Ans Ungeheuer

Epos Stefano D’Arrigos grandiose Leidenssymphonie „Horcynus Orca“ galt als unübersetzbar. Moshe Kahn hat das Unmögliche vollbracht
Lennart Laberenz | Ausgabe 14/2015

Es ist eine Sensation, und sie beginnt so: „Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose ’Ndrja Cambrìa, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.“ Vier Tage und doch das Kaleidoskop eines ganzen Lebens: Horcynus Orca von Stefano D’Arrigo, exakt 40 Jahre nach seinem endgültigen Erscheinen ins Deutsche übertragen – und damit erstmals überhaupt aus dem Italienischen übersetzt –, ist ein gewaltiges Nachglimmen der vergangenen Epoche der literarischen Moderne; ein Werk, das sich neben Ulysses, dem Mann ohne Eigenschaften oder Moby Dick einordnet. Ganz oben auf dem Postament.

Vor allem aber ist Horcynus Orca die Suspension von Realität: In der Sprache von D’Arrigo (und immer auch der brillanten Transliteration und Nachdichtung von Moshe Kahn) wird die Welt des Oberbootsmanns flüssig. Erzählung und Erzähl-Sprache schwappen, rollen meergleich zwischen Skylla und Charybdis, zwischen Sizilien und Kalabrien, ziehen sich zurück, gurgeln Erinnerungen und Episoden aus der Vergangenheit hervor, schwemmen Beobachtungen und Mythen der Meerenge an, umspülen plastisch die Armut und die Gewalt des Krieges, die Sonnenhitze, den Schirokko. Es wogen heran: seltsame Figuren, versprengte Soldaten, Strandläufer, Frauengestalten, die oft zwischen realen Figuren und mythischen Wesen changieren. Auf Tage und Wochen suspendiert sich so vor allem auch die Realität des Lesers, der mit D’Arrigo und Cambrìa auf Reisen geht.

Da sitzt man dann, und eine seltsame Stimmung hat sich breitgemacht, die Sprache von Zeitungen und Alltagsliteratur scheint fade gegenüber dem, was sie abbilden und erzählen will. Denn D’Arrigos Sprache allein ist ein Ereignis: 1919 in Messina geboren, wollte er den Klang seiner Kindheit wiederaufleben lassen. So ist das Sizilianisch durchtränkt von rund 2.000 Neologismen – von D’Arrigo handgezählt – und changiert gleichzeitig ins kultivierte Italienisch: ein Pastiche, eine Hypersprache, selbst für viele Italiener schwer zugänglich.

Und ein Spektakel ist auch die Entstehungsgeschichte, selbst wer sie kursorisch überblickt, versteht, dass es sich hier um ein Unterfangen aus Zeiten handelt, in denen Literatur noch ernsthaft betrieben wurde und kein Geschäft war: 1960 veröffentlichte D’Arrigo 100 Seiten aus einem ersten Konvolut in der Literaturzeitschrift Il Menabò, 600 Seiten druckte Italiens renommiertester Verlag Mondadori und gab sie, verbunden mit einem monatlichen Salär, zur Fahnenkorrektur an D’Arrigo zurück. Aus der Korrektur wurden etwas weniger als eineinhalb Jahrzehnte, die D’Arrigo größtenteils unter Wäscheleinen verbrachte – er hatte sie durch sein Arbeitszimmer gespannt und daran die einzelnen Druckfahnen aufgereiht, untenan klebte er seitenweise Ausführungen, daneben immer wieder Einschübe, ein ganzer zweiter Teil wuchs heran. Als der Roman 1975 schließlich erschien, hatte D’Arrigo zwei Jahrzehnte daran gearbeitet. D’Arrigo, heißt es, sei noch bei der Veröffentlichung mit dem poetischen Sizilianisch unzufrieden gewesen, es kam ihm verbesserungswürdig vor.

