocken, dass sie aufspringt, ich muss sie unbedingt gießen und denke: das wäre ein guter Augenblick, ein längst überfälliger nochzumal, der bestmögliche. Diese Schlussfolgerung spreche ich aus, er fragt, was ich heute getrunken habe, ich sage: "Milchkaffee zum Frühstück mit Micha, dann eine Flasche Wasser mit nichts drin." Daraufhin legt er auf.

Katrin Marie Merten wurde 1982 geboren, sie lebt in Leipzig. Sie schreibt Lyrik, Prosa und journalistische Beiträge für diverse Literaturzeitschriften und Zeitungen.


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00:00 25.05.2007

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