Uli Müller
16.05.2010 | 11:00 4

Anti-Marktfundamentalismus

Kapitalismuskritik "Im freien Fall": In seinem neuen Buch deckt Nobelpreisträger Joseph Stiglitz die Fehlfunktionen des herrschenden Wirtschaftssystems auf

Es ist die Geschichte der skrupellosen Bereicherung von Bankern in den USA, von undurchsichtigen Bankzusammenbrüchen und -rettungen, des Machtmissbrauchs von Politikern und einer gigantischen Umverteilung der Vermögen von unten nach oben. Es ist auch die Geschichte einer Krise, die – noch immer – die Möglichkeit bietet, die gröbsten Mängel des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu beheben. Wie? Indem der Staat die Gewinninteressen von Unternehmern und Managern in Zaum hält.

Damit sind Inhalt und Botschaft des Buches von Jo Stiglitz umrissen. In beidem unterscheidet sich Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft nicht grundsätzlich von Neuerscheinungen, die sich mit der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren beschäftigen. Doch ragt das Werk des Nobelpreisträgers nicht nur seines voluminösen Umfangs wegen aus dem Dickicht der vorliegenden Veröffentlichungen hervor.

Da ist zum einen die Person des Autors selbst. Stiglitz gehört zu den wenigen Ökonomen, die ihre Analyse des Wirtschaftsgeschehens und ihre Theoriebildung aus einem Blickwinkel von unten betreiben. Das tut der Professor an der New Yorker Columbia University wesentlich konsequenter und dezidierter als zum Beispiel sein prominenter US-Kollege Paul Krugman, der ebenfalls Nobelpreisträger und Professor ist. Stiglitz steht mit allen Folgen dafür ein, den eigenen Kopf zum Denken zu benutzen, auf die Fakten zu schauen, statt einer Denkschule hinterher zu laufen.

Selbst in den Hochzeiten des „Washington Consensus“, während der 90er Jahre, ordnete er sich dieser vorherrschenden Ideologie nicht unter. Er hat auch damals nicht daran geglaubt, dass der freie Markt ohne klare Regeln dem Wohl der breiten Mehrheit diene, Hauptsache, der Staat mische sich nicht ein.

Seine persönliche Konsequenz: Er kündigte vor zehn Jahren seinen angesehenen und hoch dotierten Job als Chefvolkswirt an der Weltbank. Aus Protest gegen den Kurs von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. Beide vertraten damals noch stärker als heute die Interessen der Marktgläubigen und der USA statt die der hilfesuchenden Entwicklungsländer.

Da ist zum anderen der spezielle Analyse-Ansatz von Stiglitz. Der hat sich über die Jahrzehnte zu einem Amalgam seiner ­Erkenntnisse aus der Tätigkeit als Wissenschaftler, Politikberater und Publizist ­entwickelt. Ihn interessieren die Funktionsweise von Märkten und die Reibungsflächen, die durch das Eingreifen des Staates in die Wirtschaft entstehen. Vor allem aber beleuchtet er die Folgen das Handelns von Bankern und Politikern auf das Leben der Bedürftigsten in der Gesellschaft; auf Geringverdiener und Arbeitslose.

Ausbeutung

Stiglitz fasst noch einmal zusammen, dass viele Bankmanager und Immobilienmakler in den USA vor Ausbruch der Krise die wirtschaftliche Vernunft verloren. Zunehmend gierten sie nach kurzfristigen, hohen Gewinnen statt auf die langfristige Stabilität des Systems zu setzen, ein preiswertes elektronisches Zahlungssystem oder Dienstleistungen für finanzschwache Gruppen zu entwickeln, die es in den USA nicht gibt.

Anders sei nicht erklärbar, warum sie Millionen Menschen Hypothekenkredite zum Hausbau häufig geradezu aufschwatzten. Dabei konnten sich viele solche Darlehen überhaupt nicht leisten. „Ausbeutung“ nennt Stiglitz diese Praxis. Er exerziert durch, wie ein derartiges Fehlfunktionieren zustande kam und untermauert seine Argumente in einfachen Worten mit ökonomischer Theorie: Die Maßnahmen der Regierungen Bush und Obama zur Rettung der US-Wirtschaft hätten als erstes bei den Eigenheimbesitzern ansetzen müssen. Stattdessen gingen rund 800 Milliarden Dollar aus der Staatskasse an strauchelnde Banken, die sich damit sanierten. Stiglitzbeklagt, dass weder Bush noch Obama eine klare wirtschaftspolitische Strategie verfolgt haben, welchem Ziel die Hilfspakete dienen sollen. Stattdessen hätten sich wieder einmal die lobbystarken Bankmanager durchgesetzt, moniert der 67-Jährige: Rücksichtslos, gegen die Bedürfnisse der Allgemeinheit. Vor allem aber beseitigen die bislang ergriffenen Maßnahmen keinesfalls die systembedingten Probleme des Bankensystems. Unterm Strich wird ein bitteres Resümee gezogen: „Ich sah darin nur eine weitere Ausweitung dessen, was seit über 25 Jahren geschah: die ,Errichtung eines Wohlfahrtsstaates für Konzerne‘ “.

