Anruf nicht gestattet!

Telekom Störung Wegen einer Software-Panne hatten T-Mobile-Kunden am Dienstag kein Netz. Für die meisten eine lebensweltliche Katastrophe, für andere ein kurzer, persönlicher Glücksfall

Die kollektive Katastrophe

Der Skandal machte sich mit einem grausamen Geräusch bemerkbar: "Tut, tut, tut". Wer am Dienstag spätnachmittags zu einem anderen Menschen über Mobilfunkverbindung des Anbieters T-Mobile Kontakt aufnehmen wollte, bekam dieses Geräusch zu hören. Das Besetzt-Zeichen – eigentlich ein Relikt einer anderen Zeit, in der Drehscheiben-Telefone und analoge Leitungen Gespräche zwischen Menschen ermöglichten. Ach, wie, der telefoniert? Mit wem? Warum so lange? Wie oft muss ich noch versuchen, durchzudringen? Diese Fragen stellen sich längst nicht mehr.

Heute klopft jeder Anrufer erstmal grundsätzlich an, egal ob der Empfänger sein Gerät benutzt oder nicht. Der wiederum hört das Zeichen der Kontaktaufnahme, unterbricht das Gespräch und redet auf zwei Leitungen oder ruft in jedem Fall aber gleich zurück, da alle Daten immer und auf jedem Handy übermittelt werden. Die absolute Erreichbarkeit hat so gesehen ihren Segen: Das Schweigen einer erfolglosen Kontaktaufnahme bleibt meist aus.

Nur am Dienstag, da passierte die Katastrophe der modernen zwischenmenschlichen Beziehungswelt: Stundenlang waren die Leute nicht erreichbar. Stundenlang sendeten ihre Handys Botschaften zurück, die technisch korrekt sein mögen, menschlich genauso grausam wie das Tut-Tut-Tut: "Verbindungsaufbau, aktive Weiterleitung, Anruf erfolglos", "Anruf nicht gestattet", "Teilnehmer nicht erreichbar". Das Unmögliche war Realität geworden: Ohne sich abzumelden, ohne plausiblen Grund verweigerten sich die Gesprächspartner und das in einer Perma-Ansprechbar-Epoche. Wenn eine Katastrophe als Einschnitt und tiefgehende Erschütterung der bestehenden Ordnung begriffen wird, dann war sie nun perfekt. Denn jeder ist heute nicht nur allzeit erreichbar, jeder hat es auch zu sein. Eine Absicherung gegen die Entwicklung, dass die Kontakte immer flüchtiger und unverbindlicher geworden sind.

Zum Glück gibt es aber noch die anderen, sendenden und empfangenden Medien, Radio, Fernsehen und Internet, die das individuelle Schweigen eines Telefons als kollektiv betreffende und technisch rational erklärbare Störung wahrnehmen lassen. Bereits in den Abendnachrichten meldeten sich all die besorgten und aufgeregten Menschen zu Wort mit ihrem Leid, verursacht mal wieder durch die Telekom - gut 40 Millionen mit T-Mobilfunkvertrag waren betroffen. Nur eine, und das sollte dann in jeder Katastrophe wohl beruhigen, ist nach dem Ergebnis sofortiger Recherchen von Journalisten allzeit erreichbar, auch in diesen gestörten Zeiten: Angela Merkel, die Queen-of-Handy-Kanzlerin.

Susanne Lang

Ein persönlicher Glücksfall

Ich habe am Dienstnachmittag keinen dringenden Anruf erwartet. Ich wollte auch niemanden auf dem Handy erreichen und keine dringende SMS schreiben. Deswegen erfuhr ich von der T-Mobile-Panne erst aus den 19-Uhr-Radionachrichten. Die erste Reaktion war Erleichterung. Es war dieses Gefühl, einmal wieder ganz für sich zu sein. Nicht durch ein rechteckiges, permanent funkendes Kästchen verbunden zu sein mit all den anderen Handy-Nutzern, also mit praktisch jedem. Es war ein schönes Gefühl, ein Stück Freiheit. So gesehen, dauerte die Panne eigentlich nicht lang genug.

Aber die paar Stunden waren ausreichend, um einen an jene Zeit zu erinnern, in der man beim Verlassen der Wohnung noch nicht automatisch neben dem Griff zu Wohnungsschlüssel und Portemonnaie auch noch das Handy einsteckte. Als man sich noch traute, nicht erreichbar zu sein. Ja, es gab ein Leben vor dem Mobilfunktelefon. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, auch daran, wann die im Rückblick so leicht erscheinende Zeit endete – und wer schuld daran war.

Es war vor sieben Jahren, während meines Hauptstudiums. In meinem Freundeskreis gab es schon viele Handybesitzer, ich empfand das aber als Wichtigtuerei. Welcher Student musste damals schon dauernd erreichbar sein? Dass die handylose Zeit bald ein Ende nehmen würde, merkte ich, als ich ein Praktikum beim ZDF in Berlin begann. Die erste Frage, die mir dort gestellt wurde, war jene nach meiner Handy-Nummer. Ich erinnere mich an das ungläubige Staunen der Sekretärin, als ich ihr antwortete, ich besitze kein Mobiltelefon.

Beim ZDF ist man aber natürlich für alle Eventualitäten gerüstet, und so wurde mir erklärt, dass es ein Haus-Handy gebe, welches man sich bei wichtigen Terminen ausleihen könne. Einmal bekam ich das Gerät auch, um bei einem Dreh für die Redakteure erreichbar zu sein. Als ich es ein zweites Mal brauchte, erklärte mir die freundliche ZDF-Handy-Verleih-Frau aber, dass es nicht da sei. Peter Hahne, der notorische Gute-Laune-Bär des Hauses, hatte es ausgeliehen. Auch in den nächsten Wochen hatte ich kein Glück mit dem Haus-Handy. Immer wieder wurde mir gesagt: "Das hat der Herr Hahne noch." Schließlich gab ich auf und kaufte mir selbst ein billiges Kartenhandy. Peter Hahne hat wohl nie davon erfahren, dass er außer der Schuld für ein paar grauenhafte Bücher auch noch die Verantwortung dafür trägt, dass ich seit sieben Jahren nun funkende Kästchen mit mir herumtrage. Woran einen eine T-Mobile-Panne doch alles erinnern kann.

Jan Pfaff

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