Gut gebrüllt: Hymnen gegen den Krieg

Protestsongs So manches Antikriegslied klingt jetzt wieder beängstigend aktuell. Marlene Dietrich, die fragte, wo die Blumen sind. Reinhard Mey, der seine Söhne nicht dem Militär hergeben wollte. Und auch die Antilopen Gang hört man jetzt neu

A

Afonso, José Das Lied wurde so oft gesungen. In den lange vergessenen Revolutionschören. An nostalgischen Feuern, wenn der Alkoholpegel stieg. Und am Strand von Peniche gegenüber der Festung, wo Salazar politische Gefangene hatte verschwinden lassen. Während der Diktatur in Portugal war Grândola, Vila Morena das bekannteste – und natürlich verbotene – antifaschistische Widerstandslied (➝ Ernst Busch). Als es in der Nacht auf den 25. April 1974 von einem Rundfunksender gespielt wurde, gab es den aufständischen Streitkräften das Signal zur Nelkenrevolution, benannt nach den Blumen, mit denen die Soldaten sich und ihre Gewehre schmückten. José Afonso hatte das Lied zehn Jahre zuvor für einen Arbeitermusikverein in Grândola geschrieben und besingt darin die braungebrannte Stadt als Heimat der Brüderlichkeit und erinnert an die Landarbeiter im Alentejo. Bei den Protesten gegen die Sparpolitik der Troika erlebte es eine Renaissance. Ulrike Baureithel

D

Der einfache Frieden „Das ist der einfache Frieden / Den schätze nicht gering / Es ist um den einfachen Frieden / Seit tausenden von Jahren / Ein beschwerlich Ding“. So geht der Refrain des in den 1970ern entstandenen Liedes, das in Ost und West gesungen wurde. Gisela Steineckert (geboren 1931) schrieb den Text, die Melodie schuf Klaus Schneider (1936 – 2021). Es geht um das „kleine Glück“, das Leben der Menschen zwischen Arbeit, Miteinander, Liebe, Kindern, und um den Tod, in dem sich das Leben vollendet. Sie habe lange gebraucht, um die Worte zu finden, erklärte die Autorin vor einigen Jahren. Es sei für sie „beschwerlich“ gewesen, den Bogen zwischen dem Alltäglichen und dem Friedenswunsch der Menschen ( Volkslieder) ohne zu großes Pathos zu schlagen. Die Idee sei ihr dann beim Staubsaugen gekommen. Typisch Steineckert. Magda Geisler

E

Ernst Busch Zu den größten linken Irrtümern gehört die Annahme, für den Frieden und gegen den Krieg zu sein, seien dasselbe. Denn wer Frieden will, muss den Mördern mitunter in den Arm fallen – notfalls auch mit Waffengewalt. Was den Alliierten 1945 gelang, war den Internationalen Brigaden, die nicht einmal zehn Jahre zuvor versuchten, der Spanischen Republik gegen Francos Faschisten beizustehen, nicht vergönnt. Ihrem Andenken sind zahlreiche Lieder gewidmet, die deutschsprachigen sind mit der Stimme Ernst Buschs zu linker Folklore geworden. Und wenn es in Spaniens Himmel heißt „Die Heimat ist weit / Doch wir sind bereit / Wir kämpfen und siegen für dich: / Freiheit!“, dann muss man unweigerlich an die Tausenden Freiwilligen denken, die nun in die Ukraine reisen, um dort genau das zu tun. Dass ausgerechnet der Nachfolgestaat der Sowjetunion, die in den 1930ern Waffen an die Spanische Republik lieferte, eines Tages zum Aggressor würde, hätte sich der alte Ernst Busch sicherlich nicht gedacht (➝ Jewtuschenko). Er sang schließlich auch pazifistisch-nationalistische Gassenhauer wie Ami, Go Home. Leander F. Badura