Hinterlistige Delfine

In der deutschen Druckfassung umfasst der Roman knapp 1.500 Seiten. Ein Werk, dass sich der Zusammenfassung verwehrt. Versuchen wir es so: drei Teile mit zusammen 50 einzelnen Episoden – nicht unähnlich dem Don Quijote –, zunächst ein Fußmarsch auf der kalabrischen Seite bis zum Landstrich der Feminoten. Der Kern des Romans ist das Streifen des Protagonisten durch eine vom Krieg aufgelöste Realität. Schon hier begegnet ’Ndrja Cambrìa auch der Fere, dem wilden, ungezähmten Biest, den Delfinen in der Meerenge – im Gegensatz zum freundlichen Bild, das wir uns heute von den Tieren machen, sind sie für die Handarbeiter der Meere, den Pellisquadre, hinterlistige Gestalten: grausam, tückisch und obendrein kaum genießbar. In schlimmen Zeiten lachen sie taghell über das Wasser, spotten und können allenfalls mit Starkessig zu Dörrfleisch verarbeitet werden.

Schließlich schafft es ’Ndria entgegen aller Vorhersagen nach Sizilien, herübergeschifft von einer mythischen Frau, Hure, Schmugglerin, Geistbeschwörerin, deren im Zopf verflochtene Glocke noch lange nachklingelt: „Er hörte es wieder und wieder und hörte es weiterhin oder dachte, es zu hören, in seinem Ohr, drinnen, eingemuschelt, tonlos, als müsste er es nunmehr sein Leben lang hören.“ Das Klingeln – vielleicht ist es die Warnglocke der Differenz, die sinnliche Erinnerung, dass nichts mehr so sein wird, wie zuvor. Im zweiten Romanteil trifft ’Ndrja den Vater auf Sizilien, das Leben ist allerdings zu einer vielgestaltigen Katastrophenvision geronnen, nicht nur sind alle Fährboote versunken, sondern eben auch das Leben der Pellisquadre: ’Ndrja findet unter ihnen kaum mehr als Hunger und Angst. Und eine Armut, in die sich Landstriche Italiens heute scheinbar wieder zurückentwickeln. Die Pellisquadre halten sich an die poetischen Mythen, fischen dagegen ganz handfest mit Handgranaten.

Der Grund- und Orgelton

Am Ufer säbeln Frauen an den verwesenden Karkassen der Feren herum – der Krieg hat auch den Ethos zerrissen. ’Ndrja findet im Schilf der Insel ein Totenbild: Flaksoldaten sitzen um das zerschossene Festmahl eines Ferenkopfes, ein Anblick, den ’Ndrja als Metapher für die Insel entschlüsselt: „Der Sinn, ihr Sinn war, dass sie, wenn sie in diesem Tempo so weitermachten, in jeder Familie von Charybdis am Ende mit dem Tod in der Mitte des Tisches tafelten, dem Tod in Gestalt der Fere.“

Tod und Leiden sind, wie Moshe Kahn feststellt, „der Grund- und Orgelton“ der Symphonie des Horcynus Orca, und der Reigen der Delfine selbst ist – wie auch der Mensch – ihre Verkörperung, als „Ungeheuer von riesigen Ausmaßen von Wildheit und von Intelligenz, allesamt einzigartige Tiere, und ihre beeindruckende Einzigartigkeit begann damit, dass sie halb wie Fische und halb wie Menschen atmeten, und als würden sie infolge dieser Tatsache, dass sie Warmblüter waren, nichts anderes tun, als sich angreifen, zerfleischen, bekämpfen und auch gegenseitig auffressen“.

Und wenn ’Ndrja schließlich dem Orca gegenübersteht, eine Predigt an Ungeheuer und Meer hält, zeichnet sich ab, was im letzten Teil des Romans eintritt: sein eigener Tod auf der See. Damit ist auch die Suche nach der alten Welt abgeschlossen, ein Schlusspunkt unter das düstere Epos gesetzt, das hoffentlich auch in Italien bald wieder neu entdeckt wird.

Info

Horcynus Orca Stefano D’Arrigo Moshe Kahn (Übers.), Fischer 2015 , 1.471 S., 58 €

06:00 15.04.2015

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