Antifa ins Museum

Chemnitz Ist die Kunst in Sachsen frei? Das Peng-Kollektiv testet das: Es kauft linken Gruppen Devotionalien ab und stellt sie aus
Antifa ins Museum
Für manche ist es Kunst, für andere verunstaltet es den öffentlichen Raum

Roman Signer „Versinken“ 2020; Foto: Roman Mensing

Während die Feuilletons der Republik sich über den Begriff Cancel Culture den Kopf zerbrechen, sich die Zensur verbitten oder die Grenzen des Sagbaren ausloten, stößt ein neuer Fall zur Debatte. Am vergangenen Freitag erreichte die Öffentlichkeit die Meldung, die Kunstsammlung Chemnitz habe eine Ausstellung des Medienkunstkollektivs Peng aus ihren Räumlichkeiten verbannt. In der Ausstellung „Antifa – Mythos & Wahrheit“ wollte Peng zehn Objekte mit Bezug zu antifaschistischem Engagement zeigen. Ausgerechnet in Chemnitz, dieser als Hort von Neonazis und Unterschlupf des NSU verschrienen sächsischen Industriestadt. Stein des Anstoßes war laut der Künstlergruppe der Saaltext gewesen, der „die fatale Gleichsetzung von Antifa und gewaltbereiten Neonazis – die ‚Hufeisentheorie‘ – und deren Verbreitung durch Parteien wie CDU, FDP und AfD“ kritisierte. Frederic Bußmann, Direktor der Kunstsammlung, verlangte die Streichung der Parteinamen, das Museum müsse politisch neutral bleiben, argumentierte er. Als die Künstler sich weigerten, lud Bußmann – so sagt es jedenfalls das Peng-Kollektiv – aus. Skandal perfekt: Zu der ohnehin schlechten Presse, die Chemnitz bekommt, nun auch noch der Verdacht, in Sachsen würde die Freiheit der Kunst nicht gewahrt. Noch am selben Tag kommt der Rückzieher, das Büro der Oberbürgermeisterin stellt gegenüber der Freitag klar: Die Ausstellung darf bleiben. Als Kompromiss wird der Wandtext offiziell als Kunst ausgewiesen und somit klar von der Meinung der Kunstsammlung geschieden. Der Kurator sagt auf Anfragen, dass Peng nie ausgeschlossen werden sollte. Was für ein Chaos.

Dabei hatte alles so gut angefangen: Peng war zusammen mit 20 anderen Künstler*innen und Kollektiven vom Kunstfestival Gegenwarten eingeladen worden, bis zum 25.10. in der Innenstadt von Chemnitz Skulpturen aufzustellen oder Performances zu veranstalten. Das Festival für Kunst im öffentlichen Raum ist auch Probelauf für die Bewerbung der Stadt als Europäische Kulturhauptstadt. Mit Kultur, so hofft man bei der Stadtverwaltung, könne sich Chemnitz endlich vom Schmuddelimage als rechtes Nest befreien.

Dass die lokale Bevölkerung dafür vielleicht noch nicht ganz bereit ist, merkt man während des geführten Rundgangs. Allein die Ansammlung von Menschen, die unser Journalistentrupp bildet, scheint in dieser entvölkerten Stadt erstaunlich. An jeder Station bleiben Passanten stehen, schauen, was es da zu schauen gibt. Hier geht alle alles etwas an. Hier hat Kunst im öffentlichen Raum noch das Potenzial, Gemüter zu erregen.

Anwohner zetern

Ein Fußgänger zeigt den Kunstkritikern den Vogel und murmelt etwas von Steuerverschwendung. Bei der Installation von Roman Signer bricht sächsische Empörung über die Journalistengruppe herein. Der Schweizer Künstler, bekannt dafür, Gegenstände zu sprengen, hat hier ein Auto in einem Teich versenkt, es soll einen Abgesang auf die autogerechte Stadt darstellen. Das ist nicht besonders innovativ, passt aber gar nicht schlecht in diese Modellstadt der sozialistischen Moderne, durch die überdimensionierte und heute menschenleere Boulevards führen. Und wenn Maßstab der Kunst ist, beim Publikum eine Reaktion auszulösen, hat diese Installation ihre Pflicht erfüllt: Als sich der Tross aus Journalisten bereits zur nächsten Station aufmacht, verwickelt ein Anwohner eine Kuratorin in einen Streit – wie man überhaupt auf die Idee kommen könne, einen öffentlichen Ort so zu verunstalten.