F

Free Nelson Mandela Die Specials aus Coventry brauchten nur zwei Alben, um sich in die Geschichte der Popmusik einzuschreiben: The Specials von 1979 und More Specials von 1980. Ihr Protestsong Free Nelson Mandela von 1984 wurde in England und in vielen afrikanischen Ländern ein Hit. 1990 wurde Mandela freigelassen. Das Lied wurde zu einer Hymne, welche die Band 2008 zum 90. Geburtstag von Mandela im Hyde Park spielte – mit Amy Winehouse als Sängerin. Vor Kurzem veröffentlichten die Specials ein Album mit dem Titel Protest Songs – 1924 – 2021. Bassist Horace Panter sagte dazu: „Die Menschen setzen die Musik seit Urzeiten als Vehikel des Protests ein. Ungerechtigkeit ist zeitlos.“ Marc Peschke

J

Jewtuschenko Vor dem Hintergrund antisowjetischer Hetze verfasste Jewgeni Jewtuschenko 1961 jenes Gedicht, das ihn weltweit berühmt machen sollte: Meinst du, die Russen wollen Krieg? Noch im gleichen Jahr von Eduard Kolmanowski vertont, wurde es von Siegfried Siemund ins Deutsche übersetzt. Bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Helsinki 1962 (Sag mir, wo die Blumen sind) machte es Furore. Es wurde vom Alexandrow-Ensemble gesungen ebenso wie vom Oktoberklub in Berlin. Mehreren Büchern gab es den Titel. Es war ein Versprechen: Die „Russen“ würden niemals einen Krieg beginnen. Nun trifft uns der Schmerz. Irmtraud Gutschke

K

Kleine weiße Friedenstaube Wir lernten das Lied in der DDR in der Schule. „Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land; allen Menschen, groß und kleinen, bist du wohlbekannt. Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier, dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.“ Erika Schirmer hat es geschrieben. Sie war eine junge Kindergärtnerin im Harz und sah Picassos Friedenstaube auf einer Bretterwand im zerstörten Nordhausen. Das war 1948. Picasso hatte die Taube im gleichen Jahr als Plakat zur Pariser Weltfriedenskonferenz entworfen. Und Erika Schirmer fand, dass diese Taube fliegen müsse, um die Welt. Mit seiner einfachen Melodie und der pazifistischen Botschaft wurde das Lied auch in anderen Ländern populär. Nach der Wiedervereinigung ist es rasch aus den Lehrbüchern verschwunden. Dafür ist es im Pop angekommen: Der frühere Karussell-Sänger Dirk Michaelis hat 2019 seine eigene Version veröffentlicht. Maxi Leinkauf

N

Nichtstun Zugegeben, Auf sie mit Gebrüll klingt nicht nach einem Titel für eine Anti-Kriegshymne. Allerdings geht es in diesem Lied von der Antilopen Gang und Zugezogen Maskulin nicht lautstark auf die anderen, sondern auf die Couch. Dafür plädieren die Rapper, denn „Rebellion und Subversion sind Regierungspositionen“. Im Hinblick auf die aktuelle Situation, also Putins Angriffskrieg auf die Ukraine, mag das unpassend klingen, aber als Gegenentwurf zu Atom-Panik und bürgerlichem Aktionismus („Jetzt müssen wir aber wirklich mal auf die Straße!“) ergibt es wiederum Sinn. Deshalb gilt, wie in vielen Dingen, die den meisten beim nächsten News-Cycle schon wieder weit entfernt vorkommen werden: Danke, Antifa (die auch in zwei Wochen noch demonstrieren werden) und zurück auf die Couch. Dort kann dann erledigt werden, was im Moment wirklich hilft: Berichten und ukrainische Journalist*innen unterstützen. Oder auch einfach: Geld spenden. Clara von Rauch

P

Pop Protest, Provokation? Nicoles Ein bisschen Frieden wurde unterschiedlich aufgenommen. Der Popschlager von 1982 hatte eine versöhnliche Botschaft. Mit „ein bisschen“ aber konnte sich die Friedensbewegung nicht zufrieden geben. Sie witterte Kommerzpop mit pazifistischem Anstrich (Auf sie mit Gebrüll). Deutlicher – und doch gut vermarktbar – erklang ein Jahr später 99 Luftballons. Nena thematisierte darin den nuklearen Rüstungswettlauf und die Pershing-II-Raketen in der BRD. Einen musikalischen Einwand gegen Protestsongs legten Die Ärzte mit dem Grotesksong vor: „Als Retter der Welt liegt ihr voll im Trend / Ihr malträtiert euer Instrument und ihr flennt.“ In den 1990ern konnte man noch ironisch sein. Tobias Prüwer

