Antilopenangst

Einsatz Ich möchte gern das Klima retten und fahre zum Protestcamp. Dort lerne ich geheime Zeichen, werde Teil eines Fingers und entdecke ungeahnte Widerstände in mir
Antilopenangst
Wir schmieren uns Brote mit Hummus, Bohnenpaste, Erdnussbutter. Dann geht es los

Foto: Tim Wagner/Imago

Ich bin keine Klimaaktivistin, aber die Hitze, die mich so unglücklich macht, sagt mir, dass es nicht reichen wird, Fahrrad zu fahren, meinen Müll zu trennen, keine Flugreisen zu buchen und mir keinen Swimmingpool bauen zu lassen. Ich möchte diese Unbeschwertheit in der Welt, in die ich zwei Kinder gesetzt habe, wieder zurück, also muss ich was tun – und melde mich für ein Aktionscamp in Holland an. Der Zufahrtsweg einer Lagerungsstätte für giftiges Gaskondensat soll blockiert werden. Ich bereite mich darauf vor, lese viele Artikel über Fracking und andere Erdgasförderungsmethoden.

„Der Klimawandel kennt keine Grenzen. Wir auch nicht!“, heißt der Aufruf, der mich nach Groningen zieht. Die Aktion heißt Code Rood und richtet sich gegen die fossile Brennstoffindustrie, konkret gegen die Mineralölkonzerne Shell, Exxon Mobile und NAM, die niederländische Erdölgesellschaft. Ich fahre mit einer Freundin. Wir bekommen Reisegeschenke von Leuten, die auch gerne hinfahren würden, aber arbeiten müssen. „Toll, dass ihr das macht!“ Sie packen uns Schokoladenpakete oder borgen uns Campingsachen. Man wisse ja gar nicht mehr, wogegen man zuerst protestieren solle, sagen sie. Gegen rechts, gegen die Konzerne oder für die Umwelt. Als Klimaaktivist hat man es da leicht. Es gibt keine rechten Aktivisten und gegen Konzerne richtet sich grundsätzlich jede Aktion. Wir fahren mit dem Zug bis Groningen, dann mit dem Bus, und als wir mit den schweren Rucksäcken die letzten vier Kilometer zum Camp gehen wollen, hält ein Auto und nimmt uns mit. Es ist ein idyllisches Örtchen mit romantischen Häuschen, Vorgärten und einem kleinen Kanal voller Entengrütze. Die Maisfelder sind hier noch grün, die Hitze scheint kaum Schaden angerichtet zu haben.

675 Menschen sind schon da, wie die Liste zeigt, auf der wir jeder einen Strich machen sollen. Wir kommen am Media Bus, einem alten ausrangierten Linienbus, vorbei, einem Zirkuszelt und zwölf großen Arbeits- und Meeting-Zelten. In einigen werden Schablonen und weiße Maleranzüge geschnitten, T-Shirts, Fahnen und Banner mit Parolen und Logos besprüht, bemalt, benäht und beklebt. „Systemwandel statt Klimawandel“ steht am Wassertankturm. Auf einer Wiese ein Meer aus Igluzelten und Fahrrädern, Dixitoiletten und einer Waschstrecke. Alles ist friedlich. Vor allem aber ist es unheimlich professionell. Die Abläufe, wie der Aufbau des Duschturmes und der Außenküche, scheinen routiniert.

Jung und hoch qualifiziert

Die Logistik ist ausgeklügelt, nichts ist zu viel, alles Notwendige da, es funktioniert. Es werden riesige Mengen Essen gekocht, Reis, Gemüse und Hummus, die Teller werden im Sekundentakt ausgegeben. Als wir unser Zelt aufgebaut haben, melde ich mich im Media Bus. Bitte im Camp niemanden von vorne fotografieren, aber am morgigen Aktionstag gäbe es keine Einschränkungen. Da sei jeder vermummt, der anonym bleiben wolle.

