Ansturm aus dem Norden

Die Unmöglichkeit des Epischen Ein unbekannter Faulkner-Text auf Deutsch und ein deutsch retuschierter amerikanischer Süden

Im Jahr des hundertsten Geburtstags William Faulkners, 1997, wurde zwar brav und jubiläumsroutiniert an den Autor von "Schall und Wahn" erinnert, doch verbergen ließ sich dabei nicht, dass Faulkners einstmals von Lesern und Schriftstellern verschlungenes Werk den Leuten nicht mehr viel bedeutet. So ist die im Faulkner-Jahr auf deutsch erschienene, sich an Faulkner wie an einem beunruhigenden Zeitgenossen leidenschaftlich reibende Studie des schwarzen Schriftstellers Édouard Glissant, Faulkner, Mississippi, nicht einmal beiläufig zur Kenntnis genommen worden. Wird es der hier anzuzeigenden Neuerscheinung besser ergehen? Immerhin handelt es sich um einen zum ersten Mal in deutscher Sprache zugänglich gemachten späten Faulkner-Text, der allerdings auch in den USA selbst nur wenig Beachtung fand. Mississippi ist die im Typoskript 36 Seiten starke Arbeit überschrieben, die Anfang der fünfziger Jahre von der Zeitschrift Holiday in Auftrag gegeben und dort, mit Fotos reich illustriert, 1954 veröffentlicht wurde.

Der Publikationsort lässt etwas Reportageähnliches erwarten, ein eher journalistisches Porträt des mittleren amerikanischen Südens, dem Faulkner entstammte und in dem der "Yoknapatawpha County" genannte Schauplatz seiner großen Romane angesiedelt ist. Leserinnen und Lesern begegnet jedoch ein außerordentlich kompakter und komplexer literarischer Text, der, Faulkners fiktive Snopes- und Compson-Clans wie historische Figuren behandelnd, Geschichtsschreibung, Autobiographie, epische Fiktion und Gesellschaftskritik ineinander verzahnt. In die Augen springt eine drängende Textbewegung, die sich beim Fortgang der Lektüre als Form der Mimesis an die gewalttätigen Bewegungen enthüllt, denen das Land ausgeliefert war. Das Hochwasser des Mississippi, das weite Landstriche überflutet, hat jedoch nicht nur zerstört, sondern auch fruchtbar gemacht und die belebende Illusion hervorgerufen, wieder von vorn beginnen zu können; der Ansturm aus dem Norden dagegen, der dem militärischen Sieg über die Südstaaten-Konföderation folgte, der Andrang jener nach ihren eigenartig gemusterten Reisetaschen "carpet-bagger" genannten, aus dem Norden eingefallenen Geschäftemacher, die das Land kapitalistisch umkrempelten und ausnahmen, bildet sich in Faulkners Text als gegenläufige Bewegung ab, die Mississippi mit einer untergründigen Spannung auflädt.

Einen "zentralen Text" Faulkners nennt Roland Reuß, Übersetzer, Kommentator und Mitherausgeber der bei Stroemfeld erschienenen deutschen Ausgabe, Mississippi und vertritt unter Hinweis auf Briefäußerungen des Autors die Ansicht, dass der Text als Ersatz für die Memoiren zu betrachten ist, die Faulkner zur Entstehungszeit von Mississippi zwar angekündigt, aber nie geschrieben hat. Wie dem auch sei, Faulkner-Lesern wird mit diesem liebevoll hergestellten, großformatigen, die deutsche Übersetzung Seite für Seite neben das Faksimile des Original-Typoskripts stellenden Band ein literarisches und bibliophiles Kleinod angeboten. Dass die Übersetzung kleinere Unsauberkeiten enthält - von "etwas für seinen süßen Zahn" ist die Rede, wo "etwas Süßes unter die Zunge" gemeint ist - fällt angesichts der Möglichkeit unmittelbarer Überprüfung am englischen Text nicht weiter ins Gewicht. Zusammen mit einem Glossar liefert das Nachwort nützliche Lesehilfen.

Faulkners Mississipi lässt sich, wie Faulkners Werk insgesamt, als Beleg für Heiner Müllers Behauptung anführen, dass bedeutende Kultur immer nur aus Niederlagen kommt, in diesem Fall der Niederlage des konföderierten Südens. Die von Roland Reuß im Nachwort geäußerte Ansicht, deutsche Identifikation mit Siegern sei trotz eigener Niederlagen für das auffallende deutsche Desinteresse an Faulkner verantwortlich, steigt dennoch etwas zu tief zu den geistesgeschichtlichen Müttern hinab. Die Gegenprobe liefern französische Schriftsteller, die, Angehörige einer siegreich aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangenen Nation, und zwar so unterschiedliche Autoren wie Jean Giono und Jean-Paul Sartre, in den dreißiger Jahren förmlich auf Faulkner flogen. Sehr viel mehr leuchtet Reuß´ These ein, wonach es vor allem der "durch das Fernsehen konditionierte Wunsch nach einfachen Erzählperspektiven" ist, der, zusammen mit einer sich mit dem Fernsehen rückkoppelnden marktgängigen Erzählliteratur, den Zugang zu Faulkners Schreibweise verbaut. Seine Romane sind, heißt es in Édouard Glissants Faulkner, Mississippi, "ein einziges Nachdenken über das Problem der Unmöglichkeit des Epischen in unserer Zeit." Solches Nachdenken stört jedoch die Geschäfte einer mehr denn je nach dem Markt schielenden Literatur und wird deshalb beiseitegeschoben.