R

Reinhard Mey Er war nie ein politischer Liedermacher ( Ernst Busch), aber Reinhard Mey seziert in seinen leisen, innerlichen Songs den Irrsinn der Welt. Nein, meine Söhne geb ich nicht aus dem Jahr 1986 ist solch ein Lied. Es handelt von Kriegsdienstverweigerung, aus der Sicht eines Vaters: „Sie werden nicht in Reih’ und Glied marschieren, nicht durchhalten, nicht kämpfen bis zuletzt, auf einem gottverlass’nen Feld erfrieren, während ihr euch in weiche Kissen setzt.“ Mey hat den Song vor zwei Jahren mit weiteren Musikern neu aufgenommen, um die Organisation Friedensdorf International zu unterstützen. Seine Söhne sollten „vor keinem als sich selber grad’ stehen“, singt er. Wenn man das jetzt hört, stellt sich die Frage: Was bringt Pazifismus? Es gehören immer zwei dazu. Maxi Leinkauf

S

Sag mir, wo die Blumen sind Gänsehaut bekommt man, wenn Marlene Dietrich dieses Lied singt. 1962, im Jahr der Kubakrise, wurde es durch sie international populär. Später sangen es Joan Baez, Chris de Burgh, Annie Lennox und wer alles noch (Pop). Manche vergaßen gar, dass Where Have All the Flowers Gone ursprünglich von Pete Seeger und aus dem Jahr 1955 stammt. Bekannt für seine politischen Songs, war er damals im Visier des „Komitees für unamerikanische Umtriebe“ und durfte seinen Wohnbezirk in New York nicht verlassen. „Wann wird man je verstehn“ – jede Strophe des Liedes endet mit dieser Frage. Wie lange wird die Erde noch in einer Spirale der Gewalt gefangen sein? Irmtraud Gutschke

V

Volkslieder Antikriegslieder sind keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Auch vor den Materialschlachten der Weltkriege wussten die Menschen um das Grauen militärischer Konflikte. Und haben die Erinnerung daran in Volksliedern festgehalten. Da wird ein Deserteur (➝ Reinhard Mey) in den Napoleonischen Kriegen besungen(Schatz, ich sag’s mit einem Wort), Ich bin Soldat doch bin ich es nicht gerneheißt ein Lied aus dem Deutsch-Französischen Krieg. Im 18. Jahrhundert dichtete Matthias Claudius das Kriegslied: „’s ist leider Krieg – und ich begehre, / Nicht schuld daran zu sein“. Ein sehr frühes Beispiel ist „Es geht ein dunkle Wolk herein“, das man bis in die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg zurückzuverfolgen kann. Eigentlich ein Abschiedslied, wurde es immer wieder als Antikriegslied interpretiert. Denn es enthält auch ein Sehnen nach baldiger, glücklicher Wiederkehr: „Und kommst du, liebe Sonn, nit bald, / so weset alls im grünen Wald, / und all die müden Blumen, / die haben müden Tod.“ Tobias Prüwer

Z

Zombie „Ihr Schmerz war echt“, schrieb der BBC-Musikreporter Mark Savage über Zombie, den Hit der irischen Alternativ-Rockband The Cranberries (➝ Pop). Und wer nicht schon bei der Erwähnung sofort die verletzlich brechende Stimme der 2018 verstorbenen Dolores O’Riordan hört, der hat spätestens bei der Lyrik keine Zweifel, dass das stimmt: Ein Kind wird „langsam genommen“ in dem Track, der von der Sängerin unter dem Eindruck eines Bombenattentats im Konflikt zwischen Irland und Nordirland, den „Troubles“, geschrieben wurde. Infolge des Todes von O’Riordan erinnerten sich viele an dieses Meisterstück, das 1994 in acht Ländern die Charts anführte – unter anderem für 28 (!) Wochen am Stück in Deutschland. Aber was sie da von Panzern, Bomben und Gewehren sang, stammte aus einer vergangenen Zeit. Bis vor Kurzem. Konstantin Nowotny

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