Widerspruch war jedoch vorprogrammiert, denn Peng ist spezialisiert darauf, politische Botschaften über Kunst und durch geschickte Ausnutzung von Medieneffekten zu transportieren. Kern ihrer Chemnitzer Arbeit ist nicht die Ausstellung selbst, sondern die im Vorhinein antizipierte Debatte. „Wir wollen, dass über die Antifa gesprochen wird – und gestritten“, sagt Nika Blum, Sprecherin der Gruppe. Streit war also vorprogrammiert, denn Peng hat das Budget, das sie von Gegenwarten bekommen hat, dazu verwendet, zehn Objekte von verschiedenen Antifa-Gruppen zu kaufen – für je 1.000 Euro. Ende September werden die Objekte auch noch versteigert, das gesammelte Geld soll einem alternativen Jugendzentrum zugute kommen, in dem der Antifaschistische Jugendkongress stattfinden wird. Gegenwarten wird von der Kulturstiftung des Bundes und der Stadt Chemnitz finanziert, Peng hat also staatliche Gelder zur Antifa umgelenkt. Steuergeld für Linksradikale! Eine unter Konservativen beliebte Verschwörungstheorie – hier ist sie einmal wahr geworden. Peng ist 2013 gegründet worden, doch setzt sich für jede Aktion ein neues Team zusammen. Blum ist es wichtig zu betonen, dass die Peng-Aktivisten, die in Chemnitz dabei sind, fast alle in Sachsen verwurzelt sind. Es ist kein Propaganda-Projekt einer Berliner Truppe, die den Sachsen erklären will, wie sie zu denken haben.

Zu den Gegenständen gehören etwa eine der Sprühdosen, mit der Irmela Mensah-Schramm seit 30 Jahren Hakenkreuze und rassistische Graffitis übersprayt. Immer wieder wird sie dafür angezeigt, wegen Sachbeschädigung. Die mediale Panik über Gewalt von links nimmt Peng mit einem abgefackelten Einkaufswagen auf. Es soll der Wagen sein, der in der Silvesternacht in Leipzig-Connewitz zu linken Ausschreitungen gegen die Polizei geführt haben soll. Über den Vitrinen mit den Gegenständen hängt ein großes blaues Banner, es ist das Banner der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“. Die Organisation findet sich seit einiger Zeit im Verfassungsschutzbericht – worauf ihr die Gemeinnützigkeit entzogen wurde. Gegenüber hängt die grüne Flagge der kurdischen Frauenbefreiungstruppen YPG. Wer bei einer Demo diese Flagge hält, kann mit mehreren hundert Euro Strafe belangt werden, da ihr Tragen verboten ist. Aber im Museum ist sie von der Kunstfreiheit gedeckt. „Viele Objekte erzählen von Repression, von Anzeigen, von Personalkontrollen“, sagt Blum. Das sei die eigentliche Cancel Culture, nicht dass rassistische Comedians Kritik für ihre Witze bekämen. Museen seien der Ort, wo das kollektive Gedächtnis verhandelt werde, findet Blum. „Die Debatte über Antifaschismus soll nicht nur in linken Kreisen geführt werden, sondern dort, wo Menschen sonst nicht in Berührung mit dem Thema kommen.“ Wie so oft bei ihren Aktionen fungiert die Kunst dabei als Trojanisches Pferd, das politische Debatten hinter die Mauern des bürgerlichen Selbstverständnisses schmuggelt, das sonst immer schon weiß, wie es über die Welt denkt.

Info

Gegenwarten | Presences Kunstsammlung Chemnitz, bis 25. Oktober

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06:00 25.08.2020

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