Hinzu kommt als Hindernis, wie Reuß zu Recht bemerkt, ein medienvermittelt versimpeltes Amerikabild, das zwischen Ost- und Westküste keine Zwischenräume kennt und deshalb keinen Platz mehr hat für Faulkners ländlichen Süden. Dem Trend widersetzt sich immerhin ein jüngerer deutscher Schriftsteller, Michael Roes, der unter dem Titel Haut des Südens einen Bericht von einer Reise durch das Herkunftsland William Faulkners und Mark Twains vorgelegt hat. Eine mit den Sinnen zu ertastende Haut zeigt der Süden in diesem Buch aber gerade nicht; der Autor hat sie ihm bereits abgezogen, wenn er dem Land zu Leibe rückt, was er vorführt, sind Skizzen von Knochenbau, Muskulatur und Eingeweiden. Die meisten dieser Innereien sind aus Büchern herausgeschnitten.

Wer von Twain und Faulkner und auch von Melville wenig bis nichts weiß, erhält auf diese Weise einige Leseanregungen, die möglicherweise auf die zitierten Bücher neugierig machen. Als Reisebericht allerdings bleibt das Buch enttäuschend blass. Was Octavio Paz seinerzeit an Sartre auszusetzen hatte: "Er war ein schlechter Reisender. Er hatte zuviele Meinungen", das trifft ebenso auf den Reisenden Roes zu. Weil er von vorneherein weiß, was er sehen und hören will und was davon zu halten ist, sieht und hört er nicht viel. Was der vom Autor hochgeschätzte und ausführlich zitierte Herman Melville, der in New York aufwuchs und starb, mit dem Süden zu tun hat, abgesehen davon, dass er die Sklaverei verabscheute, wird allerdings nicht recht klar. Von dem gebürtigen Southerner Mark Twain hat Roes keine gute Meinung und findet das beim Besuch von Twains Geburtsort Hannibal auch erwartungsgemäß bestätigt. Ein Aufenthalt in Faulkners Oxford gibt ihm Gelegenheit, die früheren Kämpfe gegen die Rassentrennung und die Ermordung Martin Luther Kings in Memphis zu erwähnen und nebenbei durchblicken zu lassen, dass der gefeierte Faulkner in Gleichheitsfragen als politically uncorrect zu gelten hat. Ganz anders Melville, man ahnt es schon. Hat der nicht in "Moby Dick" dem Weißen Ismael einen tätowierten, aus der Südsee stammenden Harpunier ins Bett gelegt?

Auf der richtigen Linie ist natürlich auch der Autor selbst, der als Reisegefährten bedeutungsvoll einen Schwarzen wählt, einen Nigerianer. Die Begleitung inspiriert ihn jedoch zu nichts mehr als zur lust- und formlosen Aneinanderreihung von Tagebuchfragmenten und Gesprächsprotokollen. Wer wirklich etwas über den amerikanischen Süden gestern und heute und nicht nur über die gute Gesinnung eines deutschen Autors erfahren will, der sollte nach dem Reisebericht greifen, den der von der früheren Sklaveninsel Trinidad stammende V.S.Naipaul unter dem Titel In den alten Sklavenstaaten veröffentlicht hat. Dass Faulkner sich anders und viel differenzierter lesen lässt, als Roes es vormacht, der Prosasätze wie Gesinnungsanzeigen herausgreift, davon kann man sich bei der Lektüre von Faulkner Mississippi überzeugen lassen, dessen Autor einer der Schwarzen ist, für deren Sache Roes zu streiten behauptet: der auf der früheren Sklaveninsel Martinique aufgewachsene und dort lebende Édouard Glissant.

William Faulkner: Mississippi. Zweisprachige Ausgabe, herausgegeben und übersetzt von Roland Reuß und Peter Staengle. Eine Edition des Instituts für Textkritik e.V.. Verlag Stroemfeld, Frankfurt am Main/ Basel 2000, 127 S., 98,- DM

Michael Roes: Haut des Südens. Eine Mississippi-Reise. Berlin Verlag, Berlin 2000, 259 S., 36,- DM

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00:00 21.12.2001

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