Soweit sein Verdikt zur USA, aber wie immer schaut Stiglitz über den Tellerrand hinaus. Das letzten Drittel seines Buches beschäftigt sich damit, wie Volkswirtschaften insgesamt krisenfester gemacht werden können und wie eine gerechtere Weltwirtschaft aussieht. Er stellt die bekanntesten derzeit diskutierten Maßnahmen, Vorschläge und Ideen vor und bewertet sie.

Zum Beispiel rät er Ländern wie den USA, langfristig damit aufzuhören, auf Kosten anderer Staaten zu leben, indem sie nur noch soviel konsumieren wie sie auch bezahlen können, statt sich in der ganzen Welt zu verschulden. Zudem sei es nicht ausreichend, wenn einzelne Länder sich zu einer wirkungsvollen Regulierung ihrer Finanzmärkte durchringen. Ein neues, international koordiniertes Regelwerk müsse her.

Nur so sei auszuschließen, dass Investoren ihr Kapital bevorzugt in jenen Länder anlegen, in denen ihre Geschäfte am wenigsten eingeschränkt sind und deshalb den größten Gewinn abwerfen. Gleichzeitig kritisiert Stiglitz aber den Versuch der 20 wichtigsten Industriestaaten (G 20) als halbherzig, im Rahmen der für Regulierung zuständigen Institution Financial Stability Board einen Neuanfang zu machen.

Solidarität der Menschen

„Die Politik des ,Washington Consensus‘ und die ihr zugrunde liegende Ideologie des Marktfundamentalismus sind tot“, formuliert Stiglitz zum Schluss in markigen Worten. Ihm ist aber auch bewusst, dass die von ihm erhoffte Reform der Weltwirtschaftsordnung immer schwieriger wird, je mehr Zeit verstreicht.

Wie langlebig das alte Denken ist, bestätigte vor kurzem der Londoner Economist; das weltweit allgemein angesehenste Wirtschaftsmagazin warf Stiglitz vor, es sei „pervers“, nach einem stärkeren Staat zu rufen, nachdem er diesen zuvor in Grund und Boden kritisiert hatte. Der so Gescholtene greift dieses Argument in seinem Buch auf, ew werde ihm von Marktgläubihäufig entgegen gebracht.

Seiner Überzeugung nach waren die Hilfspakete nicht optimal geschnürt, weil Politiker einflussreichen Banken-Lobbyisten folgten und falschen ökonomischen Konzepten. Solange die letzte Krise in den Köpfen der Menschen noch präsent ist und die nächste droht, sieht Stiglitz dennoch die Chance, ein gerechteres Finanz- und Wirtschaftssystem aufzubauen. Dabei setzt er auf einen durchsetzungsfähigen Staat, der die Marktwirtschaft zähmen und regulieren kann, und baut auf die Solidarität der Menschen untereinander. Nicht ohne moralisch erhobenen Zeigefinger entlässt der Ökonom seine Leser: „Die eigentliche Gefahr besteht heute darin, dass wir sie (die Chance, d.A.) nicht ergreifen.“

Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der WeltwirtschaftJoseph Stiglitz, Siedler, München 2010, 448 S., 24,95

Kommentare (4)

Frank Linnhoff 17.05.2010 | 15:40

Joseph Stiglitz gehört in der Tat zu den wenigen Wirtschaftswissenschaftlern mit gesundem Menschenverstand und klaren moralischen Prinzipien. Leider geben immer noch die neoliberalen Denker den Ton an.

Das vor einer Woche geschnürte Paket zur "Rettung des Euro" ist nichts anderes als die Vergesellschaftung der Kreditrisiken der Banken. Die Übeltäter wurden wieder einmal belohnt. Das Spekulationskarussel wird sich noch schneller drehen.

Wieder einmal werden einem Staat, in diesem Fall Griechenland, neoliberale Rezepte auferlegt, die eindeutig zum Anstieg von Armut, Ungleichheiten und Gewalt führen werden.