Sieben verschieden große Gruppen, genannt Finger, werden sich am Aktionstag auf verschiedenen Wegen, zu unterschiedlichen Zeiten zur 11 Kilometer entfernten Lagerungsstätte Delfzijl bewegen. Uns wird der Green Finger empfohlen. Der fährt mit dem Zug. Andere Gruppen würden zu Fuß gehen, mit dem Boot oder Rädern fahren. Ich habe jede Menge Spinner erwartet, ausgegrenzte Menschen. Aber nach denen, die ich treffe, würde sich jeder Arbeitsmarkt die Finger lecken, wie ich abends bei der Versammlung im Zirkuszelt feststelle. Es sind Leute gemischter Nationalitäten, sie sind intelligent, hoch qualifiziert, jung und flexibel. Ich stöpsle meine Ohrhörer an eine kleine Kiste und bekomme eine Simultanübersetzung. Das kenne ich aus großen Museen, aber nicht aus provisorischen Zeltlagern. Wenn wir eine Drohne sähen, die gehöre zu uns, sagt die Sprecherin. Ein Helikopter sei definitiv nicht unserer. Alle lachen. Wir treffen einen Aktivisten des deutschen Bündnisses Ende Gelände, das seit 2015 Massenaktionen zivilen Ungehorsams für sofortigen Kohleausstieg organisiert. Der junge Ökonom hat in Oxford und an der Sorbonne studiert. Er wertet Studien aus und beschäftigt sich mit der Frage, was Braunkohlearbeiter machen könnten, wenn ihr Tagebau stillgelegt wird. Eine Antwort hat er noch nicht. Wir müssen unsere Handys wegbringen. Die dürften auch ausgeschaltet nicht mit ins Plenum. Wir bringen sie zur Ladestation, also auf den Planwagen, auf dem man an vier Barhockern sitzen, in die Pedale treten und Strom erzeugen kann. Der Leiter unserer Gruppe erklärt uns interne Absprachen, alle Handzeichen. Eine Frau hat Mann und Kinder mitgebracht, die würden am Aktionstag im Camp bleiben. Das hätten sie schon oft so gemacht. Ein paar Mal sei sie auch verhaftet worden. Ihr Mann würde während der Aktion ihren Ausweis aufbewahren. Die hohe Konzentration risikobereiter Menschen gefällt mir. Ich fühle mich wohl.

Der Fragebogen überfordert mich dann aber doch. Als Nichtaktivistin bin ich nicht darauf vorbereitet, dass es ernst werden kann. Die Anwältin, die mir gegenübersitzt, sagt: „Es kann sein, dass du verhaftet wirst. Es kann sein, dass ihr mit Kleinbussen von der Polizei weggebracht und 15 Kilometer entfernt ausgesetzt werdet. So werden Blockaden oft aufgelöst.“ Mein Verstand ist zu allem bereit, aber meine Seele ist ein Weichei. Ich bin voller Mut, würde mich notfalls nackt ans Werktor ketten, wenn es um zivilen Ungehorsam geht. Doch fange ich schon fast an zu heulen, als vorm Zelt die Sprechchöre beginnen. „What do we want? Clima-Justice! When do we want it? Now! Es wiederholt sich rhythmisch und löst in mir eine unbeherrschbare Angst aus. In Notfällen flüchte ich nicht, sondern stehe nur da und weine. So geht es mir bei Unfällen oder dem Anblick von Polizeigewalt bei Demonstrationen. Oder den ersten Kirschblüten nach einem langen grauen Winter. Wenn ich festgenommen werde, wird mein Freund benachrichtigt und wenn ich freigelassen werde, soll ich mich sofort melden. Die Telefonnummer schreiben wir auf unsere Unterarme. Auch die Registriernummer – meine lautet 2055.

