Anschmeißer, Nutznießer

Zeitschriftenschau Kolumne

In den vergangenen drei Jahrzehnten war Carl Zuckmayer - einer der vitalsten und auch erfolgreichsten deutschen Schriftsteller besonders vor und nach dem Zweiten Weltkrieg - in der intellektuellen Öffentlichkeit so gut wie passé. Die tonangebenden Rezensenten besprachen ihn von oben herab, mit schneidender Arroganz; Theaterregisseure versagten seinem Werk den Respekt, verspotteten und verhunzten seine Stücke oder man überließ sie gleich den rheinhessischen Laienspielgruppen. Bis endlich Gunther Nickel, Johanna Schrön und Hans Wagener mit unbekannten Zuckmayer-Texten auftraten, die zwischen 1943 und 1949 entstanden waren, zwei Großdossiers, die eine ganz unerwartete Aufmerksamkeit erregten - der 2002 veröffentlichte Geheimreport über die innerdeutsche Künstlerszene im Dritten Reich und der 2004 erschienene Deutschlandbericht für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika (Freitag 35/2002 und 7/2005).

Auch das 1998 gegründete Zuckmayer-Jahrbuch trug zu einer neuen Sicht auf das Gesamtwerk des Schriftstellers bei, ja es wurde zu einem Medium seiner Rehabilitation. Der jüngst erschienene Band ist fast 500 Seiten stark und umfasst materialreiche Beiträge etwa zum Briefwechsel zwischen Zuckmayer und dem berühmten Naturforscher Konrad Lorenz, zu Zuckmayers Freundschaft mit der Schauspielerin Hildegard Knef und zu seiner Begegnung mit Thomas Mann im amerikanischen Exil, wobei ihre konträren Positionen zu Deutschland nach 1945 hervortraten.

Einleitend dokumentiert und kommentiert Gunther Nickel den Briefwechsel zwischen Carl Zuckmayer und Alexander Lernet-Holenia. Dieser heute ziemlich vergessene Erbe des "alten Österreichs" war - geboren 1897 - mit Zuckmayer fast gleichen Alters und hat ein ansehnliches Werk hinterlassen, das von der reinsten Lyrik (in Rilkes Ton) bis zum leichten Salonstück und zum verfilmten Militär- oder sogar Fortsetzungsroman reicht; ein eleganter Salonlöwe, der die Provokation liebte. So hat er 1972, als Präsident des österreichischen PEN-Clubs, gegen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Heinrich Böll protestiert.

Der Briefwechsel beginnt 1933 und endet 1976, im Todesjahr Lernets, der während der Nazi-Zeit in Österreich ausharrte, doch sich mit keiner Zeile kompromittiert hat. Insgesamt haben sich 133 Briefe erhalten; zwischen 1939 und 1946 klafft eine Lücke. Das "Aussparen heikler Themen" ist - so Nickel - ein Charakteristikum (nicht nur) dieser vertraulichen, oft liebevollen Korrespondenz: "Mein großer roter Bruder" oder "Geliebter Alexander!" spricht man sich wechselseitig an. Seit Mitte der fünfziger Jahre polemisierte besonders Lernet-Holenia gegen die neuen Tendenzen in der Literatur, die "allen Bezug zum Elementaren" verloren habe. Die Gruppe 47 gab nun den Ton an, während Autoren wie Lernet und Zuckmayer als unzeitgemäß galten. Ihr Briefwechsel diente seither immer mehr der gegenseitigen moralischen Unterstützung.

Über die Entstehungsgeschichte und die öffentliche Reaktion auf Zuckmayers verspätet erschienenen Geheimreport berichtet Erwin Rotermund. Im Auftrag des US-Geheimdienstes verfasste der Emigrant 1943/44 rund 150 meisterhafte Porträts von Schriftstellern, Publizisten, Verlegern sowie Theaterleuten in Hitlers Reich, möglichst genaue Charakterstudien, die häufig auf einer persönlichen Bekanntschaft mit dem Beurteilten fußten. Die meisten Berichte sind von Großzügigkeit und Versöhnungsbereitschaft bestimmt, negativ gesehen wird nur die Gruppe der "Verräter", der "Nazis, Anschmeißer, Nutznießer." Hat Zuckmayer so - hier wie auch in seinem Deutschlandbericht - die schuldbefleckten Deutschen allzu wohlwollend, zu nachsichtig behandelt, wie es ihm bis heute von politisch korrekter Warte aus angelastet wird? Er sah in ihnen zu keiner Zeit ein insgesamt schuldiges "Mördervolk" und differenzierte zwischen Gut und Böse in der Rolle des Mittlers. In seinem Optimismus hielt Zuckmayer vor allem die deutsche Jugend für "rettbar" und eine Aussöhnung in Europa zumindest für möglich.

Bedarf es wirklich einer neuen Homer-Übersetzung? Gibt es deren nicht genug, seit Johann Heinrich Voß die seine vor über 200 Jahren vorgelegt hat? 1794 fuhr er nach Weimar, um Goethe, Herder und Wieland aus seiner Ilias und seiner Odyssee vorzulesen, und fand in ihnen ebenso überraschte wie begeisterte Zuhörer. Er glaube Homer selbst zu hören, befand Herder, auch Goethe sprach von einer "so homerischen Wortfolge", die gleichwohl so deutsch, so kindlich einfach wäre. Damit war Voß auch als Dichter ein anerkannter Mann.

Raoul Schrott indes, erfolgreicher Lyriker, Erzähler und habilitierter Philologe, der bereits Derek Walcott, Joseph Brodski und das mesopotamische Gilgamesch-Epos übertragen hat, ließ sich vom Hessischen Rundfunk zu einer neuen Fassung der Ilias bewegen, deren erster Gesang nun im Juniheft der Akzente zu überprüfen ist. Man weiß ja, dass Schrott Übersetzen als Nachdichten begreift, als Hinüberziehen des Fremden in die eigene Sprache, in eine heutige Form. Und in der Tat: Seine Version der Ilias ist gut verständlich, kräftig bewegt, ebenso entstaubt wie spannend zu lesen, an Alltagswendungen und drastischen Vokabeln nicht sparend, gelegentlich auch witzig, wenn etwa Achilleus den Agamemnon beschimpft: "du saufkopf! geil wie ein köter, auf einen knochen aus - / sonst aber den schwanz einziehen!"

In einer längeren Vorbemerkung grenzt Schrott sich von Voß und dessen Nachfolgern ab: Sie befleißigten sich eines Deutschs, "das wieder zurück ans homerische Ufer will." Ihr Vokabular sei antiquiert, in Formeln erstarrt. Gerade die hexametrische Form zwinge dem Text "eine Syntax voller Inversionen, Elisionen, Ellipsen, Genitive und falscher Idiome" auf. Deshalb habe er, Schrott, den griechischen Hexameter durch freiere und flexiblere Rhythmen ersetzt.


Carl Zuckmayer-Jahrbuch: Band 8, (Wallstein, Göttingen 2006, 488 S., 38 EUR

Akzente: Heft 3, 2006. Hanser, München 7,90 EUR


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00:00 21.07.2006

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