Heulen oder kämpfen

Meine Freundin überlegt, ob die anderen zu jung sind, um bei diesem Vorgang an KZ-Häftlinge zu denken. Wir kennen nur Stempel von Nachtclubs. Die Anwältin sagt: „Hope you dont need us.“ Am nächsten Morgen sind wir um 6.30 Uhr hellwach. Wir warten, bis die etwa 300 Leute der ersten Gruppe das Camp mit Rauchraketen und Sprechchören verlassen haben. Dann schmieren wir uns Brote mit Hummus, Bohnenpaste, Erdnussbutter. Wir besprechen Organisatorisches, jeder Satz wird von der Menge laut wiederholt. Wir ziehen im Block los. Autos hupen, Fahrer winken, halten den Daumen hoch.

Warum fällt es mir und meiner Freundin so schwer, die Parolen mitzusingen? Wir waren beide Thälmannpioniere in der DDR. Dann FDJler. Irgendwann wurde klar, dass es nicht um uns ging, sondern um eine Ideologie. Nicht um den Einzelnen, sondern das Ziel. Das Prinzip ist hier ähnlich. Aber die Laune ist bestens. Wir fühlen uns zu nichts gedrängt. Wir marschieren laut singend auf eine Koppel zu. Die Pferde fangen an, im Kreis zu rennen. „Horses getting scared– die Pferde werden ängstlich, flüstert der Sprecher durchs Megafon. Ohne Fahrkarten steigen wir in den Zug. Der ist voll mit uns.

Auf dem Weg durch die Stadt bleiben Omas mit Enkelkindern stehen, winken uns wie bei einem Karnevalsumzug zu. Die Bewohner klagen schon seit Jahren gegen NAM, weil durch die Erdbeben, die die Erdgasförderung mit sich bringt, tiefe Risse in den Hauswänden entstehen. NAM bestreitet die Ursache und zahlt Ausgleich nur willkürlich. Als wir an der Lagerungsstätte ankommen, zünden wir pinkfarbenes Rauchfeuerwerk und werden von den bereits Angekommenen jubelnd empfangen.

Das Werktor ist heute geschlossen. Kein Lkw fährt ein oder aus. Auch die Gleise bleiben leer. Man hat sich auf die Blockade eingestellt. Die Polizisten, die vor Zäunen stehen, wirken freundlich. Wir legen mitgebrachte Strohsäcke auf den Beton und auf die Wiese. Viele schlafen sofort ein, andere bauen Zelte auf. Essen wird vorbereitet, eine Bühne gebaut, Transparente zwischen die Laternen gehängt. Wie diszipliniert Ungehorsam ablaufen kann. Man bietet den Polizisten Essen an, eine Pappkamera wird gebastelt. „Watching you, watching us“, steht darauf. Trotzdem spüre ich eine untergründige Spannung, die mich an eine Antilopenherde erinnert, die friedlich weidet, weil die Löwen, von denen sie umzingelt ist, satt in der Sonne liegen. Aber die Jagd kann jeden Moment losgehen.

Auf Dächern stehen Fernsehteams, alle warten. Nach dem Essen nehme ich einer Frau vom Küchenteam die Couscous-Kelle ab. Die Schlange ist ewig. Alle sehen zu den Gleisen. Eine Reihe Menschen sitzt hintereinander wie beim Eisenbahnspielen und jeder massiert den Vordermann. Die Gleise sind besetzt, die Polizei zog sich zurück. Julia Verlinden, Bundestagsabgeordnete von den Grünen aus Niedersachsen, sitzt auf einem Strohballen und erzählt mir alles über europäische Frackingmethoden. Abendstimmung, Lieder werden gesungen. Die meisten bleiben hier, übernachten in den Zelten, wir fahren mit dem Zug zurück.

Im Camp ist es still. Nach uns kommt ein Bus vom Aktionscamp: Es habe Ausschreitungen gegeben. Wieder zu Hause finde ich im Internet ein Video, auf dem in der Nacht die Leute mit Gummiknüppeln geschlagen werden, mit denen ich gestern friedlich zusammen saß. Ich bin hingefahren, um den Widerstand zu spüren und eine Hoffnung zu bekommen. Die Hoffnung war da. Aber ich werde sie ab und zu erneuern müssen.

06:00 26.09.2018

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